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Gepostet on 24 Jan 2015 in Lokalnachrichten, Politik und Gesellschaft, Publikationen, Vertiefung

Die Zukunft der Christen im Nahen Osten Eine Betrachtung aus dem Heiligen Land

Die Zukunft der Christen im Nahen Osten Eine Betrachtung aus dem Heiligen Land

STUDIE  - Mitten in Gewalt und Fanatismus, sehen die Christen im Nahen Osten ihre Zukunft mit Angst, Isolation, aber auch mit Mut, Entschlossenheit und Glauben . Eine Studie von Vater David Neuhaus, Lateinischer Patriarchalvikar, die Ende des Jahres 2014 veröffentlicht wurde.


Rev. David Neuhaus SJ,

Lateinischer Patriarchalvikar

 

In einem seiner Pastoralbriefe an die christlichen Gläubigen im Heiligen Land schrieb der Lateinische Patriarch von Jerusalem Michel Sabbah:

Eure erste Pflicht ist es, der Situation zu entsprechen. Wie kompliziert und schwierig auch etwas ist, ihr sollt versuchen, es zu verstehen. Berücksichtigt alle Fakten. Betrachtet sie objektiv, ruhig, aber mutig, und widersteht jeder Versuchung zu Angst und Verzweiflung.

[Michel Sabbah, Lateinischer Patriarch von Jerusalem, Gebet für den Frieden von Jerusalem 1990]

Angst

Jede Diskussion der Situation der Christen im Nahen Osten heute muss ansetzen bei der Realität der Angst, die die christlichen Gemeinden ergriffen hat, wenn sie die schrecklichen Szenen beobachten, die aus dem Irak und Syrien gesendet werden. Es ist nicht unbedeutend, dass am 31. Oktober 2010, wenige Tage nach dem Ende der außerordentlichen Synode über die Kirche im Nahen Osten, die von Papst Benedikt XVI einberufen wurde, 58 Menschen bei einem Angriff auf eine syrisch-orthodoxe Kirche in Bagdad starben. Die darauffolgende Welle an Gewalttaten gegen unterschiedliche ethnische und religiöse Minderheiten in verschiedenen Regionen des Mittleren Ostens ist ein Ergebnis des Wankens oder Destabilisierens von arabischen Regimen, die die arabische Welt jahrzehntelang fest im Griff hatten. In Ägypten, im Irak und in Syrien beobachteten Christen mit Schrecken, wie die authentischen und tief verwurzelten Sehnsüchte nach Menschenrecht, Demokratie und Freiheit – bekannt als der Arabische Frühling – in einen chaotischen und höchst brutalen Kampf um Macht verwandelt wurden. Unterschiedliche Extremisten, befreit nach jahrzehntelanger Unterdrückung durch weltliche Diktatoren, tauchten aus dem Untergrund ans Tageslicht.

Seit 2010 wurden tausende Christen aus ihren Heimen im Irak und in Syrien vertrieben. Christliche Wurzeln und christliches Erbe wurden von Terroristen mit Kapuzen ausgelöscht, die im Namen des Islam sprechen und nach der Errichtung eines islamischen Kalifats in den Ländern rufen, die seit Beginn des christlichen Glaubens Heimat für Christen waren. Nach dem Zusammenbruch der bekannten politischen Ordnung haben Hunderttausende von Christen ihre Heimat verlassen, nicht nur im Irak und in Syrien, sondern auch in Ägypten, Palästina, Israel, und immigrierten in den Westen, in die neue Welt, oder in gastfreundlichere arabische Länder wie Jordanien oder den Libanon.

