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Gepostet on 9 Sep 2014 in Lokalnachrichten, Politik und Gesellschaft

Betrachtungen aus Palästina: ein christlicher Blog aus Gaza

Betrachtungen aus Palästina: ein christlicher Blog aus Gaza

140717-gaza-truce-345a_7c14ce58e6a1b2a832d166d1caad8e56-300x221Gaza – Dina, eine Christin aus Jerusalem, war mit einem medizinischen Team sechs Tage in Gaza. Im Blog ihrer Mutter “Betrachtungen aus Palästina – eine Reise der Hoffnung” erzählt sie über das Geschehen in Gaza und die beängstigende Vorstellung von einem verwüsteten kleinen Landstrich.

 

Aus Gaza – Tag 6

 

(Sonnabend, 9. August 2014)

 

Heute ist Tag 6 in Gaza und es ist der Tag, an dem einem alles zu viel wird. Wir sind gestern ausgegangen und begannen das Ausmaß der Verwüstung zu sehen. Zerstörte Häuser und Heime, Apotheken, Arztpraxen – alles offenkundige Verletzungen der Genfer Konventionen. Ich war noch unparteiisch und ging mit meinem Kollegen Dr. Haytham und begleitet von alten Freunden aus Gaza umher. Dr. Yehia fuhr uns; es ging los im Shehaieh Viertel und Hay al Tuffah. Die Zerstörung, der faulige Gestank – wir konnten seinen Schmerz sehen, als er uns die Orte zeigte, an denen er und seine Kinder geboren wurden. „Sie haben meine Erinnerungen zerstört“, sagte er und atmete tief durch als er weiterfuhr, dass dies für heute reiche…wir hatten beide diese Zerstörungen vorher noch nicht gesehen.

 

Heute weiß ich warum er zögerte weiterzufahren, als mir klar wurde, was hinter der nächsten Kurve lag. Wir fuhren an der Stelle vorbei, an der das Wafa Krankenhaus lag. Total zerstört – nicht zu erkennen. Der Ort umfasste das alte und das neue Krankenhausgebäude, ein Altenpflegeheim und ein Heim für behinderte Kinder. Auch die naheliegende Schule wurde bombardiert – ACH WAS SOLL’S. Daneben lag ein großes Haus, vor dem jetzt die Familie saß – sie schauten umher, sprachen, hofften… Der Gestank der Verwesung und die Fliegen lagen über allem. Könnte noch jemand unter dem Schutt liegen? Sie versuchten ihre Gedanken zu rechtfertigen. Könnte es eine Katze sein oder ein erdrücktes Tier?

 

Wir kamen dann nach Shejayieh. Es sah aus wie Hiroshima – als wäre die Bombe ein zweites Mal gefallen. Auch hier kann das Ausmaß der Zerstörung nicht beschrieben werden. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und nur eines war sicher: es war die totale Vernichtung. WIE KONNTE DIE WELT schweigend zusehen!? WIE!?

Als wir näherkamen, rannten die Menschen zu unserem Bus im Glauben wir wären ein Krankenwagen der zur Hilfe gekommen war; sie hatten einige Körperteile identifiziert. Wir stiegen aus dem Auto und standen vor den Menschen; wir trauten uns nicht die Kameras herauszuholen – es war eine große Spannung und Wut zu spüren. Die Menschen begannen, uns ihre Geschichten zu erzählen, die Kinder, die Frauen, die Männer. Wir kamen dann zum zerstörten Heim einer Urgroßmutter, die ihren Sohn und seine Familie verloren hatte – jetzt gruben sie ihre Tochter (selbst Großmutter) aus und höchstwahrscheinlich deren Tochter neben ihr. Es waren nur Körperteile. Die Urgroßmutter zu hören bewegte mich und machte mir klar wie sehr ich Teil dieser Wirklichkeit war. Im Operationssaal war es leicht die Emotionen auszublenden und das Adrenalin bei der Arbeit zur Wirkung kommen zu lassen.

 

Wir warteten bis die Krankenwagen kamen. Die Stimmung war gespannt und schwierig. Welch ein Gestank, welch ein Anblick. Ich erinnerte mich an den Mann der im Krankenhaus schlief und mir am ersten und dritten Tag gesagt hatte “wohin gehe ich”. Haben Sie Shujaieh gesehen? Wir wissen nicht wo das Haus und die Straße liegen…

Die Kinder dort waren sehr stolz. Einige hatten keine Schuhe an den Füssen. Sie erzählten heroische Geschichten des Widerstands, wie die israelische Armee weg rann und floh und die Bahren hinter sich liegen ließ. An dieser Stelle ist die Grenze tatsächlich sehr nahe. Eine Kamera überwachte uns. Wir wurden später auf eine Anhöhe im befreiten Teil von Gaza gebracht – in die Kolonie Gush Katif. Man bedankte sich für unseren Einsatz und lud uns zum Mittagessen ein. Hier trafen wir unsere Kollegen aus dem Süden, die eine entsprechende Tour in Khuzaa gemacht hatten; dort waren Widerstandskämpfer auf dem Weg an die Front getötet worden.

