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Gepostet on 26 Apr 2016 in Lokalnachrichten, Politik und Gesellschaft, Slide

Bau der Trennungsmauer in Cremisan: „ Es ist unsere Geschichte, die sie uns wegschnappen, um sie auszulöschen

Bau der Trennungsmauer in Cremisan: „ Es ist unsere Geschichte, die sie uns wegschnappen, um sie auszulöschen

Palästina – April 2016. Während die Bulldozer im Cremisan-Tal und in Beir Onah eifrig uralte Olivenbäume ausreißen, um die Betonteile der Trennungsmauer zu setzen, gab es eine Gelegenheit zu einem Treffen vor Ort mit dem Pfarrer von Beit Jala, Pater Aktham Hijazin, und Issa al-Shatleh, einem christlichen Landbesitzer, um über die Konfiszierung seiner Ländereien zu reden.

Der Cremisan-Fall war so etwas wie eine unvorhersehbare Entwicklung. Dieses wunderschöne Tal der Olivenbäume, zwischen Bethlehem und Jerusalem gelegen, zur Stadtverwaltung von Beit Jala gehörend und hauptsächlich von Christen bewohnt, litt zum ersten Mal unter Landkonfiszierung nach 1967 beim Bau der Siedlung von Gilo. Seit damals ist die Stadt Beit Jala alarmierend geschrumpft. Israelische Bauten haben sich vervielfacht in dieser Region, die von den Osloer Übereinkommen immer noch als „Area C“ Gebiet deklariert ist, das heißt, dass es langsam unter palästinensische Jurisdiktion gestellt werden soll“. Die Palästinenser warten immer noch.

Die Trennungsmauer in Cremisan „ein altes Projekt“

„Der Bau der Mauer und die Enteignung dieses Tals sind ein altes Projekt“, sagt Pater Aktham, Pfarrer in Beit Jala, „ein Abschnitt der Straße wurde schon vor neun Jahren gebaut. Damals wurden und 13 Dunums* genommen. Wir haben all diese Jahre gekämpft.“ Im April 2015 schien der der Israelische Oberste Gerichtshof die christlichen Familien in Schutz zu nehmen, die von der Gesellschaft von St. Yves verteidigt wurden, einem katholischen Zentrum für Menschenrechte des Lateinischen Patriarchats. Die beiden Salesianer-Klöster des Tals sollten auf der palästinensischen Seite bleiben, aber das Schicksal des Landes blieb unklar. Issa al-Shatleh, ein Christ aus Beit Jala, dem schon 2004 ein Teil seines Landes enteignet worden war, gibt zu, dass er nicht sehr viel vom Israelischen Obersten Gerichtshof erwartet hat: „Wir wissen, dass der Gerichtshof immer noch für die Okkupation entscheidet. Wir verließen uns mehr auf den internationalen Druck, und wir danken jenen, die mobilisierten, aber der Druck war nicht ausreichend, sonst würden wir nicht hier reden.“

Am Montag, den 6. Juli 2015 machte der Israelische Oberste Gerichtshof einen Rückzieher. Er gab schließlich dem Ministerium der Israelischen Armee grünes Licht, mit dem Bau der Trennungsmauer im Tal zu beginnen. Die Arbeit begann in der schwülen Hitze des August 2015. Eine Arbeit, die von den israelischen Streitkräften straflos ausgeführt wurde, ohne auf die Grenzen zu achten, die von der internationalen Justiz festgelegt wurden.

