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Gepostet on 6 Mai 2016 in Diözese, Geistliche Leben, Politik und Gesellschaft, Slide

Die „dynamische Mission“ des Heiligen Landes

Die „dynamische Mission“ des Heiligen Landes

 

Interview mit einem Zeugen – In einem exzellenten Interview mit „Salt and Light Television“ am 3. März 2016 sprach Pater David Neuhaus SJ, Patriarchalvikar, über seine Berufung und die besondere Mission des Heiligen Landes und der Kirche von Jerusalem.

ZEUGEN Interview
mit Pater David Neuhaus, SJ
von Pater Thomas M. Rosica, CSB
Notre Dame von Jerusalem Zentrum, 3. März 2016

FTR: Pater David Neuhaus, danke, dass Sie sich bei Ihrem sehr dichten Programm Zeit nehmen, uns während Ihres Jerusalembesuchs zu treffen, herzlich willkommen!

FDN: Ich danke Ihnen. Es ist eine Ehre für mich!

FTR: Sie sind Jesuit, Sie sind Patriarchalvikar für die Hebräisch sprechenden Katholiken und sehr engagiert in der Kommission für den Seelsorgedienst für Migranten. Es ist eine Kleinigkeit, es ist eine Menge und zusätzlich sind Sie Mitglied der Jesuiten, Sie sind ein relativ junger Priester, und Sie haben jüdisches Blut. Lassen Sie uns bei den Anfängen beginnen. Erzählen Sie mir von David Neuhaus und Ihrer Erfahrung, in einer jüdischen Familie in Südafrika aufgewachsen zu sein, was heißt das alles?

FDN: Ich wuchs in einer Familie von Migranten, jüdischen Migranten , auf, meine Familie floh in den 1930ern aus Nazi-Deutschland, fand Zuflucht in Südafrika, wo ich in die jüdische Gemeinde von Südafrika hineingeboren wurde, seit 1962 eine sehr festgefügte, zusammenhaltende Gemeinde. Ich erhielt meine gesamte Ausbildung innerhalb des jüdischen Tagesschulsystems, eines exzellenten Erziehungssystems, auf das die Jüdische Diaspora immer stolz war, und das aus gutem Grund. Als ich 15 war, beschlossen meine Eltern, mich nach Israel zu schicken. Die Lage in Südafrika war ziemlich schlimm, wir sprechen von den Jahren 1976-1977, sehr dunkle Jahre für Südafrika. Weil ich in einer jüdischen Schule eingeschrieben war und die jüdische Schule die Möglichkeit anbot, Kinder nach Israel zu senden, ging ich tretend und schreiend weg, ich wollte nicht gehen.

FTR: Wo war Ihre Bar Mitzwa, in Südafrika oder hier?

FDN: 1975 in Südafrika, zwei Jahre, bevor ich herkam. Ich kam hier an und verliebte mich sofort in Jerusalem und wollte nicht weg.

FTR: Warum, was bot Jerusalem einem jungen jüdischen Kind?

FDN: Es war nichts sehr Jüdisches, glaube ich. Ich denke, es war diese pulsierende Stadt, die für mich das Zentrum der Welt zu sein schien. Ich glaubte nicht an Gott, wir beteten, weil wir müssten, es war eine jüdische Tagesschule, ziemlich ähnlich dem, glaube ich, was katholische Schulen ihren Schülern anbieten. Aber religiöse Fragen und Gott interessierten mich nicht. Was ich fühlte, war diese pulsierende Energie, diese faszinierende Stadt, die ich erforschen wollte, und ich ging sie zu erforschen. Teile der Stadt wurden uns gezeigt, aber mich interessierten besonders die Teile, die uns nicht gezeigt wurden.

FTR: Die waren….

FDN: Die christlichen Teile, die moslemischen Teile, die arabischen Teile, alles, was uns nicht gezeigt wurde, interessierte mich. Zusätzlich, und ich erinnere mich nicht mehr an die Gründe, faszinierte mich zu dieser Zeit die russische Geschichte, und so legte ich Wert darauf, die russischen Klöster zu besuchen. Zu dieser Zeit wollte ich auch ein Buch schreiben, ich war erst 15 Jahre alt, aber ich wollte unbedingt ein Buch schreiben über eine Frau, die in der russischen Kirche heiliggesprochen worden war. Sie war die Schwester der letzten Zarin. Die HL. Elizabeth Fedorovna, eine Frau, die mich faszinierte, sie hatte ein unglaublich dramatisches Leben und ist in Jerusalem begraben.

