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Gepostet on 3 Mrz 2017 in Aktuelles aus der Diözese, Diözese, Lokalnachrichten, Politik und Gesellschaft, Publikationen, Slide

Bischof Shomali: „Nicht ohne Tränen, aber zuversichtlich und enthusiastisch gehe ich von Jerusalem nach Amman“

Bischof Shomali: „Nicht ohne Tränen, aber zuversichtlich und enthusiastisch gehe ich von Jerusalem nach Amman“

 

INTERVIEW – Am Freitag, den 24. Februar, am Vorabend seiner Einführungsmesse in Amman als neuer Patriarchalvikar in Jordanien und Nachfolger von Bischof Maroun Lahham am 8. Februar 2017, spricht Bischof Shomali zu den Gläubigen Jordaniens und ruft die wichtigsten Herausforderungen, die vor ihm liegen, ins Gedächtnis.

In welcher Gemütsverfassung haben Sie die Ernennung zu dem neuen Amt empfangen, das vor ihnen liegt? Wie sehen Sie die jüngsten Änderungen in der Kirche von Jerusalem, besonders Ihren Abschied von Jerusalem und Palästina, nach all den Jahren als Vikar?

Ich will nicht leugnen, dass ich erstaunt war über meine kürzlich erfolgte Ernennung in Jordanien, und gleichzeitig nahm ich sie mit großer Gelassenheit an. Jede meiner Ernennungen bisher, als Generalschatzmeister und danach als Rektor des Seminars, Kanzler und Weihbischof in Jerusalem und Palästina, war überraschend. Nach dem Seminar wurde ich nach Jordanien gesandt, einem Land, das mir bis dahin unbekannt war, und ich verbrachte acht Jahre als Pfarrvikar und Pfarrer in Zarka und dann in Shatana. Ich erinnere mich sehr gern an diese frühen Jahre als Priester, das herzliche Willkommen durch die Pfarrgemeinde und die starke pastorale Dynamik. Demütig kann ich sagen, dass mich der Heilige Geist jedes Mal dahin führte, „wo er wollte“, wo ich niemals gedacht hätte hinzugehen, und gleichzeitig hat mich immer die Gnade Gottes begleitet.

Heute ist es ein neuer Anfang für mich, und ich verlasse Jerusalem nicht ohne Tränen. Ich liebe diese Stadt, ihre Komplexität und ihren Reichtum, ihre Kirchen, ihre Menschen, ihr ökumenisches und interreligiöses Engagement, und ich traf gern Pilgergruppen und die Ritter vom Heiligen Grab, die uns täglich im Patriarchat besuchen. Trotzdem bin ich zuversichtlich und enthusiastisch, dass ich nach Amman gehe: die Erfahrung, die ich in all den Jahren sammeln durfte, wird mir helfen, meine Arbeit als Hirte in derselben Diözese fortzusetzen, und meine Aufgabe ist es fortzusetzen.

Ich verstehe, dass der Vatikan nicht gleich einen Patriarchen ernannt hat. Rom hat seine Gründe, die jeder kennt. Das Lateinische Patriarchat braucht eine administrative und finanzielle Reorganisation, der Einsatz ist hoch, aber mit Hilfe des guten Willens aller werden wir es schaffen.

Was sind die ersten Worte, die Sie an die Gläubigen in Jordanien richten wollen, jetzt da Sie ihr neuer Hirte sind?

Ich möchte den Gläubigen in Jordanien und der Geistlichkeit für ihren herzlichen Empfang danken und für ihre Bereitschaft, mit den Bischöfen, Priestern, Diakonen und allen geweihten Personen zum Heil unserer Mutter Kirche zusammenzuarbeiten, unermüdlich das Evangelium zu verbreiten und unsere Arbeit der Nächstenliebe den Bedürftigen anzubieten. Wir sind unterschiedliche Glieder desselben Leibes, und ich freue mich, in dieses Land zu kommen, das mir nicht mehr ganz neu ist. Als ich die Gelegenheit hatte, während der letzten Klausurtagung der Priester in Jordanien zu predigen, sah ich, dass die Hälfte der Priester meine früheren Studenten im Seminar waren, und die andere Hälfte Kollegen aus meiner Generation sind. Wir sind ein und dieselbe Familie, ich bin dankbar, weil es von vornherein leichter ist, mit Menschen zu arbeiten, die man kennt und liebt. Das ist der Grund, warum ich in Amman mit so viel Vertrauen wie Bangigkeit ankomme. Ich denke gern an die Worte, die der Hl. Augustinus seinen Nachfolgern in Hippo sagte: „Für euch bin ich ein Bischof, mit euch bin ich ein Christ: Wenn ich Angst davor habe, was ich für euch bin, so bin ich beruhigt durch das, was ich mit euch bin.“

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen Ihrer neuen Aufgabe?

