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Gepostet on 8 Apr 2015 in Patriarch, Politik und Gesellschaft, Rede und Interviews FT, Regionalnachrichten, Reisen FT, Slide

Deir Arabische Frühling und seine Folgen : vortrag des Patriarchen Fouad Twal in Düsseldorf (März 2015)

Deir Arabische Frühling und seine Folgen : vortrag des Patriarchen Fouad Twal in Düsseldorf (März 2015)

Vortrag S.S. des Patriarchen von Jerusalem Fouad Twal

ASG Bildungsforum in Düsseldorf am 13. März 2015

„Der Arabische Frühling und seine Folgen“

 

Im Dank für die Einladung zu dieser Begegnung durch Herrn Michael Fischer, hiesiger Komtur der Grabesritter und dem Organisator der ASG, Herrn Kerkhoff, geht mein Gruß an Herrn Oberbürgermeister Thomas Geisel, dem Schirmherrn unseres Treffens, an den Stadtdechanten Msgr. Rolf Steinhäuser, an die Repräsentanten der evangelischen und jüdischen Gemeinden Düsseldorfs, an Dr. Detlef Brümmer, dem neuen Statthalter der Grabesritter Deutschlands, an die anwesenden Mitglieder des Ritterordens und alle hier versammelten Damen und Herren.

Vor fünf Jahren stand ich schon einmal an dieser Stelle und durfte Ihnen unter dem Thema „Die Lage der Christen im Heiligen Land“ eine Situationsschilderung vorstellen.

Damals hatte ich unter Anderem gesagt, dass es den Anschein habe, dass sich die Lage im Heiligen Land zukünftig eher noch verschlechtern würde, da zumindest von israelischer Seite kein ehrlicher Wille zu einem dauernden Frieden bestehe, sondern dass Israel den Konflikt lediglich weiterhin verwalten will. Leider haben sich die Befürchtungen bestätigt: anstelle von Zeichen eines Friedenswillens werden jüdische Siedlungen in Palästina (Westjordanland und Ostjerusalem) weiterhin massiv ausgebaut, Häuser zerstört, palästinensisches Land und sogar Kirchenbesitz enteignet. Als Konsequenz hat sich die Gewalt erneut zurück gemeldet mit einem wiederholten schrecklichen Gaza-Krieg, mit Anschlägen und Morden. Hinsichtlich der Präsenz der Christen in Jerusalem sprach ich von der Gefahr einer schmerzlichen Verminderung, die leider weiterhin stattfindet, weil die rechtsradikale Politik der israelischen Regierung die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zunichte macht.

Unser heutiges Thema befaßt sich mit den Nachbarn des Heiligen Landes, und wir werden am Ende auch auf die Auswirkungen des Arabischen Frühlings für unser Land eingehen müssen.

Die Bezeichnungen „Arabischer Frühling“ oder „Arabische Revolution“ haben sich in der deutschen und internationalen Presse für eine Protestbewegung durchgesetzt, die ab Mitte Dezember 2010 innerhalb weniger Monate drei der autoritärsten Diktatoren der arabischen Welt zu Fall brachte:

Zine el-Abidin Ben Ali in Tunesien (14.1.2011), Hosni Mubarak in Ägypten (11.2.2011) und Muammar al-Gaddafi in Libyen (Februar 2011). Der jemenitische Präsident Ali Salih versuchte dem Aufstand gegen seine autoritäre Herrschaft durch zu stehen, mußte dann aber doch endgültig mit der Machtübergabe an seinen Stellvertreter (22.1.2012) weichen und das Land verlassen.

Ausgelöst wurde der „Arabische Frühling“ durch die öffentliche Selbstverbrennung des jungen tunesischen Gemüsehändlers Mohammed Bouazizi am 17. Dezember 2010 in der Stadt Sidi Bouzid. Gedemütigt und entehrt sah er in seinem repressiven, von Korruption gezeichneten Land keine Lebensperspektive mehr für sich.

Unmittelbar nach seiner Tat versammelten sich die ersten Demonstranten mit Handys und Steinen bewaffnet vor der Stadtverwaltung des Ortes. Sie riefen im Chor: „Arbeit, Freiheit und Würde!“ oder „Gerechtigkeit, Würde, Demokratie“. Keine antiimperialistischen Slogans, kein Wort gegen Israel oder gegen Religion.

Die Kundgebung wurde von der Polizei aufgelöst, aber die Handy-Videos gelangten über Facebook ins Internet. Ebenso die Bilder weiterer Protestmärsche, bei denen Teilnehmer von Sicherheitskräften getötet wurden.