Ich fand heraus, dass eine entfernte Verwandte die Äbtissin eines Klosters auf dem Ölberg ist. So lief ich an einem Sabbat Nachmittag, einem Samstagnachmittag, aus dem Internat weg und ging den Ölberg hinauf, um zu versuchen, Mutter Tamara zu interviewen, die im Koma lag. Das war kein sehr erfolgreicher Versuch, aber die Nonne, die sie betreute, sagte, dass es eine andere Nonne gäbe, die sich an diese Zeit erinnere und die Elizabeth Fedorovna kenne, „geh und besuche sie“. So sagte ich „sicher“ und lief weiter und wurde Mutter Barbara vorgestellt, einer 89-jährigen Russisch-Orthodoxen Nonne, die seit 20 Jahren gelähmt war und in einem kleinen Raum lebte. Eine Nonne, eine uralte Dame, gelähmt – ein Rezept für eine Depression. Aber ich ging hin und sprach lange mit ihr, wir verbrachten drei Stunden zusammen. Sie erzählte mir sehr enthusiastisch von Elizabeth Fedorovna, den Romanows, über das Leben im russischen Reich, und ich war begeistert, es war wie ein Traum. Und ich sagte „vielen Dank“ und ging heim. Während ich ins Internat zurückging, erkannte ich plötzlich etwas, das mir völlig lächerlich erschien. Ich hatte gerade die fröhlichste Person getroffen, die mir jemals begegnet war, und ich sagte mir, das ist nicht möglich, eine beinahe 90-jährige Nonne, die gelähmt ist, das ist unmöglich.

Am nächsten Samstag lief ich wieder aus dem Internat weg und ging zu Mutter Barbara. Ich sagte zu ihr: „Mutter Barbara, ich bin nicht hier, um über St. Elizabeth zu sprechen, nicht hier, um über Russland zu sprechen, ich habe eine brennende Frage, die ich Ihnen stellen will. Warum sind Sie so voller Freude?“ Und sie sah mich ein bisschen befangen an, ich glaube, sie wusste, dass ich ein jüdischer Heranwachsender war, und ich glaube, sie wollte sich nicht darauf einlassen. Aber ich bestand darauf, ich sagte, „ich will es wirklich wissen.“ Und endlich sagte sie, „Ok, ich sage es dir, ich bin verliebt!“ Ich dachte, das sagt alles, sie spinnt. Aber als sie dann über den, den sie liebt, zu sprechen begann, war er da. Ich hatte wegen der authentischen Freude ihres Zeugnisses niemals gezweifelt, dass Jesus real ist. Ich hoffte, dass ich ihm während der nächsten Perioden tatsächlich begegnen würde. Aber die Kraft dieser uralten, gelähmten Dame war mein Wegweiser zu ihm. Dann sagte ich mir, „Nun, was soll ich jetzt tun? Hier bin ich, ein Atheist, Jüdisch, stolz darauf, ein Jude zu sein, stolz darauf, ein 15-jähriger Atheist zu sein und ich bin gerade Jesus begegnet….

FTR: In Jerusalem?

FDN: In Jerusalem. Die nächsten Monate verbrachte ich damit, das alles zu überdenken. Zu allererst hatte ich ein sehr offenes Gespräch mit meinen Eltern, meinen jüdischen Eltern, die nicht praktizierten, aber sehr Jüdisch waren, die aus Nazi-Deutschland davonliefen oder ihre Familien taten das. Und ihre erste Reaktion, als ich sagte, „Mom, Dad, ihr habt mich nach Jerusalem geschickt, und wisst ihr was, Ich glaube an Gott und er hat einen Sohn, der Jesus heißt.“ Ihre Reaktion war, „wie kannst du zu ihnen gehen, nach dem, was sie uns angetan haben?“ Ich war am Boden zerstört, darüber hatte ich nie nachgedacht, „ich spreche zu euch über Jesus“ und sie sagten, „aber du bist Jude.“

So leistete ich einen Eid, ich schwor meinen Eltern, ich sagte: „Wisst ihr was, entspannen wir uns. Ich verspreche euch, dass ich die nächsten 10 Jahre nichts unternehme. Machen wir eine Pause von 10 Jahren, wenn es in 10 Jahren, wenn ich 25 bin (ich war zu dieser Zeit 15), noch immer stimmt für mich, dann werdet ihr akzeptieren.“ Sie schauten mich an und lächelten einander zu und sagten, „ein Deal“, wahrscheinlich dachten sie, morgen wird vielleicht ein Buddhist werden und danach ein Moslem.“ Wir haben die Krise bewältigt.

