Pages Menu
Categories Menu

Gepostet on 16 Okt 2014 in Patriarch, Rede und Interviews FT, Synode

Patriarch Twal bei der Familiensynode: “Formuliert” oder “entdeckt” neue Wege in der Seelsorge

Patriarch Twal bei der Familiensynode: “Formuliert” oder “entdeckt” neue Wege in der Seelsorge

06059_08102014-300x200VATICANSTADT – Am Mittwoch, 08. Oktober 2014, sprach der Lateinische Patriarch Fouad Twal bei der Familiensynode in Rom. Er fasste die Herausforderungen für die Familien im Hl. Land zusammen, um eine Erneuerung und Verstärkung der seelsorgerischen Initiativen anzustoßen, so dass Familien ihrer Berufung treu zu bleiben in der Lage sind. Nachstehend der vollständige Text seiner Rede.

 

Heiliger Vater und liebe Brüder,

um auf den Grund für die dramatische Lage der Familien zu kommen, ist daran zu erinnern, dass sich im Westen wie im Osten ein radikaler Kulturwechsel vollzieht – eine durchgreifende Säkularisierung, die Absolutisierung der individuellen Freiheit, die Autonomisierung der Einzelperson (selbst wenn es Gott gibt, darf er sich nicht in mein Leben einmischen) – der eine klare Trennung von Glauben und Leben nach sich zieht.

Ich erläutere Ihnen einige der Herausforderungen, denen sich das Lateinische Patriarchat mit seiner Zuständigkeit für Zypern, Israel, Palästina und Jordanien gegenüber sieht.

  1.  Politische Lage – Die 2003 errichtete Trennmauer, 730 km lang, ist einer der Hauptgründe für die Trennung der Familien, Pfarreien, der Geistlichkeit und der Verschlechterung des familiären Zusammenhalts und des gutnachbarlichen Verhaltens. Die militärische Besetzung und die Kultur von Gewalt und Tod hinterlassen tiefe Wunden und unauslöschliche Zeichen in den Köpfen der jungen Menschen und zerstören ihre Träume von der Gründung einer gesunden und frohen Familie.
  1. Wirtschaftliche Situation – Oft emigrieren die einheimischen Männer und lassen ihre Frau, die Kinder und die Alten zuhause zurück. Im Gegensatz dazu sind die Migranten aus Asien meist Frauen; sie kommen, um Arbeit zu suchen, und lassen ihre Männer und Kinder zuhause.
  1. Israelisches Recht (Staatsangehörigkeit und Zugang nach Israel) – Das vom israelischen Parlament am 31. Juli 2003 erlassene Gesetz unterbindet die Wiedervereinigung von Familien. Ein Palästinenser aus Jerusalem, der jemand von außerhalb der Stadt heiratet, muss die Stadt verlassen und kann nicht länger mit Ehemann (oder -frau) in Jerusalem leben. Die Politik ist offensichtlich; die Heilige Stadt soll von Arabern geräumt werden. Trotz vielfacher Interventionen höchster Stellen ist dieses Gesetz nicht geändert worden.
  1. In Fällen, in denen es zu Differenzen zwischen Ehepartnern kam, ändern einer oder beide Partner ihre religiöse Zugehörigkeit, um vor dem orthodoxen Gericht eine Scheidung zu erwirken, um dann in der orthodoxen Kirche wieder zu heiraten. Unglücklicherweise ist dies häufiger vorgekommen und hat einiges Ärgernis in der christlichen Gemeinschaft hervorgerufen. Der allgemeine Kommentar lautet – es ist besser orthodox zu werden als zum Islam zu konvertieren! Wir fürchten, dass unsere Gläubigen und die Geistlichkeit von diesen weltlichen und säkularen “Werten” erfasst und dann nicht mehr in der Lage sein werden, der Annehmlichkeit der “leichten Scheidung” und dem Muster der “Konvertierung” zu widerstehen.
  1. In Ehen zwischen Katholiken und nicht katholischen Christen folgt traditionsgemäß die Frau dem Glauben des Mannes; es steht ihr aber frei ihrer eigenen Religion treu zu bleiben oder den Glauben des Ehemanns anzunehmen. Die Kinder werden jedoch in der Kirche des Ehemannes getauft.
  1. Verfahrensverzögerungen – Die langen Verfahrensdauern in Ehesachen sowohl vor lokalen als auch den römischen Gerichten ist mühsam und führt zur Verbitterung der Parteien. Dies treibt sie zur Konvertierung in andere Konfessionen, um dann außerhalb der katholischen Kirche wieder zu heiraten.
  1. In einer Welt, in der das Stammessystem noch existiert, ist die Einflussnahme der Eltern ein Grund für die Orientierungslosigkeit im Leben junger Menschen, die zu Missverständnissen führt und Grund für Scheidungen sein kann.

