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Gepostet on 18 Sep 2014 in Patriarch, Rede und Interviews FT

“Für einen Frieden im Nahen Osten hört auf die Stimme der Kirche”

“Für einen Frieden im Nahen Osten hört auf die Stimme der Kirche”

Fouad-300x230INTERVIEW – “Der Westen sollte auf logische Art intervenieren, nicht nur dann, wenn seine Interessen bedroht sind…..Die internationale Gemeinschaft und die Vereinigten Staaten haben alle Extremisten “beschenkt“, alle diese verrückten Europäer, die Zuflucht in Syrien gefunden haben.“ So kommentierte Fouad Twal, Lateinischer Patriarch von Jerusalem das Irakproblem mit eindrucksvoller Klarheit, und in diesem Interview mit Avvenire vom 5. September lenkt er die Aufmerksamkeit auf die Tragödie von Gaza und die ungehörten Stimmen der Patriarchen der Kirchen des Nahen Ostens.

Nach dem Waffenstillstandsabkommen hat sich nun die Aufmerksamkeit auf den Wiederaufbau von Gaza gerichtet. Welche Möglichkeiten zur Veränderung gibt es für die, die in Gaza bleiben?

Dieser Tage haben der Weihbischof und der Administrator des Patriarchats von Jerusalem die Erlaubnis erhalten, Gaza zu besuchen. Der Waffenstillstand ist fein, aber er ist ein Ergebnis, das nach dem Tod von über tausend Palästinensern und einer fast völligen Zerstörung erreicht wurde. Es ist nicht zum ersten Mal, dass die Bevölkerung des Streifens für solche Konflikte bezahlt. Nun sehen wir uns mit einem neuen und teuren Wiederaufbau in finanzieller und menschlicher Hinsicht konfrontiert. Aber ich frage: Gaza zerstören, ein ganzes Volk zerstören und dann über den Wiederaufbau nachdenken….warum musste es so weit kommen? Wer wird die inneren Wunden heilen? Wer wird die Wunden der vielen Kinder heilen, die den Horror und den Tod von Familienmitgliedern mitansehen mussten? Ich behaupte, dass, wenn die Bedingungen die gleichen bleiben wie vor dem Krieg, wenn diese Bedingungen sich nicht ändern, wir weiterhin Menschen haben werden, die verzweifelt, erniedrigt und frustriert sind. Es wird weiterhin zu Hass und Extremismus kommen. Und wir alle werden den Preis für diese Politik bezahlen.

Wie können ein faires Abkommen und eine Beruhigung erreicht werden?

Um zu einem gerechten Abkommen und einem  gerechten Frieden im Gazastreifen zu kommen, müssen alle Parteien und nicht nur eine ein bisschen etwas geben. Es liegt vor Allem an den Hauptbeteiligten, den Politkern und der Exekutive, eine Spur von Logik zu zeigen und wirklich für einen konstruktiven Frieden zu handeln und zu arbeiten. Die internationale Gemeinschaft sollte eine objektive Überprüfung durchführen und den Mut haben, die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie keiner hören will. Tatsache ist, dass wir alle die gleiche Würde haben, wir haben alle die gleichen Rechte und Pflichten. Es gibt ein Schlüsselgesetz in der internationalen Politik, das sich „Reziprozität- Gegenseitigkeit“ nennt. Dieses Prinzip muss angewandt werden.

Kann die Kirche im Hl. Land diese Perspektive fördern?

Ich glaube, dass alle christlichen Kirchen, die seit Jahrhunderten im Hl. Land sind, mehrere Elemente für eine Gesamtschau zur Verfügung stellen können. Sie können helfen, dieses ausgewogene Urteil und diesen Standpunkt, den auch die am Konflikt beteiligten Parteien gewinnen wollen, zum Nutzen aller zu geben. Die Anwesenheit der christlichen Kirchen ist eine Anwesenheit, die weit von politischem und religiösem Fanatismus entfernt ist, der in der einen oder anderen Partei gesehen werden kann.

Der Pfarrer von Gaza wurde vom Papst empfangen und ermutigt. Hat die Tatsache, dass der Priester während des Konfliktes geblieben ist, aus diesem Grund Bedeutung, nicht nur für die Kirche im Hl. Land?

Wir bleiben bei unseren Menschen. Wir bleiben, was immer kommen mag. Wir bleiben im Leid der Menschen, und unsere Kirchen sind für alle geöffnet. Das zeigt deutlich, wer wir sind, und die Natur unserer wahren Identität – in Gaza, in Syrien, in Jordanien und im Irak.

Die internationale Gemeinschaft sollte daher Ihrer Meinung nach auf die Stimme der Kirchen im Nahen Osten hören?

Die Hirten der Kirchen, die vor Ort leben und die ihnen helfen könnten, die richtigen Entscheidungen zu treffen, nach ihrer Meinung zu fragen, könnte viele falsche Schritte vermeiden. Nicht auf die Stimmen der Patriarchen der Kirchen zu hören hat zu vielen Fehlern geführt. Unglücklicherweise ist die Politik, die in dem Gebiet verfolgt wird, eine Politik der Interessen. Eine Politik, die den Ruf der Hirten umgeht. Unsere An- oder Abwesenheit hier bedeutet wenig für die internationale Gemeinschaft.

Können Sie ein Beispiel für diese Politik geben?

Denken Sie nur an Gaddafi. 40 Jahre lang wurde er wie ein Freund behandelt. 40 Jahre später entdeckten sie, dass er schlecht war. Aber es gab andere, die waren noch schlimmer als Gaddafi, und die wurden nicht berührt. Regime austauschen und Länder zerstören, nur um bestimmte Interessen zu fördern.