Während der nächsten 10 Jahre versuchte ich nicht nur, Ihn besser kennenzulernen, sondern versuchte auch, eine Antwort auf die Frage meiner Eltern zu finden. Wie konnten sich die Nachfolger Christi so benehmen, die, die sich nämlich die Nachfolger Christi nannten.

In der Russisch-Orthodoxen Kirche fand ich nicht die Antwort, die mich zufrieden stellte. Die Antwort, die mir gegeben wurde, war, David, die Welt ist ein schlechter Ort, viele schlimme Sachen geschehen, du willst in Sicherheit sein, bleib hier und bete, bleib in der Liturgie. Ich bin sicher, Sie kennen die russische Liturgie, sie ist der Himmel, die byzantinische Liturgie ist wirklich der Himmel. Aber ich sagte, auf keinen Fall, das kann ich nicht. Ich habe schon mit meiner wenigen Erfahrung Schwestern gesehen, die zueinander und draußen in der Welt böse waren, es sind leuchtende, strahlende Menschen, die nicht in der Liturgie sind. Diese Abteilung kann ich nicht akzeptieren.

Und so vertiefte ich mich weiter, und zwei Dinge geschahen, die entscheidend waren. Das erste war, ich begegnete Papst Johannes XXIII, natürlich traf ich ihn nicht persönlich, aber ich las über ihn und las ihn, und ich bin überzeugt, dass auf einer bestimmten Ebene die Frage meiner Eltern seine Frage war. Ich meditierte wirklich darüber. Und das zweite, das geschah, war, ich traf Leute, die viele Fragen stellten, das waren die Jesuiten. Und langsam, aber sicher kam ich in den Kreis der katholischen Kirche. Die Jahre vergingen, ich akzeptierte diese 10-Jahres-Periode des Nachdenkens, Meditierens, Erkennens, gute jesuitische Worte, ehe ich Jesuit wurde.

Al s die Zeit kam, waren meine Eltern bereit. Sie willigten ein, dass ihr Sohn, das schwarze Schaf, wirklich getauft würde und sie akzeptierten, dass er ein Priester werden wollte, und akzeptierten, dass er eine Ordensmann werden wollte. Es war eine wunderbare Reise, die unsere Familie sehr, sehr eng zusammen führte.

FTR: Meine erste Reaktion ist oh mein Gott…wow!

FDN: Lassen Sie mich erzählen, dass es wirklich eine interessante Reise war, die noch länger dauerte, denn als die 10 Jahre vorbei waren, hatte ich die Hebräische sprechende Gemeinde in Jerusalem entdeckt und wurde Mitglied. Ich bin jetzt Leiter dieser Gemeinde und bestehe darauf, dass wir dieselbe Politik anwenden, die ich erlebte, als ich kam und sagte, „Hallo Leute, ich glaube an Jesus, tauft mich“. Und sie sagten: „Du bist nicht ganz bei Trost, das geht viel zu schnell. Zwei Jahre, wir taufen niemanden, der nicht eine Zwei-Jahres-Frist des Lernens, Studierens, der Erfahrung, des Verwurzelt-Seins in der Gemeinde, des Erkennens hat“. Und ich sagte, „OK, das bedeutet für mich zwei Jahre Zeit, um mich zur Kirche zu bekennen“. Niemand wusste, was in mir vorging außer meinen Eltern und ein paar sehr engen Freunden. Ich wartete also zwei weitere Jahre und wurde endlich getauft. Eine wunderbare irische, katholische Nonne von St. Joseph von der Erscheinung war meine Taufpatin.

FTR: Die meine Freundin Schwester Catherine Casey war.