Die Angst ist auf den Lippen vieler, die die Geschehnisse beobachten, mit einem Wort verbunden: Christenverfolgung. Es gibt keinen Zweifel, dass einige Christen getötet wurden, weil ihre moslemischen Exekutoren sie als Ungläubige, Polytheisten oder westliche Spione sehen. Aber, wie die Gerechtigkeits- und Friedenskommission der Vereinigung der Katholischen Ordianrien im Heiligen Land herausstreicht:

Im Namen der Wahrheit müssen wir betonen, dass Christen nicht die einzigen Opfer dieser Gewalt und Roheit sind. Westliche Moslems, alle die „häretisch“, „schismatisch“ oder einfach Non-Konformisten genannt werden, werden in dem herrschenden Chaos angegriffen und getötet. In Gebieten, in denen sunnitische Extremisten herrschen, werden Schiiten hingerichtet. In Gebieten, in denen schiitische Extremisten herrschen, werden Sunniten getötet. Ja, Christen sind manchmal deswegen Opfer, weil sie Christen sind, einen anderen Glauben und keinen Schutz haben. Jedoch werden sie Opfer gemeinsam mit vielen anderen, die leiden und sterben in diesen Zeiten von Tod und Zerstörung. Sie werden aus ihrer Heimat vertrieben wie viele andere, und gemeinsam werden sie Flüchtlinge in totaler Armut.

[“Are Christians being persecuted in the Middle East?“ – 2.4.2014]

Es ist auch klar, dass das Wort „Verfolgung“, wenn es nur zur Beschreibung der Leiden der Christen im Nahen Osten dient, oft im Kontext einer bestimmten politischen Propaganda manipuliert wird, deren Ziel es ist, Vorurteil und Hass zu säen und Christen gegen Moslems zu stellen.

Angst wovor?

Angst ist ein schlechter Lehrer. Um sich der Angst zu stellen und sie zu überwinden, muss man verstehen, dass die Christen ein besonders verwundbarer Sektor in der arabischen Welt sind, weil sie sich durchwegs geweigert haben, sich gemäß konfessioneller Prinzipien als politische Parteien oder Milizen zu organisieren. Jahrzehntelang (seit dem Ende des 19. Jahrhunderts) investierten die Christen, die politisch und sozial motiviert waren, ihre Energien in die Entwicklung von arabischem, säkularem Nationalismus in verschiedenen Formen. In diesem Projekt arbeiteten sie gemeinsam mit ähnlich motivierten Moslems und Mitgliedern von anderen Minderheiten. Was als das „Arabische Erwachen“ bekannt wurde, war erfolgreich, weil Araber einen Sinn für ihre Identität entwickelten, basierend auf der arabischen Sprache, der arabisch-moslemischen Zivilisation und einer riesigen geografischen Region, die das Zentrum für die alten Kulturen war, die der Welt Judaismus, Christentum und Islam gaben. In der Folge des Krieges 1948 in Israel/Palästina gerieten in vielen Teilen der arabischen Welt die monarchischen Regimes durch die arabischen nationalistischen Revolutionen ins Wanken. In der Folge jedoch wurden diese nationalistischen Regimes, die oft stark von Armee und Polizei unterstützt wurden, in Diktaturen umgewandelt, die Kontrollsysteme einsetzten, mit denen jede Opposition brutal erstickt wurde. Unter den Opfern dieser Regimes waren Mitglieder von Bewegungen, die die moslemische Identität zu stärken suchten und antiwestliche islamische Regierungsmodelle entwickelten.

Das vorher zitierte Dokument der Heilig Land Gerechtigkeits- und Friedenskommission stellte fest:

Christen hatten in relativer Sicherheit unter diesen diktatorischen Regimes gelebt. Sie fürchteten, dass, wenn diese starke Autorität verschwinde, Chaos und Extremistengruppen übernehmen, die Macht ergreifen und Gewalt und Verfolgung bringen würden. Daher tendierten manche Christen dazu, diese Regimes zu verteidigen. Jedoch hätte sie Treue zu ihrem Glauben und Sorge um das Wohlergehen ihres Landes dazu führen sollen, viel früher zu sprechen, die Wahrheit zu sagen und für notwendige Reformen einzutreten, im Hinblick auf mehr Gerechtigkeit und Respekt vor den Menschenrechten, neben vielen mutigen Christen und Moslems zu stehen, die gesprochen haben.