Aber was sollte der Westen tun, um sie und sich selbst vor den Extremisten zu verteidigen?

Im Moment sollte der Westen auf logische Art intervenieren, nicht nur dann, wenn seine Interessen bedroht sind. In einer seiner Ansprachen in Jordanien, in der er sich an die Menschen in Syrien wandte, nannte der Hl. Vater diejenigen “Kriminelle“, die Waffen verkaufen.

In der Predigt, die Sie in Syrakus hielten,  sagten Sie, dass sie ISIS anfänglich von der internationalen Gemeinschaft unterstützt worden ist. Können Sie diese Aussage erklären?

Ich komme zurück auf Syrien, weil hier alles angefangen hat. Um das Assad-Regime zu stürzen, hat die internationale Gemeinschaft diese Extremisten unterstützt. Die internationale Gemeinschaft und Amerika „beschenkten“ dann alle Extremisten, alle diese Verrückten von Europa, die in Syrien Zuflucht gefunden haben, um gegen ein Regime zu kämpfen, das Amerika nicht wollte, das Israel und die internationale Gemeinschaft nicht wollte. Dem Regime geht es immer noch sehr gut, und die Zahl der Toten steigt. Das ist eine blinde Politik.

Trotzdem ist das Schweigen vieler Führer der arabischen Welt zu bemerken, sowohl zu den Ereignissen in Gaza als auch zum Konflikt mit den Jihadisten im Irak.

Es gab Artikel von islamischen Intellektuellen und einzelnen Moslems, die ihre Opposition im Angesicht der Angriffe, der Gewalt und der Jihadisten-Ideologie ausdrückten. Aber auf Seite vieler arabischer Regierungen fehlte das und sie beziehen keine klare Stellungnahme und Position. Es gibt keine! Diese Regierungen haben jedoch offensichtlich ihre Interessen zu schützen.

Das Problem des Fundamentalismus bleibt jedenfalls. Wie kann man es Ihrer Meinung nach bekämpfen?

Unsere Frage lautet: wer steht dahinter, wer nährt den Fanatismus? Aber jeder, der Gewalt in Gottes Namen ausübt, kann nur durch gute und gediegene Bildung neutralisiert werden. Wenn es diese Bildung nicht gibt, bezahlen wir den Preis. Das ist der Punkt. Alles hängt davon ab, was unsere Kinder lernen. Eine schlechte Erziehung macht anfällig für Fanatismus; eine gute Erziehung bereitet die Grundlage für den echten Dialog, den wir alle wollen. Fanatismus, Fundamentalismus finden wir in verschiedenen Parteien, und er ist nicht nur charakteristisch für die Islamisten, für Vertreter des fanatischen Islam. Es gibt ihn auch auf israelischer Seite.

Sie beziehen sich auf die Gruppen von Siedlern in Israel die mit „Preisschildern“ unterschreiben und Angriffe gegen Christen und Moslems durchführen?

Im letzten Jahr litt ich sehr unter den Attacken und beleidigenden und offensiven Beschriftungen gegen uns durch diese Gruppen, die auf den Mauern unserer Kirchen auftauchten. Die Verwaltungen haben diese Taten bedauert und verurteilt. Aber es hilft nicht viel, sie zu bedauern, wenn sie die Täter nicht vor Gericht bringen, und sie besprechen dieses Problem auch nicht in der Erziehung ihrer Schüler. Und dann frage ich mich, ob es angemessen ist für die Erziehungs- und Präventionsarbeit auf Seiten israelischer Einrichtungen, solche Themen zu behandeln. Ich erhielt einige Telefonanrufe von Akademikern, die solche Taten total verurteilen und mich fragten: „Was kann man tun?“ Ich antwortete, „Sie sind in Kontakt mit vielen jungen Menschen, vielen Studenten, bitte lehrt sie, was es heißt, andere, Demokratie und Freiheit zu respektieren.“ Das sind Dinge, die jede ausgeglichene Nation tun kann.

Und was halten Sie von der geplanten Militärdienstzeit arabischer Christen in der israelischen Armee?

Auf einer persönlichen Ebene kann jeder handeln, wie er will. Aber ich denke, dass dieser Vorschlag zum Ziel hat, die arabische Gemeinde im Inneren zu spalten, indem er die Gemeinschaft der Moslems und Christen, die immer zusammen gelebt haben, zerreißt, und auch das Ziel, zu bekräftigen, dass Christen keine Araber sind. Die Christen hier, wie ich, sind zu 100% Christen und zu 100% Araber. Niemand kann das ändern und falsche Papiere ausstellen. Wenn jemand diesen Vorschlag annimmt, soll er auch die Verantwortung dafür tragen. Unglücklicherweise findet man immer schwache Individuen, die unter Druck oder der Aussicht auf Geld zustimmen.

Kürzlich konnten Sie irakische Flüchtlinge aus Mossul treffen. Was haben Sie gesehen und gehört?

Ich habe das Zentrum der jordanischen Caritas für Flüchtlinge aus Mossul besucht. Ich habe eine sehr dramatische Situation gesehen. Viele wollten nicht sprechen wegen des Schmerzes, der Agonie, einen Sohn oder eine Tochter im Irak zurückgelassen zu haben. Wir wissen noch nicht, was ihre Zukunft sein wird, ob sie bleiben oder nicht. Sie wollen nicht zurück, weil dort nichts mehr ist. Wir als Patriarchat sind verpflichtet, ihnen materielle und moralische Unterstützung zu geben. Ich appelliere an die Solidarität der internationalen Gemeinschaft und an die italienischen Diözesen, diesen Menschen zu helfen.

Interview von Stefania Falasca für Avvenire