FDN: Ja, Ihre Freundin Schwester Catherine Casey begleitete mich viele Jahre, bevor ich getauft wurde. Und dann wurde ich von einem Jesuiten getauft, der damals der Pfarrer der Hebräisch sprechenden Gemeinde in Jerusalem war. Im Moment meiner Taufe sagte ich: „Hören Sie, Pater, Sie haben es gesehen, wissen Sie, ich möchte Jesuit werden.“ Und er sah mich an und sagte: „ Warum rennen Sie, warum so schnell… wir akzeptieren keine Neubekehrten, Sie müssen drei Jahre warten.“

OK, ich promovierte an der Hebräischen Universität in Politikwissenschaften während dieser drei Jahre, drei wunderbare Jahre der Forschung und des Studiums, ich lernte die Ortskirche noch besser kennen, weil sie Teil meiner Forschung war, und dann wurde mir endlich gestattet, in die Gesellschaft einzutreten.

FTR: Zu welcher Provinz gehören Sie?

FDN: Auch das ist eine interessante Geschichte. Als ich eintrat, sagte ich: „Hört her, Leute, ich möchte Teil dieser Provinz sein“, und meinte den Mittleren Osten. „Ich möchte hier sein, mein Leben ist hier.“

FTR: Sie sind also keine Leihgabe von Südafrika?

FDN: Nein, ich habe die Kirche in Südafrika nie gekannt. Aber als ich meine Bewerbung machte, sagte der Provinzial, der ein sehr weiser Ägypter war und in Beirut lebte: „David, wir können dich nicht in dieser Provinz aufnehmen, du bist ein israelischer Jude, wir sind Ägypter, Syrer und Libanesen, es herrscht Krieg, wie können wir dich in unserer Mitte aufnehmen.“ Sehr enttäuscht stimmte ich ihm zu, erkannte die Logik, und er sagte: „Geh in die Provinz Neuengland, sie haben eine Verbindung mit dem Mittleren Osten.“ Neuengland, Boston, und ich war dadurch sehr tief beunruhigt. Ich nahm Kontakt mit der Provinz Neuengland auf, sie akzeptierten mich, und dann, als ich gerade dabei war zu gehen, schrieb er mir und sagte: „Wir müssen prophetisch sein, dein Platz ist bei uns, geh nach Neuengland, geh hin, mach die Erfahrung, aber du gehörst zu uns.“ Und so, im zweiten Jahr meines Noviziats, kam ich nach Ägypten, verbrachte eine wunderbare Zeit mit einem wunderbaren Novizen-Meister, der später Provinzial der Provinz Mittlerer Osten wurde. Wir waren vier Novizen, ich, was immer ich bin, israelischer Jude, zwei Ägypter und ein Syrer. Meine drei Mitnovizen sind alle drei in Frankreich verheiratet. Ich bin der einzige, der aus der Gruppe übrig blieb, aber die Erfahrung, voll in der Ortskirche integriert zu sein, die palästinensische Arabisch sprechende Kirche, die größere Kirche im Mittleren Osten, und dabei trotzdem eine Hebräisch sprechende, jüdische Identität zu bewahren, war eine wirklich unglaubliche Erfahrung.

FTR: Was aber spüren Sie in sich selbst, hier ist ein israelischer Jude, geboren in Südafrika, der mitten in dieser Spannung lebt, in diesem Zyklon, wenn Sie so wollen, was erleben Sie von all dem in Ihrem Körper, ihrem Fleisch, wie gehen Sie damit um?

FDN: Ich denke, es ist eine Gnade. Ich denke, es ist eine wunderbare Gnade, und besonders, weil ich glaube, dass ich mich nicht allein damit befasse. Ich denke, ich befasse mich damit als Teil einer Kirche, die aufgerufen ist, das zu leben. Und übrigens, es heißt nicht in der Mitte zu sein, es heißt, ein voller, voller Teil zweier Gesellschaften zu sein, die sich gegenseitig auseinanderreißen, die israelische und die palästinensische Gesellschaft. Das ist eine besondere Gnade, die der Kirche im Heiligen Land gegeben ist, dass sie nämlich in beiden Realitäten tief verwurzelt ist. Und noch einmal, ich mag es nicht, offen gesagt, ich kritisiere jeden heftig, der sagt, die Kirche ist in der Mitte. Unser Platz ist nicht in der Mitte, unser Platz ist es, Hefe und Saat zu sein, richtig mittendrin, und hier sehe ich die Kirche seit Jahrhunderten tief verwurzelt, seit dem Anfang. Die ersten Araber, die an Christus glaubten, werden in der Apostelgeschichte erwähnt, und so können wir sagen, die Arabisch sprechende Kirche geht zweitausend Jahre zurück, wie die jüdische Kirche, die Aramäisch sprechende und was es sonst noch zu dieser Zeit gab. Wenn wir heute schauen, sehen wir, dass Gott mit seinem üblichen Sinn für Humor die Kirche tief in beiden Gesellschaften verwurzelt hat, und das macht uns zu Zeugen einer Realität. Und was ist diese Realität, dass wir eine Kirche sind, die komplett fremd ist für die Welt, in der wir leben.