Zum wichtigsten Mobilisierungsmedium des Arabischen Frühlings entwickelte sich jedoch der Satellitensender Al-Jazeera in Katar, der die Aufnahmen der Selbstverbrennung und der Demonstrationen weltweit ausstrahlte.

Über die Hauptstadt Tunis weiteten sich die Proteste schnell in die benachbarten Länder aus, aber sich nicht nur regional, sondern auch in ihrer sozialen Zusammensetzung. Sie umfassten bald alle Gesellschaftsschichten, vor allem Jugendliche, aber auch Erwachsene und Alte, Frauen und Männer, Muslime und Christen, Religiöse und Säkulare.

Und obwohl die artikulierten Anliegen sich von Land zu Land unterschieden, war und ist das Hauptanliegen der Protestierenden die Verbesserung der Lebensbedingungen und die stärkere Teilnahme an Wachstum und Entwicklung.

Mit nur wenigen Ausnahmen verzeichneten die meisten arabischen Volkswirtschaften in den letzten Jahren vor den Aufständen moderate bis sogar hohe Wachstumsraten. Dennoch ist es ihnen nicht gelungen, ihre schnell wachsende, junge Bevölkerung in die Arbeitsmärkte zu integrieren.

Dies gilt insbesondere für die besser ausgebildeten Menschen, die höhere Erwartungen an ihre Zukunft haben und denen die andauernde Arbeitslosigkeit keine positiven Aussichten ermöglicht.

Zudem sind diese Jugendlichen gut informiert und vernetzt und können, dank der elektronischen Medien, aktuelle Entwicklungen mitverfolgen, weiterleiten und Gleichgesinnte schnell mobilisieren. Es waren diese jungen Leute, die in Tunesien und Ägypten die Proteste initiierten, welche rasch zu einer Massenbewegung wurden. Man sprach von einem „revolutionärem Facebook“ oder von einer „Twitter-Revolution“. Zusammen mit den arabische TV-Sendern haben diese modernen Medien die Grenzen zwischen den arabischen Völkern niedergerissen und halfen ein allgemeines Identitätsgefühl hervorzubringen.

Die Welt wurde Zeuge eines nie da gewesenen und nicht erwarteten Aufbruchs in der arabischen Welt, und viele Stimmen sprachen hoffnungsvoll von einem Wandel des Nahen Ostens zur Demokratie. Das Bild, das der Westen oft von den Arabern hatte, hat sich gewandelt. Es ist Sympathie entstanden für Bürger, die sich gegen die Diktatur wehren, Bewunderung für junge arabische Menschen, die es wagen, sich großen Gefahren auszusetzen und ihre Demonstrationen intelligent mit dem Gebrauch modernster Kommunikationsmittel organisieren.

In den Augen der Protestierenden ist „ein Leben in Würde“ nur möglich, wenn Korruption und Vetternwirtschaft bekämpft, politische Teilhabe ausgeweitet, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit eingeführt werden. Diese Forderungen haben sich jedoch unter der autokratisch-islamistischen Regierung Präsident Mursis in Ägypten nicht erfüllt, und so erhoben sich im November 2012 wieder tausende Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen die neue Regierung. Erst der Sturz Mursis und seiner Moslembruderschaft durch das Eingreifen des Militärs und der folgenden Machtübernahme durch seinen ehemaligen Befehlshaber Sisi, scheinen dem Land seine Stabilität zurück gegeben zu haben.

Auch in Tunesien, dem Land in dem der Arabische Frühling seinen Anfang nahm, kam es im Juli 2013 wieder zu blutigen Protesten gegen die sozialen Missstände und die Ermordung zweier Oppositioneller, welche die islamistische regierende Ennahda-Partei kritisierten. Diese Massendemonstrationen gegen die Regierungspartei waren am Ende so erfolgreich, dass im Januar 2014 eine neue Regierung gebildet und eine Einigung über eine neue Verfassung mit überwältigender Mehrheit der Abgeordneten (200 von 216) erreicht wurde, die am 7. Februar 2014 feierlich verabschiedet wurde. Sie garantiert die Gleichstellung von Mann und Frau, die Glaubens- und Gewissensfreiheit und sogar – undenkbar in anderen arabischen Ländern – das Recht auf gar keinen Glauben. Der Islam ist zwar Staatsreligion, aber die Scharia ist nicht Rechtsquelle. Eine solche Verfassung ist bisher einzigartig in der arabischen Welt. Seit dem 31. Dezember 2014 ist Beji Caid Essebsi der erste demokratisch gewählte Präsident eines arabischen Landes.

