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Gepostet on 9 Jul 2015 in Diözese, Kultur, Politik und Gesellschaft, Priester, Slide, Stimme der Priester

„Nie den Dialog verweigern“

„Nie den Dialog verweigern“

DEUTSCHLAND – Jerusalemer Generalvikar Abuna Imad Twal besucht den Fachbereich Sozialwesen Köln

 

Dass er niemals glauben könne, in Deutschland zu sein, bei der Hitze,  die draußen herrsche – mit diesem Eröffnungsstatement sprach Rev. Fr. Imad Twal, der Generalvikar des Patriarchen (Erzbischof) von Jerusalem, den Besuchern aus der Seele. Den Rest des Abends drehten sich die Gesprächsthemen allerdings über Herausforderungen viel existentiellerer Art.

Auf Einladung des Dekanats des Fachbereichs Sozialwesen in Köln war Rev. Fr. Imad Twal in die Katholische Hochschule gekommen, um über die aktuellen Herausforderungen zu sprechen, mit denen sich die wenigen Christen im Heiligen Land konfrontiert sehen. Der Prodekan, Prof. Dr. Michael Ziemons, begrüßte den Generalvikar und stellte ihn den Gästen vor, die sich aus Studierenden, Professoren und externen Gästen zusammensetzten.

Rev. Fr. Imad Twal, der selber gebürtiger Jordanier ist, sprach zu Beginn lange Zeit über die Flüchtlingsproblematik in seinem Land, in dem 6 Millionen Einwohner derzeit 1,3 Millionen Flüchtlinge beherbergen. Dabei unterschied Twal zwischen den verschiedenen Flüchtlingswellen, die das arme, weil rohstofflose, Land empfangen habe. Die palästinensischen Flüchtlinge, die seit 1948 in eigenen Städten leben, die ein steter Unruheherd sind; die reichen Irakis und Libanesen, die in den 80er, 90er und 2000er Jahren nach Amman gekommen seien, und die Stadt zur fünftteuersten der Welt (und damit für Jordanier unerschwinglich) gemacht hätten; und jetzt die unzähligen bitterarmen Flüchtlinge aus dem Irak und aus Syrien, die aufgrund der großen Menge und der fehlenden staatlichen Kontrolle eine kaum zu stemmende Herausforderung darstellten. So berichtete Twal auch von dem negativen Einfluss ausländischer Nichtregierungsorganisationen, die etwa Wohnungen für Flüchtlinge teils zum doppelten Mietpreis anmieteten und damit den lokalen Wohnungsmarkt sprengten; oder von der grassierenden Schwarzarbeit, da gut ausgebildete  Flüchtlinge zum halben Lohn arbeiten würden, um ihre Familien zu ernähren.  Auch die kulturelle Herausforderung durch 1,3 Millionen Menschen, die mit einer anderen Kultur plötzlich ein Land veränderten, das darauf nicht vorbereitet war – wie wohl auch. Gleichzeitig berichtete Twal von zahlreichen Beispielen alltäglicher gelebter Solidarität mit den Flüchtlingen, über Religions- und Standesgrenzen hinweg, die das Beste im Menschen hervorbrächten.

Einen Rückblick auf den Gazakrieg und seine Folgen nutzte Twal, um von dem schwierigen Leben der 1339 Christen zu berichten, die unter den 2 Millionen Einwohnern in Gaza leben. Die drei christlichen Schulen beherbergten immer wieder muslimische ausgebombte Familien. Als das israelische Militär 80 Moscheen bombardierte, lud die katholische Gemeinde die Imame ein, mit ihren Gemeinden bei ihnen zu beten – und viele kamen. Gleichwohl bereite ihm die ausweglose Situation in Gaza immer noch schlaflose Nächte. Aus Angst, einem erneuten Tunnelbau Vorschub zu leisten, würden notwendigste einfache Baumittel wie Holz oder Zement nicht in den Gazastreifen gelassen. Viele Familien stünden vor dem Aus, weil frisch errichtete Häuser zerstört wurden, die Schulden jedoch blieben.

23e60bc94bNatürlich kam auch die Situation in Israel zur Sprache, wo die Bedrohung der Christen immer stärkere Ausmaße annähme. Nicht erst der vermutlich von jüdisch-extremistischen Gruppen begangene schreckliche Brandanschlag auf das deutsche Benediktinerkloster am See Genezareth sei dafür ein Beispiel gewesen, viele andere zuvor seien ignoriert worden: christenfeindliche Parolen an einem Trappistenkloster in Latroun oder der Dormitio-Abtei, die auf einen jüdisch-extremistischen Hintergrund hinwiesen, aber auch Parolen auf den Mauern der Jerusalemer Altstadt, in denen IS-Sympathisanten die Christen aufforderten, die Stadt zu verlassen. „Wir befinden uns in einem dritten Weltkrieg, der ohne Waffen, aber mit Ideologien ausgetragen wird“, so Twal in seinem pessimistischen Fazit. Alle nähmen Gott für sich in Anspruch, so Twal, der auch mit Kritik an der eigenen Kirche nicht sparte. So kritisierte er die Haltung der Bethlehem-Universität, die die KatHO aufgefordert hatte, Kontakte mit israelischen Wissenschaftlern einzustellen. Das sei nicht hinnehmbar, so Twal: „Wie können wir den Dialog verweigern mit denen, die zum Dialog bereit sind? Das widerspricht dem christlichen Glauben“, so der Generalvikar, dessen Diözese im Beirat der Bethlehem-Universität vertreten ist. Auch fühlten sich die Flüchtlinge zu oft von der Kirche in pastoraler Hinsicht alleine gelassen: „Gleich welche christliche Denomination, es sind unsere Brüder und Schwestern, und wir müssen gerade diesen helfen, die nicht nur politisch verfolgt werden, wie die Mehrheit der Syrer, sondern vor allem wegen ihrer Religion“. Nicht nur Unterkünfte und Lebensmittel seien notwendig, auch psychosoziale Programme, für die es allerdings bislang noch wenig Unterstützung aus dem Ausland gebe.

Vor seiner Ernennung zum Generalvikar hatte Rev. Fr. Imad Twal unter anderem das einzige Zentrum für Menschen mit Behinderungen in Jordanien geleitet und die erste Nahost-Konferenz zum Thema Autismus einberufen. Einige Studierende der KatHO hatten dort Praktika abgeleistet. Nun sprach Twal erneut eine Einladung an die jungen Zuhörer aus, um Praktika oder Begegnungsreisen ins Heilige Land zu unternehmen oder für ein oder zwei Wochen bei Ferienaktivitäten zu helfen. Für Unterkünfte und Verpflegung sei gesorgt, so Twal: „Es ist ja nicht nur so, dass wir Geld brauchen. Viel wichtiger für unsere jungen Menschen sind die persönlichen Kontakte, Freundschaften, Gebete“, so Twal am Ende eines bewegenden Abends, bei dem es den Zuhörern nicht nur durch den Wettstreit zwischen Wetter und Klimaanlage heiß und kalt den Rücken herunterlief.

Redaktion: Prof. Dr. M. Ziemons