„Das ist eindeutig eine Reaktion von Israel auf das Übereinkommen zwischen dem Vatikan und dem Staat Palästina, das im Juni 2015 unterzeichnet worden war“, sagte Pater Aktham. „Der neue Verlauf ist noch schlimmer. Beide Klöster werden an Jerusalem annektiert, und noch mehr Land wird konfisziert. Sie begannen ‚aus Sicherheitsgründen‘ zu bauen, sagen sie. Wir wissen, dass es der Plan der Israelis ist, tatsächlich Land an Jerusalem zu annektieren und mit einer Straße die Siedlungen von Gilo und Har Gilo zu verbinden, um sie auszudehnen.“

Eines Morgens im August wurde Issa von den verstörten Bewohnern des Tals gerufen, die von den Bulldozern aufgeweckt wurden. Er ging sofort mit seinem Bruder auf sein Land und versuchte vergeblich, den Soldaten zu erklären, dass dieses Land und diese Bäume ihm und seiner Familie seit Generationen gehörten. Er ersuchte einen der anwesenden Offiziere, ihm ein offizielles Gerichtsdokument zu zeigen. Keine Erlaubnis wurde gezeigt. Er kämpfte, und er und sein Bruder wurden heimgeschickt. Pater Aktham wurde inzwischen von einem Soldaten gewaltsam am Hals gepackt und vom Bauplatz entfernt.

Erhielten Sie eine Benachrichtigung vom Gericht oder von der Armee? Wurden Sie befragt? „Walla ichi!“ Überhaupt nicht. Issa erinnert sich mit Wehmut an das blühende Beit Jala seiner Kindheit. „Heute ist die Stadt nicht mehr das, was sie war. Es schaut beinahe so aus als wäre sie aufgegeben.“

30 Olivenbäume gehörten Issa und seinen Brüdern (alles in allem 6 Familien mit 25 Personen) auf einer Fläche von 4,5 Dunums, von denen nur mehr einer übrigbleibt, und zu diesem Teil hat er nie mehr Zutritt. „Diese Bäume müssen mit größter Sorgfalt behandelt werden“, klagt er. „Sie stahlen uns auch die Erde, die fruchtbare Erde, die an diesem Ort ganz besonders fruchtbar ist.“ Issa erzählt, wie die Olivenernte es der Familie erlaubte, jedes Jahr ungefähr 15 Fass Öl zu produzieren, durchschnittlich 270 Liter. „Manche Bäume aus der Zeit Christi waren so groß, dass man zwei Tage brauchte, um sie abzuernten. Insgesamt ernteten wir die Oliven in einem Zeitraum von 12 Tagen. Heute haben wir nichts mehr und müssen darüber hinaus das Öl kaufen.“

Für Pater Aktham und für die Christen des Tals geht es um mehr als ausgerissenen Bäume und Land, das uns weggenommen wurde. „Es ist unsere Geschichte, die konfisziert wurde, um sie verschwinden zu lassen. Unsere Olivenbäume, die meisten von ihnen mehr als tausend Jahre alt, wurden ausgerissen uns woanders neu gepflanzt, oft in Siedlungen, so, als ob sie sagen möchten, „wir sind schon seit langem hier.“ Neben den Olivenbäumen wurden auch archäologische Schätze, inklusive römische und byzantinische Grabmäler, zerstört.

Der Gesetzeskampf ist vorbei. Alle Hilfen scheinen ausgeschöpft. Wieder einmal wird die Anwendung von Gewalt in diesem Heiligen Land zum Gesetz. Welche Hoffnung gibt es jetzt für diese Christen? Mit einem Kloss im Hals kann Issa diese Frage nicht beantworten. „Dieses Land, in dem der Messias geboren wurde, muss ein Land des Friedens sein. Jede Generation setzt Hoffnung in die nächste Generation. Nun haben wir nichts mehr, was wir unseren Kindern anbieten können. Die Flamme der Hoffnung wird ständig kleiner. In dem sie unser Land schnappen, nehmen sie uns Frieden, Hoffnung und den Lebensunterhalt. Diese Konfiszierungen töten die Zukunft unserer jungen Menschen hier in Beit Jala, und haben für immer den Lauf unserer Geschichte verändert. Sie haben unsere Geschichte, unser Erbe und unsere Zukunft gestohlen.“

Welche Zukunft haben die heutigen Christen?