FTR: Hören Sie jemals auf zu denken, dass das, was Sie leben oder erfahren, Pfingsten ist, die Meder und die Elamiter und die Parther und diese Gruppe und jene Gruppe und die Juden und die Nicht-Juden…

FDN: Das ist es, was wir zu leben aufgerufen sind…

FTR: David Neuhaus lebt das….

FDN: Nun, ich glaube nicht, dass es David Neuhaus ist. Ich denke, es ist die Kirche des Heiligen Landes. Es ist die Kirche des Heiligen Landes, die sich immer mehr dessen bewusst wird, wer sie ist, wie Gott diese Kirche geformt hat, denn wir haben diese kleine Hebräisch sprechende katholische Präsenz und im Land haben wir eine sehr wichtige, institutionell starke palästinensisch-arabische Präsenz. Wir hatten immer schon die im Exil Lebenden, aber heute haben wir eine riesige Gruppe von Migranten, die vorwiegend auf der jüdischen Seite lebt. Wenn wir vollständig begreifen, was Kirche ist, dann, denke ich, begreifen wir nicht nur Pfingsten, sondern es ist eine Art von eschatologischer Realität von Jerusalem, die als Braut herabsteigt. Und hier liegt ein unglaublich wichtiger Teil der Berufung der Kirche, die Sprache zu sprechen, die sehr stark die Sprache des Königreichs ist. Es ist die Sprache dessen, was völlig unmöglich scheint, die aber gerade jetzt jedes Mal geschaffen wird, wenn wir Eucharistie feiern und als Christen aus der Eucharistie gehen.

Nun, vor eineinhalb Jahren wurde mir das so richtig bewusst, wir erlebten hier wieder einen schrecklichen Krieg, nichts Neues. Gaza und unsere Pfarre in Beer Sheba, ich dachte darüber nach an jedem einzelnen Tag über eine lange Zeit, dass wir in Gaza, in der Mitte von Gaza, unsere Pfarre haben, die Pfarre zur Hl. Familie, die Menschen leben in Angst, die Israelis bombardieren Gaza ununterbrochen und machen Teile von Gaza fast dem Erdboden gleich. Und dort feierten die Menschen jeden Tag Eucharistie. Und nur einige Kilometer entfernt auf der israelischen Seite haben wir die Stadt Beer Sheba, und mitten in der Stadt liegt unsere Pfarre von Unserem Vater Abraham. Jeden Tag wird die Eucharistie in Hebräisch gefeiert, oft im Luftschutzkeller wegen der Geschoße der Hamas. Welche Realität schafft das? Ist es nur ein Ritual, oder ist es die Kirche, die sich jeden Tag neu formt als Gegenzeuge zu dem, was das Land durchmacht. Und hier, glaube ich, sind wir aufgerufen, sehr stark darüber zu reflektieren.

Viele Jahre hatten wir einen wunderbaren Patriarchen, der wirklich gründlich darüber nachdachte und die Kirche Lichtjahre vorwärts führte, sich immer dessen bewusst, dass wir ein Zeichen sind, ein eschatologisches Zeichen dafür, was dieses Land zu sein aufgerufen ist. Jenseits all dieser Feindseligkeiten und Kriege geben die Christen Zeugnis für das, was unmöglich scheint, aber wir wissen, es ist möglich, weil es die Logik des Königreiches ist.

