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Gepostet on 4 Nov 2014 in Diözese, Publikationen, Vertiefung

Palästinensische Christen im Hl. Land und in der Diaspora

Palästinensische Christen im Hl. Land und in der Diaspora

Chrétiens-TS-300x168Heiliges Land – Im Herzen der brennenden Themen der Region heute fühlen sich palästinensische Christen im Hl. Land (Israel und Palästina) direkt oder indirekt auf vielerlei Weise bedroht. Wie viele dieser Christen sind dort? Warum emigrierten sie in der Vergangenheit? Und warum emigrieren sie heute noch?

Vorausgesetzt, dass die Information weder klar noch umfassend ist, wäre es auch nicht klug, eine eindeutige Antwort oder eine offizielle Stellungnahme zu diesen Fragen abzugeben. Aber es ist möglich, zu historischen Fakten objektiver Art zurückzukehren und vorsichtig Zahlen zu präsentieren, die von Autoren oder Forschern vorgelegt wurden.

Ungefähre Zahlen und Prozentangaben

Auf der offiziellen Webseite des Besuchs von Papst Franziskus im Hl. Land hat die Medienkommission veröffentlicht, dass „ungefähr“ zwischen 120.000 und 130.000 palästinensische Christen in Israel leben (es gibt auch 190.000 christliche Migranten oder israelische Christen aus Russland oder anderen Nationalitäten, die von diesem Artikel nicht erfasst werden). Und „beinahe“ 50.000 Christen leben in Palästina (38.000 in der Westbank, 10.000 in Ost-Jerusalem und 2.000 in Gaza). Das heißt, dass das Hl. Land Heimat für ca. 180.000 Christen ist, die gemäß ihrer Kultur und Geschichte palästinensische Araber sind[1]

Palästinensische Christen leben heute in vielen Ländern auf der ganzen Welt. Einige haben sich in benachbarten arabischen Ländern niedergelassen, während andere beschlossen haben, in Europa oder in anderen westlichen Ländern zu leben.

Einige[2] schätzen, dass es heute im Hl. Land ca. 500.000 Christen gibt, aber die Zahl scheint unwahrscheinlich. Der Autor des Artikels, der diese Zahl nennt, hat allerdings gemeinsam mit dem Verfasser eines anderen Artikels in Spanisch veröffentlicht, dass allein in Chile geschätzte 300.000 bis 500.000 Christen leben, zum größten Teil Christen aus der Region von Bethlehem kommen.

Gemäß dem spanischen Artikel [3]sagte Nael Salman, der Bürgermeister der Stadt Beit Jala, der Chile 2013 besuchte, dass 400.000 Bewohner Chiles ihre Wurzeln in der Stadt Beit Jala haben. Das würde bedeuten, dass ihre Zahl 20 Mal höher ist als die Zahl der Bewohner von Beit Jala heute.

Warum sind Christen emigriert?

Bei der Suche nach einer Antwort tauchen zwei unterschiedliche Arten von Emigration auf: freiwillig und unfreiwillig. Die erste begann Ende des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert während des Ottomanischen Reichs. Die Ursachen waren unterschiedlich und konnten politisch, religiös und/oder wirtschaftlich sein.

1909 schafften die Ottomanischen Behörden die Befreiung vom Militärdienst ab, die bis dahin für Juden und Christen galt. Viele junge Christen sahen Emigration als Mittel, der Wehrpflicht zu entkommen und dadurch den mörderischen Konflikten, in die sie zu dieser Zeit verwickelt war. Aber wohin emigrierten sie? Nach Europa und Nord- und Südamerika, in christliche Länder. Hier ist es offensichtlich, dass sich politische Gründe mit religiösen deckten, weil die christliche Minderheit, die vom Ottomanischen Regime in Palästina unterdrückt wurde, in diesen christlichen Ländern einen Ort „religiösen Exils“ fand, wie es in dem oben zitierten spanischen Artikel erklärt wird. Diese Länder erschienen aber auch wirtschaftlich sehr vielversprechend, besonders Südamerika, dessen Reichtümer viel bereitwilliger auch Neuankömmlingen zur Verfügung standen.

Auf der anderen Seite wissen wir, dass die unfreiwillige Emigration palästinensischer Christen 1948 mit der Nakba und der Gründung des israelischen Staates begann. Zwischen 780.000 und 800.000 Palästinenser (Moslems und Christen) wurden gezwungen, ihre Städte und Dörfer zu verlassen ohne irgendeine Möglichkeit der Rückkehr. Von diesen waren 50.000 bis 60.000 Christen. Manche Schätzungen nehmen an, dass das 35 % der christlichen Einwohner des Hl. Landes zu dieser Zeit waren.

Warum emigrieren Christen heute?

Während des Haschemitischen Königreichs zwischen 1948 und 1967 erlebten die Christen in Palästina stabilere Bedingungen. Seit der militärischen Besetzung der Westbank und des Gazastreifens 1967 ist die Emigration von Christen ein normales Ereignis. Die Spannungen der ersten Intifada, die offensichtliche Fragilität der Palästinenserbehörde, die zweite Intifada, Israels Eingrenzung der Gebiete durch die Mauer und durch Checkpoints gemeinsam mit der gegenwärtigen Radikalisierung des Islam haben dazu beigetragen, die palästinensischen Christen zu schwächen und ihren Wunsch nach Emigration zu vergrößern, besonders unter der Jugend.

Gemäß der Webseite des Papstbesuches machten Christen im Jahr 1948 10 % der palästinensischen Bevölkerung aus. Heute kommen sie nicht über zwei Prozent. In einem französischen Artikel heißt es, dass 56 % der christlichen Palästinenser oder von palästinensischer Abstammung heute außerhalb des Hl. Landes leben.

Der Autor schließt mit der Vorwarnung, dass „Emigration die christliche Gemeinde, die noch in Israel und in der Westbank lebt, progressiv und permanent schwächen wird.“ Und dass „die grundlegende Vermutung ihres Verschwindens oder ihrer Marginalisierung in den kommenden Jahren nicht ignoriert werden kann.“

Das lässt immer noch die Frage offen, die die Führer der Kirchen der Welt, die Christen in aller Welt, aber genauso die palästinensischen Moslems zum Handeln rufen sollte: Wie kann man schützen und konkrete Unterstützung für eine friedliche, offene und dynamische Anwesenheit von Christen im Hl. Land zur Verfügung stellen kann, sodass sie nicht aus dem Land Christi verschwinden?

Firas Abedrabbo

[1] macht auf die Tatsache aufmerksam, dass der israelische Innenminister die Hinzufügung des Begriffs „Aramäisch“ zum Wort „Christen“ unterstützt, um das Wort „Arabisch“ in den Ausweisen palästinensischer Christen in Israel zu ersetzen. Das rief heftige Reaktionen von Christen und ihren religiösen Führern hervor.

[2] Cf Artikel vom September 2014 auf Französisch: http://www.lesclesdumovenorient.com/La-diaspora-chretienne-de.html.

[3] Cf Artikel vom September 2014 auf Spanisch: http://elcomercio.pe/mundo/latinoamerica/pais-mas-palestinos-fuera-mundo-arabe-israel-noticia-1749810