„Beit Jala ist umgeben von Mauern und Siedlungen, es hat keine Zukunft, weil es nicht mehr wachsen kann“, sagt Pater Aktham. „Von den 14.500 Dunums, die vor 1967 zur Stadtverwaltung gehörten, sind mehr als 3300 in einer Area A, das heißt, unter palästinensischer Kontrolle, 7700 Dunums wurden für den Bau der Mauer konfisziert, was insgesamt mehr als die Hälfte ausmacht. Zusätzlich wurden 3000 Dunums für den Bau der neuen palästinensischen Stadt Doha benötigt. Der Rest, ca. 1200 Dunums ist in Area C, das sind palästinensische ländliche und landwirtschaftliche Gebiete unter israelischer Kontrolle – für diese gibt Israel keine Baugenehmigungen heraus.“

Pater Aktham und Issa sprechen wieder, nicht ohne Emotionen, über das Auf und Ab des langen Kampfes. „Zunächst“, sagt der Priester, „organisierten wir viele friedliche Demonstrationen, Gebete, Messen jeden Freitag und Sonntag, dann jeden Tag, als die Arbeiten intensiver wurden. Es gab große Demonstrationen in Beir Onah, die jedes Mal brutal von israelischen Soldaten unterdrückt wurden. Viele Menschen, auch Frauen und Kinder, wurden mit Tränengas angegriffen und litten unter Erstickungserscheinungen. Die Soldaten kletterten auf die Dächer der Häuser im Tal, und die Menschen hatten Angst. Einige populäre und extremere politische Parteien begannen auch zu demonstrieren und wendeten Gewalt an. Wir beschlossen, mit den Demonstrationen aufzuhören.“

In Beir Onah schauten Issa und Pater Aktham den Bulldozern bei der Arbeit zu. Über unseren Köpfen und von der Mauer verbindet eine gigantische Brücke die Siedlungen von Gilo und Har Gilo. „Sie – die Israelis – sind auf unserem Land, sie untertunneln unser Land und sie überbrücken unser Land. Es sollte eigentlich ein „landwirtschaftliches“ Tor geben, das es den Bauern ermöglicht, zu den Olivenbäumen zu kommen. Aber wann? Und zu welcher Zeit? Sie wollen nicht einmal wissen, wer die Landbesitzer sind, und sie weigern sich zuzuhören. Ich fürchte, dass das Tor geschlossen bleibt.“ Issa zeigt auf die andere Seite des Stacheldrahtes, auf den einzigen Olivenbaum, der absterben wird, weil sie ihn nicht pflegen können. Am Fuß der Mauer, die noch immer gebaut wird, lebt eine christliche Familie. Angel Abu Sa’ad wurde 1960 geboren, ihr Vater kaufte das Land 1935. Vorher überblickten sie von ihrem Heim ein üppiges Tal. „Unsere Kinder haben hier gespielt, nun haben wir Betonmauern unter unseren Fenstern. Die Kinder können kaum auf das kleine Stückchen Straße, das uns geblieben ist. Es fahren Autos vorbei, und wir haben Angst vor den Soldaten, die den Bau der Mauer beaufsichtigen.“

Nach Cremisan und Beir Onah führten uns Pater Aktham und Issa hinauf ins Makhrour Tal, das auch bedroht ist. Al-Makhrour, strategisch gelegen, könnte konfisziert werden, um die Siedlungen von Gush Etzion und Har Gilo zu verbinden.

Myriam Ambroselli
Fotos: Bau der Trennungsmauer in Cremisan – April 2016 ©LPJ/Thomas Charriere und Saher Kawas

*Ein Dunum war eine ottomanische Einheit für ein Gebiet, das die Menge an Land darstellt, das ein Gespann Ochsen in einem Tag pflügen konnte. Die tatsächliche Größe variierte von Ort zu Ort, von beinahe 1000m² in Palästina und Israel bis zu 2500m² im Irak.

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