Damit gibt Tunesien der Welt Hoffnung, dass wenigstens dort, wo der „Arabische Frühling“ begonnen hat, eine dauerhafte positive Entwicklung erwartet werden und zum Vorbild solchen Ländern dienen kann, die sich vom tunesischen Aufbruch anstecken ließen.

Eine ganz andere Entwicklung haben die Revolten in Syrien genommen. Hier kann nicht die Rede von einem „Arabsichen Frühling“ sein, hier ist „Arabischer Winter“ in seiner furchtbarsten Form.

Präsident Bashar al-Assad hat als Reaktion den Weg seines Vaters Hafiz al-Assad gewählt, der 1982 einen Aufstand der Muslimbrüder im sogenannten Massaker von Hama blutig und nachhaltig niederschlug. Bashar hat aber nicht den gleichen Erfolg wie sein Vater.

In Syrien tobt seit 2011 ein unerbittlicher Bürgerkrieg zwischen dem Regime Assad und untereinander zerstrittenen bewaffneten Oppositionsgruppen, der bislang mehr als 160.000 Todesopfer gefordert hat. Mehr als 3 Millionen Syrer (von 21 Millionen) sind ins Ausland geflüchtet, 9 Millionen weitere sind innerhalb Syriens auf der Flucht. Nur noch kaum die Hälfte des Landes befand sich Ende 2014 unter der Kontrolle syrischer Regierungstruppen, gut ein Drittel ist von der Terrororganisation Islamischer Staat und islamistischen Milizen besetzt. Der Rest wird von sonstigen Rebellen – unter anderem der Freien Syrischen Armee – und kurdischen Milizen kontrolliert.

Syriens Nachbarland, der Irak, ist durch die US-Invasion destabilisiert worden. Das durch die Zerschlagung der Diktatur und Hinrichtung Saddam Husseins entstandene Machtvakuum, hat anstatt der Schaffung eines demokratischen Systems, dem religiösen Fanatismus und extremistischen Gruppen wie An-Nusra Tür und Tor geöffnet, bis hin zur Ausrufung eines islamischen Kaliphats, zunächst ISIS genannt: Islamischer Staat Irak Syrien, der – wie der Name sagt – auch auf Syrien übergegriffen hat. Wie sie alle aus den Nachrichten wissen, hat sich darin der islamische Fundamentalismus zu einem mörderischen Monstrum entwickelt. Unvorstellbare Verbrechen „im Namen Gottes“ haben die Schergen der ISIS (Daesh) gegen die Menschlichkeit begangen. Die Menschen in den von der IS eroberten Gebieten können nur dann überleben, wenn sie sich den Islamisten anschließen oder unterwerfen. Nichtmuslime, vor allem Christen, können sich nur durch Flucht retten. Mossul, die zweitgrößte Stadt des Irak nach Bagdad, Hauptstadt der Provinz Ninive, blickt auf eine 1600 Jahre alte christliche Tradition zurück. Bis vor kurzem war die Stadt Sitz mehrerer ostkirchlicher Erzbischöfe syrischsprachiger Tradition. Etwa 35 Tausend Christen lebten in Mossul, bis die fanatischen Kämpfer der IS die Stadt im Juni 2014 eroberten und die Christen in den christlichen Dörfern der Ninive-Ebene Zuflucht suchen mußten. Aber am 6. August, dem Fest der Verklärung Christi, mußten alle Christen, die nicht getötet wurden, aus der Ninive-Ebene vor den Bomben der IS flüchten, etwa 120 Tausend Gläubige, die inzwischen über ganz Kurdistan verstreut leben. Der radikale Islam, der sehr schnell seinen Vorteil aus der versuchten Revolution gezogen hat, zeigt sein wahres, finsteres Gesicht. Hier ist Satan am Werk.

Die 1.600 jährige christliche Präsenz ist ausgelöscht.

All das schreckliche Geschehen erinnert an die Worte des Apostels Paulus: „Wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs“ (Eph 6,12).

Dabei sind die Islamisten selbst nicht nur Täter, sondern ebenfalls auch Opfer, Opfer des falschen, des bösen Geistes, des Vaters der Lüge und des Hasses. Es gilt für Moslems, Juden und Christen und Anhänger jeder Religion oder Weltsicht: niemand hat das Recht, seine Wahrheit mit Gewalt durchzusetzen.