Es gibt natürlich Schwierigkeiten, die von dem Aufbau und dem Management der Universität von Madaba herrühren. Das Patriarchat hat hohe Schulden angehäuft, und das hat auch gerichtliche Folgen. Wir möchten diese Angelegenheit mit der Transparenz von Gerechtigkeit und Nächstenliebe beenden. Dieses Problem hat zwischen vielen Gottesmännern Spaltungen geschaffen, die geheilt werden müssen.

Eine weitere Herausforderung sind die zwei Millionen syrische und irakische Flüchtlinge, die nach Jordanien gekommen sind und die wir in großer Zahl in unsere Schulen und Pfarren aufgenommen haben. Wir müssen ihnen helfen, trotz des regionalen und lokalen Kontextes, eine Zukunft mit Hoffnung aufzubauen. Die wirtschaftliche Situation in Jordanien im Allgemeinen, für die Flüchtlinge und auch für die Jordanier selbst, ist schwierig. Jordanien hat auch mehr Flüchtlinge aufgenommen als es die Kapazitäten und begrenzten Ressourcen eines noch Entwicklungslandes gestatten. Aber diese Großzügigkeit darf nicht zum Vorwurf gemacht werden, ganz im Gegenteil: Jordanien ist ein Lands des Willkommens, und wir müssen Lösungen anbieten, die unserer christlichen Berufung entsprechen. Um das zu tun, brauchen wir eine junge und dynamische Geistlichkeit, katholische Institutionen und viele ausgebildete Laien, die in der Lage sind, eine bessere Zukunft für alle zu schaffen.

Zusätzlich zu dem Thema der Flüchtlinge gibt es auch die Herausforderung des ökumenischen Dialogs zwischen den Kirchen und den interreligiösen Dialog zwischen den Menschen, besonders im Zusammenleben mit Moslems. Zurzeit gibt es eine Koexistenz, aber wir müssen unermüdlich sicherstellen, dass sie wächst.

Wie sehen Sie die Situation in Jordanien, die Koexistenz der Völker, die Stabilität des Königreiches, die durch Angriffe im vergangenen Dezember erschüttert wurde?

Wenn man die Region als Ganzes betrachtet, die Situation im Irak, in Syrien, Jemen, Libyen und sogar in Ägypten, so wird Jordanien oft und zu Recht als Oase des Friedens bezeichnet. Die Angriffe im Dezember waren schlimm, aber sie wurden von der Regierung gut bewältigt. Das Königreich bietet allen seinen Bewohnern Sicherheit und Religionsfreiheit. König Abdullah hat immer, auch in der Nachfolge seines Vaters, eine Politik der Offenheit und der völligen Religionsfreiheit vertreten, rasch Fundamentalismus abgedämpft. Der König ist auch der Beschützer der Heiligen Stätten in Jerusalem, und vergangenes Jahr leistete er seinen Beitrag zur Renovierung der Ädikula des Heiligen Grabes in der Grabeskirche. Christen sind vollständige Mitglieder des jordanischen Volkes und ein Gewinn für das Land. Sie erhalten Schulen, Spitäler und karitative Einrichtungen. Unter ihnen sind viele Palästinenser, die sich in Jordanien daheim fühlen.

Die Koexistenz zwischen Christen und Moslems ist auch exemplarisch, obwohl sie natürlich nicht perfekt ist. Es gibt viele Begegnungen auf allen Ebenen. Die Deklaration von Marrakesch vom Januar 2016 über die Rechte der nicht moslemischen religiösen Minderheiten in moslemischen Ländern nährt all unsere Hoffnung in diesem Bereich. Das Dokument, das ich gern als das Nostra Aetate für Moslems bezeichnen möchte, lädt moslemische Theologen und Denker dazu ein, am „Prinzip der Bürgerschaft“ für alle zu arbeiten, und die Politiker, die verfassungsmäßigen, politischen und legalen Maßnahmen zu treffen, die zu seiner Gestaltung notwendig sind. Die Deklaration, die eindeutig den Missbrauch der Religion dazu verbietet, religiöse Minderheiten in moslemischen Ländern ihrer Rechte zu berauben, muss noch in vielen Details in die Praxis umgesetzt werden, aber ich hoffe, sie wird Einfluss haben.

Interview von Myriam Ambroselli