Es scheint, dass die schlimmsten christlichen Alpträume wahr geworden sind, als die relativ säkularen diktatorischen Regimes vom politischen Islam herausgefordert wurden. Das Auftauchen des politischen Islam ruft eine berechtigte Angst bei den Christen hervor, die im besten Fall marginalisiert würden in einem politischen System, das auf konfessioneller Identität besteht und die Gesellschaft in konfessionellem Vokabular definiert. Im schlimmsten Fall wurden Christen ermordet, aus ihrer Heimat vertrieben, ihrer Rechte beraubt und gezwungen, sich der Erpressung und Erniedrigung zu ergeben.

Angst kennt jedoch keine feinen Unterscheidungen. Es ist wichtig, dass sich Christen mit jeder Strömung des politischen Islam im Detail beschäftigen. Die islamischen Bewegungen im Irak und in Syrien sind verschieden und geteilt, diese Bewegungen können nicht einfach verglichen werden mit den islamischen Bewegungen in Ägypten und Palästina. Mord und die geplante Vertreibung von Christen können nicht verglichen werden mit den Forderungen, dass islamische Symbole respektiert und anerkannt werden. Die Vertreibung der Christen aus Mosul und der Ebene von Ninive ist nicht das Gleiche wie wenn Moslem fordern, dass ihre Töchter in christlichen Schulen in Jerusalem den Kopf bedecken dürfen (Hijab). Die Angst muss überwunden werden, da sich Christen nicht nur an die Führer der verschiedenen Strömungen des politischen Islam direkt wenden, sondern sie auch herausfordern, über die Konsequenzen ihrer Ideologien und Visionen zu reflektieren. Und tatsächlich haben einige islamische Strömungen begonnen, über die Herausforderung konfessioneller Diversität nachzudenken und sind in einen Dialog mit den Christen eingetreten. Angst stärkt eine Wahrnehmung, dass alle Moslems Partisanen einer Vision sind, in der Christen keinen Platz haben, die Angst überwinden jedoch heißt die Verschiedenheit und Komplexität innerhalb der komplexen Welt des islamischen Wiederauflebens zu erkennen.

Überwindung der Angst und Isolation

Die erste Frucht der Angst ist die Tendenz zur Isolation. Eine sichtbare Tendenz unter den Christen im Nahen Osten ist die Isolation der Christen in ihrer eigenen Nachbarschaft, in Einrichtungen und Clubs. Nach Jahrzehnten isolierter Tendenzen in der Politik fordern einige Christen jetzt eigene politische Parteien. Extremere Christen fordern eine christliche Identität, die keine arabischen Komponenten, ihre Sprache und Zivilisation mehr einschließt. Gemäß dieser Sichtweise sind Christen Aramäer, Phönizier, Kopten oder Chaldäer, aber keine Araber.

Das Bezwingen der Angst und ihrer Auswirkung, der Isolation, muss die Christen aus ihren selbst errichteten Ghettos herausholen, um innerhalb der größeren arabischen Welt alle jene zu entdecken, die ähnlich bedroht sind durch monolithische arabische Visionen, die die Zusammensetzung der Gesellschaft des Nahen Ostens bedrohen. Zu allererst muss erkannt werden, dass die ersten Opfer des islamischen Extremismus Moslems sind, die nicht der Vision der Extremisten zustimmen. Mehr Moslems als Christen wurden von den Extremisten ermordet, mehr Moslems mussten fliehen. Zweitens sind andere Minoritäten, wie z. B. Jesiden, Drusen und Alawiten wesentlich gefährdeter als Christen, weil ihr Glaube und ihrer religiöse Praxis für jenseits jeder von Moslems akzeptierten Vorstellung von Diversität stehen. Drittens sind die verschiedenen Strömungen des politischen Islam weit entfernt davon, durch eine einzige Vision der Beziehungen mit Nicht-Moslems vereint zu sein, und Christen müssen diejenigen innerhalb dieser Strömungen heraussuchen, die gewillt sind, sich zu engagieren und in einen Dialog zu treten.