Eine Überzeugung, die dazu antreibt, einen Menschen zu töten, weil er anderer Meinung ist, kann nicht von Gott sein, sondern nur vom dämonischen Widersacher, denn Gott ist die Liebe. Sogar im Endpunkt Seiner Agonie zeigt Christus Seine Liebe zu Seinen Feinden.

Eines ist gewiß, wir brauchen mehr Brüderlichkeit, Gemeinschaft und richtige, auch intellektuelle Erziehung, Erziehung zum Denken. Religiöse Menschen können zu Fundamentalisten werden, weil sie nicht zuende denken. Der Mensch benötigt das Gleichgewicht zwischen Glaube und Verstand, Ratio. Wenn die Ratio allein bestimmt, ohne den Glauben, wird sie zum Rationalismus, in dem Gott keinen Platz hat und kann leicht zu einer Zerstörungsmacht werden. Ebenso, wenn der Glaube nicht vom Verstand ausgeglichen ist, wird er zum Integralismus und Fundamentalismus. Denn ein solcher Glaube betrachtet den Menschen als Dienstinstrument für eine Sache, obwohl im Gegenteil der Mensch das Objekt sein muß, dem der Dienst zuteil wird. Daher kann eine echte Religion nie der Grund eines Krieges sein, sondern Teil der Lösung von Konflikten.

Muslimische Gewalt ist ein Krebsgeschwür im Körper des Islam, das die Muslime selbst herausschneiden müssen.

Inmitten dieser schmerzlichen Lage erreichen uns schöne Zeugnisse helfender Beziehungen zwischen christlichen und muslimischen Familien, die das Wenige, was sie noch besitzen, miteinander teilen. Muslime, die dasselbe Schicksal erleiden, erleben christliche Nächstenliebe und erfahren, dass Koexistenz sehr wohl möglich ist, haben sie doch seit Jahrhunderten friedlich zusammen gelebt.

In Aleppo z.B., Syriens größte Stadt mit ursprünglich 2,3 Millionen Einwohnern, die seit 2012 belagert wird, lebt man Solidarität und Brüderlichkeit unter Gläubigen ganz verschiedener Gemeinschaften. Wärend der vergangenen 3 Jahre Bürgerkrieg sind die industriellen Anlagen zum größten Teil zerstört. Bombardierung und Todesopfer sind an der Tagesordnung. Die christliche Gemeinschaft ist schwer getroffen. Zwei Bischöfe wurden im April 2013 von militanten Islamisten entführt mit bis heute ungewissem Schicksal. Die Grenze des im Juni 2014 proklamierten islamischen Kaliphats liegt nur 3 km entfernt. Wo immer die IS die Kontrolle übernimmt, werden die Christen verfolgt, und der Apostolische Vikar von Aleppo beteuert, dass Muslime wie Christen in der Stadt voller Angst sind, auch Opfer des Kaliphats zu werden. Nur mehr die Hälfte der ehemals 220,000 Gläubigen sind geblieben. Was die Menschen dort nicht verstehen, ist die Unterstützung der Rebellen durch den Westen. In den Augen der westlichen Regierungen scheint es wichtiger zu sein, das Assad-Regime zu stürzen, das seinen zerstörerischen und brutalen Kampf nicht nur gegen politische Oppositionelle, sondern eben auch gegen die radikal islamistischen Gruppierungen führt, und andererseits Frauenrechte und religiöse Minderheiten beschützt.

Die Flucht der Christen aus ihren tausendjährigen Stammplätzen ist die schwärzeste Folge des „arabischen Frühlings“ im Irak und Syrien.

Unter den Fluchtgebieten befindet sich auch Jordanien, das zur Diözese des Lateinischen Patriarchats gehört.

UN-Quellen schätzen die Zahl syrischer Flüchtlinge in Jordanien auf 720 Tausend, wobei 120 Tausend im Zaatari Flüchtlingslager, das im Juli 2012 in der Wüste eröffnet wurde, untergebracht sind. 80% der syrischen Flüchtlinge in Jordanien leben in den Städten Nordjordaniens, 20% im Zaatari-Lager, alles Muslime.

Die andauernden Kämpfe in Syrien zwangen täglich etwa 1.000 Menschen, die Grenze nach Jordanien zu überschreiten.