FTR: Ich war sehr glücklich darüber, die wichtige Rolle zu erkennen, die Patriarch Michel Sabbah in Ihrem Leben hatte und in meinem Leben, sein Einfluss, ein Mann der Visionen. Was war das Besondere an seiner Führung hier in Jerusalem für die Jahre nach 1988, die Sie so beeindruckten und Ihnen dieses Verständnis von Ecclesia, dieser universalen Bedeutung von Kirche und Mission gaben?

FDN: Zwei Dinge und zwei Dinge, die sehr, sehr klar sind, vielleicht viele andere, die mit seiner Person zu tun haben, mit seiner Bescheidenheit, seiner Weisheit, seiner Führung, aber zwei Dinge sind sehr wichtig. Das eine, sein Bewusstsein, dass wir eine neue Sprache sprechen müssen, dass wir nicht einfach die Sprache der Politiker übernehmen können, die Sprache der Straße oder sogar unseres Erziehungssystems in Palästina oder Israel. Wir müssen eine Sprache entwickeln, die ehrlich ist für das, was wir als Christen sind, das heißt, dass bestimmte Wörter, die auf der Straße in aller Munde sind, von uns nicht mehr verwendet werden; oder dass wir sie sehr kritisch benutzen, Wörter wie Feind, Hass, Rache. Das sind Wörter, die wir als Christen einfach nicht benutzen. Ok, und andere Wörter wie Vergebung und Liebe und Reue, und kritische Stimmen und prophetische Einsicht sind Dinge, die wir ernst nehmen müssen. Eine Sache ist also die Sprache, wir haben eine besondere Art zu sprechen, es ist die Sprache des Königreiches; ein Königreich, das schon da ist, weil wir Eucharistie feiern, und das noch nicht da ist, weil die Welt noch nicht eucharistisch ist.

Die andere Sache, die sehr wichtig ist, ist, dass er Institutionen einrichtete, die diese Sprache sprechen, und die schon bestehenden Institutionen darauf aufmerksam machte, dass das unsere Pflicht ist. Die Idee, wenn du Kirche baust, ist, dass du Mauern einreißt. Wir denken an den Bau einer Kirche, daher errichten wir die Mauern, und in unseren christlichen Gemeinden, wo es so viel Angst gibt, und ich denke, wir können alle realisieren warum, und verstehen, dass es natürlich und menschlich ist; die Mauern, die errichtet werden, wenn wir Angst haben, sind die Mauern, die eigentlich die Kirche zerstören und nicht aufbauen. Daher Patriarch Sabbahs Bestehen darauf, beständig im Dialog zu bleiben mit allen jenen Partnern in der Gesellschaft, die unsere Werte teilen, ganz egal, ob sie Moslems oder Juden sind.

Ich war viele Jahre lang Teil einer kraftvollen Kommission, die er ins Leben gerufen hatte, um mit den Juden Dialog zu führen und kritisch darauf zu schauen, was dieser Dialog in unserem Kontext bedeutet. Wir verstehen, was es im Kontext mit Europa heißt. Ich verstehe das mit meinem Fleisch und Blut, Juden, die an den Rändern lebten, die verfolgt wurden und litten, weil sie eine so kleine Minderheit waren. Das ist nicht die Realität in Israel. Die Juden, wir als Juden, wir sind eine dominante, unsensible Mehrheit. Und was heißt das, wenn wir als Kirche in Dialog treten mit den Juden in Israel. Es heißt etwas völlig anderes. Über diesen Dialog kreativ nachzudenken, dabei war er wirklich ein Führer und Erneuerer, sowohl in der Formulierung des Diskurses als auch im Errichten von Institutionen, das ist ein Erbe, das er uns Gottseidank hinterlassen hat und an dem wir weiter arbeiten müssen.

FTR: Wenn viele Menschen auf das Heilige Land und die Kirche in Jerusalem schauen, auf das Lateinische Patriarchat, so realisieren sie nicht, dass es auch eine lebendige, Hebräisch sprechende Gemeinde gibt, deren Leiter Sie sind. Worum geht es bei dieser Gemeinschaft? Wer sind sie? Einfach konvertierte Juden in Israel, die eine Erfahrung ähnlich wie Ihre machten? Sind sie Vertriebene, die herkommen und es gut finden, Hebräisch zu sprechen und die Liturgie? Wen umfasst diese Gemeinde?