Ein nationaler Dialog, der auf der geteilten Vorstellung einer Gesellschaft und ihrer Zukunft basiert, öffnet Gemeinschaften zur Interaktion. Die Heilig Land Kommission für Frieden und Gerechtigkeit schlug in ihrem bereits genannten Dokument vor:

Christen und Moslems müssen zusammenhalten gegen die neuen Kräfte des Extremismus und der Zerstörung. Alle Christen und viele Moslems sind durch diese Kräfte bedroht, die eine Gesellschaft ohne Christen schaffen wollen und in der nur sehr wenige Moslems zuhause sind. Alle jene, die Würde suchen, Demokratie, Freiheit und Wohlstand, werden attackiert. Wir müssen zusammenhalten und gemeinsam in Wahrheit und Freiheit sprechen (…) Wir allein können eine gemeinsame Zukunft bauen. Wir müssen uns an die neuen Realitäten anpassen, auch an die Realitäten des Todes, und wir müssen gemeinsam lernen, wie wir aus Verfolgung und Zerstörung aufstehen können in ein neues, würdiges Leben in unseren eigenen Ländern.

Im Überwinden der Angst erwacht in Christen wieder ein Sinn für Solidarität mit ihren Landsleuten in der weiteren arabischen Welt. Obwohl viele sie einladen, ihre Häuser und ihre Identität in diesen Zeiten der Krise aufzugeben, laden sie die Kirche und zivile Führer ein, treu zu ihrem Heimatland und zu ihrer Identität zu stehen und ein Sauerteig der Hoffnung in diesen tragischen Dramen von heute zu sein.

Christliche Einrichtungen und Diskurs

In seinem Päpstlichen Schreiben „die Kirche und der Nahe Osten“ betonte Papst Benedikt XVI die überragende Rolle christlicher Einrichtungen in Bereich der Mission von Christen im Mittleren Osten.

Viele Jahre lang hat die katholische Kirche im Nahen Osten ihre Mission durch ein Netzwerk von schulischen, sozialen und caritativen Einrichtungen ausgeführt. Sie hat sich die Worte Jesu zu Herzen genommen: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“(Mt 25:40) Die Verkündigung des Evangeliums wurde begleitet durch Werke der Nächstenliebe, denn es gehört zur Natur wahrer christlicher Nächstenliebe, auf die momentanen Bedürfnisse aller einzugehen, was immer auch ihre Religion ist und ohne auf Parteien oder Ideologien einzugehen, nur zu dem Zweck, auf der Erde Gottes Liebe für die Menschen präsent zu machen. Durch ihr Zeugnis der Nächstenliebe leistet die Kirche ihren besonderen Beitrag zum Leben der Gesellschaft und wünscht, dem Frieden zu dienen, den die Region braucht. Jesus Christus war immer in der Nähe derer, die ihn am meisten brauchten. Inspiriert von seinem Beispiel bemüht sich die Kirche, Kindern in ihren Kliniken und Waisenhäusern zu helfen, genauso wie den Armen, Behinderten, den Kranken und allen in Not, damit sie Teil der Gemeinschaft werden. Die Kirche glaubt an die unveräußerliche Würde jedes Menschen; sie verehrt Gott, Schöpfer und Vater, indem sie seinen Geschöpfen in spiritueller oder materieller Not dient. Es ist wegen Jesus, wahrer Gott und wahrer Mensch, dass die Kirche ihre Mission des Trostes erfüllt, die nur versucht, Gottes Liebe zur Menschheit zu reflektieren.

Hunderte von christlichen Schulen, Universitäten, Einrichtungen für die Gebrechlichen, die Älteren und Behinderten, Spitäler und andere Institutionen, die soziale und erzieherische Dienste anbieten, verbreiten sich über den Mittleren Osten. Beinahe alle von ihnen sind charakterisiert durch ihren ergebenen Dienst an die Gesellschaften, in denen sie errichtet wurden, und durch ihre Offenheit für alle, Moslems und Christen genauso wie andere Minderheiten. Diese Institutionen enthüllen das Antlitz einer christlichen Präsenz, die nicht nur den Christen, sondern der gesamten Gesellschaft zu dienen sucht.