Dazu kommen ca. 7.000 christliche Flüchtlinge aus dem Irak. Letztere erhalten vor allem Hilfe vom Lateinischen Patriarchat. In unserem „Lady of Peace Center“ in Amman haben wir ganze Haus den Nachkommen der alten aramäischen Kirche zur Verfügung gestellt. Weil aber der Platz nicht für alle reicht, stehen auf unserem Grundstück Container, die als Wohnungen ausgestattet sind und als vorübergehende Unterkunft dienen. Die meisten der Flüchtlinge bereiten sich auf eine Weiterreise in den Westen vor, um dort langfristigere Aufnahme und Arbeit zu finden. Deshalb erhalten sie speziellen Unterricht, unter anderem Sprachunterricht. Auch für gute Freizeitgestaltung wird gesorgt und alles, was zum „täglichen Brot“ des Vaterunser gehört, zu einem menschenwürdigen Leben. Das ist eines unserer Projekte, das jeder, der sich dazu gedrängt fühlt, finanziell unterstützen kann.

Im September 2013 wurde in Amman eine Konferenz abgehalten unter dem Thema „Christen und der Arabische Frühling“. In einer Erklärung, genannt „Die Amman Deklaration – Ein Fahrplan zu einer besseren Zukunft für Christen in Arabischen Ländern“, kamen die Teilnehmer, ein Kreis regionaler und nationaler Konferenzen über die Herausforderungen an die Christen des Mittleren Ostens, zu folgenden Ergebnissen:

  1. Die Rechte und Freiheiten der Christen variieren in den verschiedenen Arabischen Ländern.
  1. Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in allen Religionen strafbar sind, sind in Syrien und dem Irak beispiellos eskaliert.
  1. Die, als Folge des sogenannten Arabischen Frühlings, in Massen ausgewanderten und vertriebenen Christen müssen in ihre Heimatländer zurückgeführt werden. Die Arabischen Gesellschaften haben dafür eine hohe Verantwortung, um das reiche kulturelle Erbe der Region in seiner Pluralität wieder in Stand zu setzen.
  1. Eine entsprechende Botschaft soll an den Generalsekretär der Arabischen Liga gesandt werden, um die Sache der Arabischen Christen, besonders in Syrien und dem Irak, beim Arabischen Gipfeltreffen zu behandeln.

Dieses fand im März 2014 statt.

Aber der Exodus der Christen und anderer Verfolgter aus Syrien und dem Irak geht weiter. Die Nachbarländer wie der Libanon und Jordanien sind längst überfordert, so vielen Menschen Zuflucht zu gewähren. Deshalb müssen viele Flüchtlinge auf andere, auch auf europäische Gastländer ausweichen, darunter Deutschland. In diesem Zusammenhang sind wir tief besorgt über die Demonstrationen in verschiedenen Teilen Deutschlands gegen die Einwanderung (Pegida). Es handelt sich bei Syrern und Irakern um Kriegsflüchtlinge, deren Leben in höchster Gefahr ist. Diese Menschen abzuweisen ist auch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Gegendemonstrationen, die viel mehr Leute auf die Strasse gebracht haben als die Pegida, ist daher Trost und Ermutigung für uns im Nahen Osten und zeigt die Bereitschaft der Bevölkerung, den Verfolgten, seien es nun Christen oder Moslems, die alles verloren haben, Hab und Gut und vor allem die Heimat, zur Seite zu stehen und Ihnen Gastfreundschaft zu gewähren.

Das erinnert an die Worte Jesu aus dem Evangelium über das Weltgericht, wo Nächstenliebe und Solidarität die Kriterien für den Göttlichen Richterspruch sein werden, wenn der Herr sagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan (Mt 25).

Die beste Lösung für das Flüchtlingsproblem wäre natürlich die Heilung an der Wurzel: das Ende des islamistischen Terrors und Frieden in Syrien und im Irak, so dass die Flüchtlinge und Vertriebenen in ihre Heimat zurückkehren können, so wie im Punkt 4 der Amman Deklaration gefordert. Es ist daher ein Imperativ für den Westen, den Dissidenten in Syrien keine Unterstützung und vor allem keine Waffen und dergleichen mehr zu liefern. Die Opposition in Syrien ist ironischer Weise Zufluchtsort aller Protestierenden, hoffnungsloser Leute und Extremisten geworden.

Papst Franziskus hat wiederholt und scharf jede Waffenlieferung verurteilt. Bei einer Gedenkmesse am 13. September 2014 erklärt er, dass wie 1914 auch heute noch Kriege durch geopolitische Pläne, Geldgier, Machthunger und die Interessen der Waffenindustrie entstünden.