 

Im Bus schwitzten wir in der Hitze, draußen konnten wir nur Zerstörung sehen. Der Strand von Gaza sah nicht so befreiend oder fröhlich wie sonst aus. Wir sahen den zerbombten coffee shop, wo die Jugendlichen getötet wurden, die ein WM-Spiel ansahen. Ein paar Meter weiter, eine neue Stelle der Zerstörung usw. … wie kann man da auf den Strand schauen…? Wir kamen dann letztlich wieder zum Shifa Krankenhaus zurück. Ich bat meinen Kollegen Shabaan etwas für Haneen zu kaufen um sie aufzumuntern. Wir gingen in einen Spielwaren­laden und eine Dame fragte, ob sie etwas für die Kinder im Hospital kaufen könne, um  ihnen eine Freude zu machen. Ich wählte etwas aus, sie kaufte es und bat mich es zum Krankenhaus zu bringen. Wir sahen Haneen; auch ihre Tante war da. Ihr Gesicht war noch mehr geschwollen und ihre Hände warm; sie hatte Fieber. Sie dankte uns für das bunte Poster und ich hing es so auf, damit sie es sehen konnte. Wir hatten ihr auch einen Ballon und einen Teddybär mitgebracht. Einige Spielsachen waren schon da. Sie fragte mich wieder nach meiner Tochter und wollte Bilder sehen. Ich hatte keins von Haya dabei und versprach ihr, morgen wieder zu kommen und ihr Bilder zu zeigen. Ihr Vater kam und sie fragte ihn nach ihrer Mutter in der Hoffnung daβ sie okay sei…später erfuhr ich, daβ Haneen noch eine dritte Schwester im Krankenhaus hat, die wegen ihrer Bombenverbrennungen behandelt wird und morgen eine Operation für eine Muskeltransplantation hat. Ich hoffe sehr, daβ sie nicht ihren Arm verliert. Ich fragte ihren Vater was weiter geschehen wird und er sagte, daβ er sie für weitere Operationen nach Schottland schicken will, konnte aber nicht sagen wann das sein soll.

Als ich zum Abschied zu den Kollegen aus dem OP ging, sah ich einen Jungen, der zur Wundreinigung hereingekommen war. Er stand unter großen Schmerzen und sein Fuß zeigte Wundbrand. Er krümmte und wälzte sich im Bett. Als ich ihn fragte was los sei, sagte er, er habe Angst. Auf meine Frage warum, antwortete er, daβ es sehr schmerze. Auch ohne Berührung – ja, antwortete er. Sein Name war Omar. Als sie ihn in den OP fahren wollten, hielt ich sie kurz auf und sagte ihm: mein ältester Sohn heißt auch Omar und so darf ich ganz kurz mit Dir sprechen. Ich sagte ihm, daβ sie ihm zum Einschlafen Medizin geben werden; so werde er beim Ablösen des Verbands keine Schmerzen haben. Man wird sehen, wie es weitergeht, wenn er aufwacht. Ich ging aus dem OP und rief meinen Freund Shaaban in der Hoffnung an, dass er einige Spielsachen für Omar bringen werde. Als er am Telefon war, würgte ich in Tränen. Es war einfach zu viel, was diese Kinder nach dem Überleben des Bombardements ertragen müssen. Omar wird einen Schenkel verlieren und Haneen vielleicht auch – der Schmerz hat gerade erst begonnen.

Als Shaaban kam, ging ich mit zu Omar, der fest schlief. Er kommt morgen nach Jerusalem. Sie wissen noch nicht in welches Krankenhaus. Ich sagte seinen Eltern sie sollten beharrlich  bleiben, da jeder Tag mehr von seinem Unterschenkel “nähme”.

Ich fragte auch nach Schottland. Ein Überführung dorthin wird 6 Monate brauchen. Ich ging gleich an meinen Computer um Magda zu finden; meine Kollegin, eine Chirurgin aus Schottland. Ich weiß, dass sie helfen wird… aber wer wird sich um die anderen Kinder kümmern?

Reflections from Palestine