Diese Einrichtungen repräsentieren ein sehr wichtiges christliches Hinausreichen über die Angst und Isolation. Besonders bemerkenswert sind jene Einrichtungen, die fast ausschließlich der moslemischen Bevölkerung dienen und das Gesicht einer Kirche zeigen, die beitragen möchte zum Aufbau einer Gesellschaft, die auf Zusammenleben und Respekt basiert. Im Gazastreifen sind 98% der Schüler in christlichen Schulen Moslems. Es ist signifikant zu bemerken, dass nach den Ba’athi Revolutionen im Irak und in Syrien beinahe alle christlichen Institutionen verstaatlicht wurden und so zum Verschwinden dieser Form der christlichen Präsenz geführt haben. Vielleicht steht die gegenwärtige Katastrophe im Zusammenhang mit dieser Tatsache.

Christliche Einrichtungen, besonders Schulen, Universitäten und Spitäler, sind oft Orte, an denen Christen und Moslems nicht nur zusammentreffen, sondern wo Beziehungen aufgebaut werden und der Diskurs über Diversität und Respekt entwickelt wird. Es geschieht durch diese Institutionen, dass Christen die Gesellschaft prägen.

Die weitere Förderung christlicher Einrichtungen zum Dienst an der gesamten Bevölkerung muss Hand in Hand gehen mit der Entwicklung eines geeigneten christlichen Diskurses über die Welt, in der die Christen leben. Es ist dieser Diskurs, der auch die Christen definieren muss als eine Stimme für Gerechtigkeit, Frieden, Verzeihung, Versöhnung und selbstlose Liebe. Angst produziert oft einen Diskurs, der reaktionär und isoliert ist und die Christen von ihren Nachbarn trennt. Die Unterstützung und Entwicklung christlicher Institutionen, die allen zur Verfügung stehen, muss Hand in Hand gehen mit der Kultivierung einer von Christen gesprochenen Sprache, die sie für die anderen öffnet, mit denen sie den Alltag teilen. Konfrontiert mit moslemischem Extremismus ist der Christ aufgerufen zu unterscheiden, Unterschiede zu machen zwischen moslemischen Extremisten und jenen Moslems, die Freunde sind, Nachbarn und Landsleute, zwischen Extremismus und denen, die von Extremisten manipuliert werden. Der Christ ist auch aufgerufen, sich zu erinnern, dass Christen der Extremismus nicht fremd ist, die toxische Vermischung von Religion mit politischen Interessen und die Manipulation vom Gotteswort, um eigene Interessen und Gier zu rechtfertigen.

Die christliche Anwesenheit im Mittleren Osten wird nicht an ihrer statistischen Bedeutung gemessen, sondern eher an der Bedeutung ihres Beitrags zur Gesellschaft, besonders in ihrem Dienst bei der Bildung, Gesundheit und dem Hilfswerk und in ihrer Sprache der Liebe.

Glaube gegen Angst

Im Angesicht der Befürchtungen, dass die Christen weiterhin leiden werden, weil der Mittlere Osten immer noch durch Instabilität und Chaos geschüttelt wird, ist der einzige christliche Gegenpol zur Angst der Glaube. Die Christen sind nach ihrem Meister benannt, der ihnen kein Rosenbett versprochen hat. Christus sagte zu seinen Nachfolgern: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mit nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.“ (Mk 8:34-35). Das sind die Worte, die Generationen von Christen geleitet haben, die ihr Leben im gläubigen Zeugnis dem Evangelium hingegeben haben. Es ist natürlich verständlich, dass viele diese Worte zurückweisen und es vorziehen, ihren Kindern eine bessere Zukunft in einer Welt zu garantieren, die in Europa, Amerika oder Australien sicherer erscheint. Eine christliche Diaspora des Mittleren Ostens kann sogar für die eine Unterstützung sein, die bewusst bleiben oder die einfach keine Gelegenheit zu gehen haben.