Um zum Ende zu kommen, es ist unsere Pflicht, das Weltgewissen immer wieder an die Not und Drangsal zu erinnern, welche die Christen in verschiedenen Ebenen, nicht nur im Irak und in Syrien zu erleiden haben, sondern auch im Heiligen Land seit über 6 Jahrzehnten. Die palästinensische Sache bleibt eine offene Wunde im gesamten Arabischen Bewußtsein. Man kann nicht leugnen, daß die islamische Radikalisierung, sei es Al-Kaida, An-Nusra oder Al-Bagdadi, eine ihrer Hauptnahrungen aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt gezogen hat. Und es nimmt kein Ende. Die Last der langwierigen Besetzung wird immer schwerer, die Belagerung um Städte und Dörfer verstärkt, der Zugang von einer palästinensischen Ortschaft zur anderen, wie zu den Heiligen Stätten, erschwert. Kurz gesagt, die Christen des Heiligen Landes können kein normales Leben führen. Deshalb senden wir einen lauten Aufruf an alle Institutionen der Welt, einschließlich der in Deutschland, zusammen mit den aufrüttelnden Worten Seiner Heiligkeit Papst Franziskus während seiner Pilgerreise im Heiligen Land Ende Mai 2014: „Steht auf und bekundet freimütig eure Meinung“. Wir müssen erkennen, daß die Rede- und Meinungsfreiheit auch im Westen keine absolute Wirklichkeit, keine Selbstverständlichkeit ist. Wir hatten große Hoffnung, daß der Westen mit Macht gegen das Unrecht aufstehen würde. Aber unsere Hoffnungen wurden schnell enttäuscht und mußten dem Frust weichen. Der letzte blutige Gazakrieg hat die internationale Gemeinschaft aufgeweckt. Wie ist es möglich, die täglichen Leiden der Menschen in Palästina zu ignorieren, wenn man die tödlichen Luftangriffe im Fernsehen sieht, wenn man von der ungebrochenen Siedlungsaktivität in den Palästinensergebieten und von der Judaisierung Jerusalems hört?

Die Situation ist so komplex, dass, je mehr ich über die gewaltvolle Lage im Nahen und Mittleren Osten nachdenke, mit Einbeziehung der internationalen Gemeinschaft, je mehr ich nachdenke, desto weniger verstehe ich.

Bevor ich meinen Vortrag beende, habe ich die Freude, Ihnen noch etwas sehr Erbauendes vom Heiligen Land mitzuteilen:

Zwei Ordensfrauen aus dem Heiligen Land werden bald heiliggesprochen.

Papst Franziskus genehmigte im Dezember 2014 die Promulgation der Dekrete der Heiligsprechung der seligen Mariam Bawardi vom gekreuzigten Jesus (1846-1878) und von der seligen Marie-Alphonsine Ghattas, zwei Ordensfrauen aus dem Heiligen Land, die am 17. Mai 2015 stattfinden wird.

Mariam Bawardi wurde in dem Dorf Ibillin in Galiläa geboren. Sie ist die Gründerin des Karmel von Bethlehem. Im Lauf ihres Lebens empfing sie die Gnade der Wundmale. Als Mystikerin hatte sie auch zahlreiche Visionen, in denen sie mit Jesus sprach.

Marie-Alphonsine Danil Ghattas (1843-1927) wurde in Jerusalem geboren. Sie ist die Mitbegründerin der Kongregation der Rosenkranzschwestern, die sich der Seelsorge widmeten und den Ärmsten dienten. Heute unterhalten sie vor allem Mädchenschulen.

Ich möchte sie alle herzlich zur Feier dieses für die Mutterkirche von Jerusalem so bedeutsamen Ereignisses einladen und würde mich freuen, viele von Ihnen, besonders die Ritter und Damen vom Heiligen Grab, in Rom zu sehen.

Vertrauen wir diesen beiden zukünftigen Heiligen vor allem die Sorge um Frieden und Versöhnung im Heiligen Land an.

Ich möchte mit den Worten des Heiligen Papstes Johannes Paul des Zweiten schließen, die er zum Welttag des Friedens, am 1. Januar 2002, gerade nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center am 11. September 2001, gesprochen hat:

„Kein Friede ohne Gerechtigkeit, und keine Gerechtigkeit ohne Vergebung!“

 

Beitrag ++ber den Vortrag von Bischof Twal vom 13:

2015-03-13 ASG Jahresempfang Audiomitschnitt:

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