 

Vorschläge:06061_08102014-300x200

1- Weiterbildung der Gläubigen. Die Direktiven des Magisteriums (Lehramtes) sollen Pastoren, der Geistlichkeit und geweihten Personen bei ihren Aufgaben – Erziehung und Schulung – helfen. Die Gläubigen beachten oft nicht die Aussagen des Evangeliums und des Magisteriums der Kirche. Besonders heute mit den Mitteln der sozialen Netzwerke sollten Schulungen zu Fragen der Familie regelmäßig verbreitet werden, um die Gemeinschaft der Gläubigen zu erziehen und zu schulen. Vielleicht brauchen wir einen Leitfaden für die Familie heute mit praktischen Anleitungen, denen die Geistlichkeit und die Familien folgen und die sie in besonderen Situationen auch befolgen können.

2- Im Osten, der üblicherweise keine (oder nur in sehr beschränktem Ausmaß)   common law Verbindung (anerkannte de facto eheähnliche Lebensgemeinschaft – der Übersetzer) kennt, d.h. wo nur die kirchliche Trauung anerkannt ist, verlangt das Sakrament der Ehe  folgende Maßnahmen:

*Bemühung um besseres Lehrpersonal, das unterrichtet und den Paaren vermittelt, dass die Eheschließung nicht nur ein unvermeidlicher sozialer Brauch ist, sondern als wahre Berufung und Aufforderung Gottes zu verstehen ist, und daher eine freie Entscheidung des Paares darstellt.

*Verstärkt die Schönheit der Ehe und Würde der Familie hervorheben – als gesunder und friedlicher Christ;, gesund und friedlich. Sie gibt die Möglichkeit sich zu “heiligen” nicht trotz der Heirat, sondern gerade durch die Heirat, durch die man ein positiver lebender Zeuge für die eheliche Liebe und die vertraute Beziehung werden kann

3- Entwicklung, Erhöhung und Verbesserung der traditionellen Ehe- und Familienbetreuung: Kurse für verlobte Paare, Beratungszentren, Einrichtungen von Vereinigungen für die Familie, Besuche der Seelsorger in den Familien, Intensivierung der seelsorgerischen Möglichkeiten um spezielle Ereignisse in den Familien zu begehen – Jubiläen, Geburtstage, Geburten, Krankheiten, Beerdigungen etc.

4- “Schaffung” oder “Wiederentdeckung” neuer Wege für seelsorgerische Aufgaben speziell mit jungen Paaren:

*Exerzitien, Pilgerreisen zu besonders familienbezogenen heiligen Stätten oder Orten, an denen selig- oder heiliggesprochene Paare gelebt haben und an denen das Ehegelübde und Treueversprechen erneuert werden können.

*Von Bedeutung sind Pilgerreisen von Familien in das Heilige Land und im besonderen in die Heilige Stadt der Heiligen Familie. Von besonderem Interesse ist der Wunsch des Hl. Vaters dass in naher Zukunft in der Nähe von Nazareth ein internationales Zentrum für die Familie gebaut wird.

5- Ermutigung zur Mitwirkung an der Familiensynode und Gründung von Initiativen in Diözesen und Pfarreien um die Informationen vor, während und nach der Synode zu publizieren und zu verbreiten um ein universelles Bewusstsein und Verständnis für die Familiensynode zu schaffen. In jedem Land, jeder Diözese oder Region sollten rechtzeitig und regelmäßig – wie dies zweckmäßig erscheint – Tagungen zur Familie organisiert werden.

6- Die Diözesangerichte müssen es mehr zu ihrem Anliegen machen, für Paare in schwierigen Situationen zeitnahe Lösungen zu finden oder Urteile zu fällen. Die römischen Gerichte sollten mehr Vertrauen in die örtlichen Gerichte haben, die in der Regel mit den komplexen und heiklen Gegebenheiten vor Ort mehr vertraut sind. Sie befassen sich nicht nur mit den Rechtsfragen, sondern erfassen auch die seelsorgerische, psychologische und menschliche Perspektive.

7- Formulierung einer besseren Seelsorge für Mischehen, so dass sie als Chance und nicht Problem wahrgenommen werden; denn Mischehen fördern die Einheit der Kirche – und kirchliche Einheit hilft den Partnern in einer Mischehe.