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Gepostet on 25 Apr 2016 in Patriarch, Politik und Gesellschaft, Slide

Patriarch in Rom: „Der Exodus der Christen ist eine blutende Wunde, die die Kirche von Jerusalem ihrer besten Elemente beraubt“

Patriarch in Rom: „Der Exodus der Christen ist eine blutende Wunde, die die Kirche von Jerusalem ihrer besten Elemente beraubt“

ROM – Am Donnerstag, den14. April 2016, sprach Seine Seligkeit Fouad Twal Lateinischer Patriarch von Jerusalem, an der Päpstlichen Universität des Heiligen Kreuzes zu über 400 Menschen über die Situation der Christen im Heiligen Land und die vielen Herausforderungen, mit denen sie in Palästina und Israel konfrontiert sind.

Der Patriarch bezog sich auf die ersten Ursprünge der Christlichen Gemeinde, der Kirche von Jerusalem, die aus der „Ecclesia ex circumcision“ (Jüdisch-Christliche) und aus der „Ecclesia ex gentibus“ (Griechen, Römer, Syrer, Kanaaniter, Phönizier, Philister, Nabatäer, Moabiter, Ammoniter, etc.) bestand. Die Kirche von Jerusalem hat viele Regime erlebt, Araber, Kreuzfahrer, Mameluken, Ottomanen und Engländer, und heute ist das antike Heilige Land in drei Länder geteilt, Palästina, Jordanien und Israel, drei Regionen, die zusammen mit Zypern die Diözese von Jerusalem unter der Jurisdiktion des Patriarchats bilden. Die Heilig-Land-Christen sind eine kleine Minderheit, weniger als zwei Prozent der Bevölkerung, stellte der Patriarch fest, und bedauerte den Rückgang der Anwesenheit von Christen in Jerusalem, die 1948 bei der Gründung des Staates Israel noch ein Viertel der Bevölkerung ausmachten, verglichen mit 1,97% der Gesamtbevölkerung heute. Aber die Berufung der Christen, obwohl sie nur eine Minderheit sind, ist nicht gering an Bedeutung, betonte der Patriarch: „Christen, die zwischen den beiden Mehrheiten, den Juden und den Moslems, leben, sind die ‚kleine Herde‘, von der das Evangelium spricht, und sind aufgerufen, eine Brücke zu sein zwischen den zwei Religionen, den zwei Kulturen, den zwei Zivilisationen, aber auch den zwei politischen Seiten.“ Er bezog sich auf die vielen Herausforderungen für die Christliche Gemeinde wegen des israelisch-palästinensischen Konflikts, „die militärische Besetzung, die täglichen Erniedrigungen, die Gewalt auf beiden Seiten, ‚das Messer Intifada‘ und den Anstieg des religiösen Fanatismus, jüdisch genauso wie moslemisch.“ Der Konflikt wird schmerzlich betont „durch die Trennungsmauer mit ihren 8 Metern Höhe und mehr als 700km Länge“. Der Patriarch drückte seine Betroffenheit aus über den Exodus der Christen, der vor allem junge Leute und Intellektuelle betrifft auf der Suche nach einem besseren Leben und einer besseren Zukunft; es ist „eine blutende Wunde, die die Kirche von Jerusalem ihrer besten Elemente beraubt“.

Die Christen des Heiligen Landes, die eine Geschichte, eine Sprache und eine gemeinsame Kultur mit den Moslems haben, mit denen sie seit Jahrhunderten leben, „spielen eine positive Rolle in der arabischen Gesellschaft und erleichtern die Beziehungen zwischen den verschiedenen sozialen Komponenten“. Der Patriarch betonte den wichtigen Auftrag der christlichen Schulen in Palästina, einem der Länder des Mittleren Osten mit der höchsten Rate an Analphabeten. Einige Erziehungspraktiken jedoch werden von den Moslems nicht immer verstanden, nämlich „die Theorie der Barmherzigkeit, die Vergebung und die Arbeit der Reinigung des Gewissens“, etwas, das sie im Kontext des Konflikts schwierig zu verstehen finden.