Jene aber, die durch ihren Mut, ihr Engagement und ihren Glauben begeistern, sind diejenigen, die trotzdem in den Heimatländern ihrer Vorfahren bleiben, weil sie wissen, dass es ihre Berufung und Mission ist, Christus in den Ländern zu bezeugen, die er selbst am besten kannte. Es sind die Christen, deren Missionssinn die Zukunft der Kirche im Mittleren Osten sichert. Sie haben ihre Hand an den Pflug gelegt und schauen nicht zurück oder fliehen. Sie haben keine Angst und klagen nicht an, sie isolieren sich nicht hinter konfessionellen Mauern, sie bleiben nicht gelähmt in Bitterkeit, sondern schauen nach vorn und versuchen den Weg nach vorn zu erkennen. Glaube ist der einzige sichere Weg über Angst und Isolation hinaus zu Offenheit und Dienst, Christus zu suchen und ihm nachzufolgen, wenn er in immer weitere Kreise hinausgeht. Glaube ist der tief verwurzelte Sinn, dass der Sieg schon durch die Auferstehung erreicht wurde und ganz gleichgültig, welche Kreuze uns auf unserem Weg begegnen, Extremismus, Hass und Ablehnung, die Mächte des Todes sind überwunden in Christi Kreuz.

Die Erneuerung des Glaubens im Mittleren Osten unter arg mitgenommenen Christen führt sicher zu einem größeren Verständnis christlicher Einheit und überwindet die Trennungen der Vergangenheit. Papst Franziskus hat wiederholt auf die Ökumene des Blutes hingewiesen, wie er es auch in seiner Predigt vor dem Heiligen Grab in Jerusalem machte an der Seite des Griechisch Orthodoxen Patriarchen Bartholomäus.

Wenn Christen verschiedener Konfessionen gemeinsam leiden, Seite an Seite, und einander in brüderlicher Liebe unterstützen, entsteht eine Ökumene des Leidens, eine Ökumene des Blutes, die sich als besonders mächtig erweist nicht nur für die Situationen, in denen sie entsteht, sondern auch kraft der Gemeinschaft der Heiligen, für die gesamte Kirche. Jene, die töten, verfolgen Christen aus Hass, fragen nicht, ob sie Orthodoxe oder Katholiken sind: sie sind Christen. Das Blut von Christen ist das gleiche.

[Predigt von Papst Franziskus in der Grabeskirche in Jerusalem am 25. Mai 2014]

Die Erneuerung des Glaubens geschieht genauso durch ein Engagement zum Dialog mit Moslems (und Juden in Israel und Palästina) in einem freien und ehrlichen Aufruf zum gegenseitigen Respekt und gemeinsamen Bemühen im Errichten einer Gesellschaft, die frei ist von Unterdrückung, Ignoranz und Angst. Sie stärkt auch die Forderung, gleichwertige Bürger zu sein, mit vollem Wahlrecht und gewillt, die gleichen Verpflichtungen zu übernehmen.

Es ist diese Stimme des Glaubens, die in einem Statement der Heilig Land Kommission für Gerechtigkeit und Frieden gehört wird, wenn sie sagen:

Wir beten für alle, für die, die ihre Bemühungen mit unseren vereinen, und für die, die uns jetzt schaden oder sogar töten. Wir beten, dass Gott sie die Güte sehen lassen möge, die er in das Herz jedes Einzelnen gelegt hat. Möge Gott jeden Menschen aus der Tiefe seines oder ihres Herzens heraus ändern und ihnen ermöglichen, jeden Menschen zu lieben wie Gott es tut, Er, der der Schöpfer und Liebende aller ist. Unser einziger Schutz liegt in unserem Herrn, und wie er bieten wir unsere Leben für jene, die uns verfolgen und für jene, die mit uns gemeinsam Liebe, Wahrheit und Würde verteidigen.

[“Are Christians being persecuted in the Middle East?“ – 2.4.2014]

Aus dem Englischen übersetzt von D. Hysek