FDN: Wir sind eine sehr vielfältige Gemeinschaft, wir sind an sieben Orten in ganz Israel und eine Gemeinde, die sehr verschieden ist. Wir kamen aus einem historischen Ort, den wir immer in Ehren zu halten versuchen, und das ist eine Nach Holocaust, nach Shoah Errichtung einer christlichen Gemeinde in Israel, die tiefes Verständnis für das jüdische Volk nach der Shoah hatte. Eine tiefe Wertschätzung unserer jüdischen Wurzeln, eine Gemeinschaft von Pionieren, wenn man an die Vision denkt, die später durch Nostra Aetate gelehrt wurde. Wir wurden 10 Jahre vor der Veröffentlichung von Nostra Aetate gegründet. Einige unserer Gründer wie Pater Bruno Hussar waren unter den Visionären, die später die Vision von Nostra Aetate formulieren konnten. Diese Gemeinde wurde von einigen jüdischen Konvertiten gegründet, wir hatten aber nie viele jüdische Konvertiten; christliche Mitglieder jüdischer Familien, die nach der Shoah in Israel eine Heimat fanden, wenn ein weltlicher Jude Polen verließ mit seiner manchmal sehr frommen katholischen Frau, oder einer Ungarin oder einer Rumänin. Sie kamen nach Israel, waren Teil der jüdischen Gesellschaft, sprachen Hebräisch, anfangs schlecht, ihre Kinder perfekt, sie brauchten eine Kirche, die sie willkommen hieß; die Gerechten der Nationen, jene, die Juden retteten und auch nach Israel immigrierten. So gab es eine pulsierende Kraft und Vitalität in diesen frühen Jahren, als die Gemeinde vielleicht tausend Mitglieder hatte, genau wissen wir es nicht, aber es war eine verborgene Kirche, denn die Kirche, falls jemand wusste, dass es eine Kirche im Heiligen Land gab, war vorherrschend eine Palästinensisch Arabische Kirche. Diese Menschen waren verborgen und suchten nicht das Rampenlicht, sie zogen es vor, diskret zu sein. Was aber geschah, ist, dass sich diese Gemeinde verändert hat. Viele der Jugendlichen in der Gemeinde assimilierten in die weltliche jüdische Bevölkerung. Die Gemeinde schrumpfte, begann aber in den 90er Jahren wieder zu wachsen, und das sehr stark. Zunächst migrierten viele Russen ins Land, und Zehntausende von ihnen waren Christen. Hunderttausende von ihnen waren nicht in einer bedeutsamen Weise jüdisch, aber es gab viele Christen, vor allem Russisch-Orthodoxe, und unsere Gemeinde begann, einen Auftrieb mit neuen Familien zu nehmen, die in die katholische Kirche kamen.

Was aber wirklich das Leben der Kirche innerhalb der jüdisch israelischen, Hebräisch sprechenden Gesellschaft verändert hat, war die Tatsache, dass Israel ein reiches Land geworden ist. Und als ein reiches Land, wie die Länder in Europa, wie Kanada, die Vereinigten Staaten oder Australien, zog es enorme Migration an; Arbeitsmigration, Menschen, die Arbeit suchten, arme Leute; und Menschen, die vor Konfliktsituation flohen oder vor Hunger – Flüchtlinge. Und so übersteigt die Zahl der Migranten in Israel heute möglicherweise die Zahl der Christen, die Bürger des Staates Israel sind, und diese Menschen leben in der jüdischen, Hebräisch sprechenden israelischen Gesellschaft. Sie sprechen nicht Hebräisch, sie wollen nicht auf Hebräisch beten. Sie wollen auf Tagalog, Konkani, Malaysisch, Tigrinja, Sinhala, in irgendeiner der Sprachen der Dritten Welt beten. Die aber wirklich Hebräisch sprechen, sind die Kinder, die hier geboren wurden, die hier in die Schule gehen, in den Kindergarten, die sich verbessern, und wir wissen nicht, was ihre Zukunft ist. Einige von ihnen sind schon seit zwei Generationen hier, in einem Fall, den ich kenne, sind es drei Generationen von Menschen, die hier sind und die an den Rändern der israelisch jüdischen, Hebräisch sprechenden Gesellschaft leben. Niemand sieht sie als Juden, sie sind bis zu einem gewissen Grad sozial integriert, was ihre Zukunft ist, wissen wir nicht, aber wir müssen ihnen helfen. Und ich würde darauf bestehen, dass auch das Teil der Mission der gesamten Kirche des Heiligen Landes ist. Es sind nicht nur die Hebräisch Sprechenden, die mehr Gläubige suchen. Es ist die Kirche des Heiligen Landes, die erkennt, dass sie nicht nur eine Kirche ist, die sich damit befasst, hinter den Mauern zu überleben, sondern dass eine Kirche eine Mission hat, und diese Mission richtet sich auch an die Ärmsten der Armen im Heiligen Land heute – Arbeitsmigranten, die ausgebeutet und missbraucht werden, auf der ganzen Welt.