Patriarch Twal sprach auch über das Übereinkommen, das am 26. Juni 2015 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Palästina unterzeichnet wurde, dessen Bedeutung sehr positiv in der arabischen und moslemischen Welt aufgenommen wurde. Das Übereinkommen, das nach einem gerechten und dauernden Frieden ruft, verwendete zum ersten Mal die Bezeichnung „Staat von Palästina“ in einem offiziellen, von beiden Seiten unterzeichneten Dokument, es wurde allerdings von israelischer Seite weniger herzlich aufgenommen. „Als Reaktion darauf befahl Israel den Bau eines neuen Abschnitts der Mauer im Cremisan-Tal, einem ungerechten und dummen Projekt“. Zwei Monate vor der Unterzeichnung des Abkommens, im April 2015, war der Israelische Oberste Gerichtshof einen Schritt zurückgegangen, indem er sagte, dass diese Mauer „nicht notwendig sei für die Sicherheit Israels“.

Nach den Ausführungen über die Situation der Christen in Palästina sprach der Patriarch über das Thema der Christen, die in Israel leben. „Die Juden sind diejenigen, deren Erwählung in Abraham Gott nicht zurückgenommen hat“, erklärte der Patriarch und bezog sich auf einen Brief des Apostels Paulus an die Römer (11:1-11). „Es ist jedoch eine Erwählung, die nicht exklusiv ist, sondern die alle Menschen einschließt. Die Christliche Gemeinde hat die Pflicht, den Juden zu helfen, ihre Erwählung zur Universalität zu entdecken.“ Die christliche Gemeinde in Israel wird hauptsächlich repräsentiert durch Migranten, die von den Philippinen kommen, aus verschiedenen Ländern von Afrika oder Regionen in Indien, die ihre Kinder auf israelische Schulen schicken und die Hebräisch sprechen, „Manchmal mit dem Risiko, ihre christlichen Wurzeln zu verlieren, weil, so betonte der Patriarch „Israel, auch wenn es sich selbst als demokratischen und säkularen Staat bezeichnet, sich ihnen gegenüber als theokratischer Staat unter jüdischem Recht verhält.“ Seine Seligkeit bezog sich dann auf die Einschränkungen des Grundsatzübereinkommens, das zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl 1993 unterzeichnet wurde. Er zitierte die Artikel 1,3,4,10 und 11 wörtlich und wies auf die Stolpersteine des Übereinkommens hin, die immer noch verhandelt werden: Religionsfreiheit für alle palästinensischen Christen, die die heiligen Stätten nicht besuchen können, ohne vorher „eine Erlaubnis der israelischen Militärbehörden“ einzuholen, „die Erniedrigung an den Checkpoints, die drastische Reduktion von Unterstützungen des Staates Israel für christliche Schulen, die nur zu 29% gestützt werden verglichen mit 100% für die israelischen religiösen Schulen“, und „Anerkennung für den Status Quo an den heiligen Stätten. Der Fanatismus krimineller Handlungen, ausgeführt von Fundamentalisten in letzter Zeit in Tabgha, Beit Gemal, der Dormitio Abtei und anderen, wurde zu oft nicht strafrechtlich verfolgt“, sagte der Patriarch, „trotz der Anwesenheit von mehr gemäßigten Menschen in Israel und von Menschen, die um des Friedens willen für Dialog und Gerechtigkeit arbeiten“.

„Die Suche nach Sicherheit wird eine Obsession, ein Mythos, in dessen Namen alle Ungerechtigkeiten und jede sofortige Anwendung von Gewalt gerechtfertigt wird“, beobachtete der Patriarch und bedauerte die Tatsache, dass Israel „weder die verschiedenen internationalen Resolutionen zum Konflikt, zu den Siedlungen und Grenzen respektiert hat noch den Heiligen Stuhl und die Internationale Gemeinschaft, die für eine Zwei-Staaten-Lösung mit klaren und sicheren Grenzen eintreten.“

Die Christen im Heiligen Land, so sagte Seine Seligkeit abschließend, sind „lebendige Zeugen der Geschichte der Erlösung…Dank ihnen sind die Heiligen Stätten nicht bloße archäologische Orte“. Ökumenisch und interreligiös hat das Heilige Land eine universale Berufung, und die Christen spielen „eine verbindende Rolle zwischen Ost und West.“

Weil die Hoffnung der Mutterkirche von Jerusalem nicht vergeblich ist, schloss der Patriarch: „Eines Tages werden politische Führer, die Israelis und die Palästinenser und die Internationale Gemeinschaft verstehen, dass es jenseits des Spiels von Interessen und politischen Ambitionen die Natur und Berufung dieses von Gott erwählten Heiligen Landes ist, alle Menschen mit ihm selbst und miteinander zu vereinen“.

Myriam Ambroselli                                               Fotos: ©Päpstliche Universität vom Heiligen Kreuz, Rom

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