FTR: Das ist auch Teil Ihres Amtes, diese Kommission, die sich mit der riesigen Gruppe von Migranten befasst. Innerhalb der riesigen Gruppe, die hier ist, die großen Gruppen, wer sind sie? Wer bildet den anderen Aspekt Ihres pastoralen Amtes?

FDN: Wenn wir eher über Christen im Allgemeinen sprechen als nur über Katholiken, dann sprechen wir über zehntausende Afrikaner, zehntausende Asiaten, zehntausende Osteuropäer. Wenn wir über Katholiken reden, dann ist es eine sehr große asiatische Population, Philippiner, Inder, Sri Lanker.

FTR: Und sie sind hier in ihrer Funktion als heimische Arbeitnehmer?

FDN: Als Pfleger, sehr viele im Bereich der Pflege, aber auch andere handwerkliche Tätigkeiten, die reiche Leute nicht machen wollen. So haben wir auch hier eine sehr lebendige Gemeinde, nicht unbedingt Hebräisch sprechend, aber voll in der Hebräisch sprechenden, jüdisch israelischen Gesellschaft lebend, wieder mit der Herausforderung, in voller Gemeinschaft mit der Kirche zu sein, die Arabisch spricht, so dass wir immer erkennen können, was wir aufgerufen sind zu sein, ein Zeichen der Einheit, das sehr abwesend ist.

FTR: Lassen Sie mich zum Anfang zurückkommen, dass die Gesellschaft Jesu Sie anzog, weil die Jesuiten große Fragen oder ernste Fragen stellen, welche sind also diese Fragen, die Sie heute mit dieser unglaublichen Berufung leben?

FDN: Nun, ich glaube, eine der vorherrschenden Fragen ist, und es ist eine biblische Frage, die zurückgeht auf die Frage, die sich selbst im Alten und im Neuen Testament immer wiederholt, und das ist „was sollen wir tun?“ Was sollen wir tun, beständig kritisch urteilend und basierend darauf, wer wir sind, unsere Identität, was unserer Mission sein soll. So könnten wir natürlich die große, große Frage stellen, und das ist eine Frage, die eine Grundlage in meinem Leben ist – Wer ist der Mann? Worum handelt es sich bei ihm? Aber ich denke, als Kirche hier müssen wir ständig darüber nachdenken, was wir tun sollen, was wir wirklich tun sollen? Nun, manchmal scheint es absolut klar, wir müssen überleben. Um jeden Preis, unsere Christen gehen weg, unsere Christen sind verängstigt, wir müssen überleben, lasst uns Mauern bauen. Und hier taucht wieder die Frage auf, aber was sollen wir tun? Sollen wir Mauern bauen? Sollen wir in Ghettos bleiben? Oder ist dieser Mann – lächerlich, unmöglich, inakzeptabel, dumm? Dieser Mann sagt seinen Jüngern ständig, „Gehen wir hinaus, gehen wir auf die andere Seite, bewegen wir uns ständig“, diese dynamische Mission von Jesus ist wirklich eine Quelle von sehr bedeutsamer Reflexion, glaube ich, hier für unsere Kirche.

FTR: Pater Neuhaus ich möchte Ihnen danken dafür, dass Sie die Mauern nicht höher machen, sondern dass Sie Brücken bauen in jede mögliche Richtung. Ich kann Ihnen garantieren, dass es nicht das letzte Mal war, dass Salt and Light Television mit Ihnen gesprochen hat. Danke, toda raba, shukran iktir.

FDN: Vielen herzlichen Dank, danke!

Zeugen Programm von Salt and Light Television