Pages Menu
Categories Menu

Gepostet on 15 Jul 2014 in Lokalnachrichten, Politik und Gesellschaft

Ruf nach einem mutigen Wechsel

Ruf nach einem mutigen Wechsel

Communique justice et paixKommuniqué – Nachstehend finden Sie ein Kommuniqué der Gerechtigkeits- und Friedenskommission.

Gerechtigkeits- und Friedenskommission der Vereinigung der Katholischen Ordinarien im Heiligen Land

Ruf nach einem mutigen Wechsel

„Ein Geschrei ist in Rama zuhören, bitteres Klagen und Weinen. Rachel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen um ihre Kinder, denn sie sind dahin.“ (Jeremias 31:15)

Eine Realität von Gewalt und Trauer

Israel und Palästina hallen wider von den Klagen der Mütter und Väter, Brüder und Schwestern, geliebten Menschen der jungen Leute, die der letzten Runde von Gewalt, die dieses Land plagt, zum Opfer gefallen sind. Einige ihrer Gesichter sind wohl bekannt, weil die Medien über ihre Leben detailliert berichtet haben in Interviews mit ihren Eltern und sie so in unserer Vorstellung lebendig werden lassen, während andere – bei weitem mehr – bloße Statistik sind, namenlos und gesichtslos. Die selektive Berichterstattung, Trauer und Erinnerung sind selbst Teil dieses Zyklus der Gewalt.

Wir entbieten unsere aufrichtige Anteilnahme allen jenen in Trauer, Israelis und Palästinensern. Wir müssen weiterhin dafür beten, dass die, die jüngst gefallen sind, die letzten sind, die durch Gewalt sterben in dieser Eskalation von Hass und Rache.

Eine Sprache, die Gewalt verursacht

„So ist die Zunge auch nur ein kleines Körperglied und rühmt sich doch großer Dinge. Und wie klein kann ein Feuer sein, das einen großen Wald in Brand steckt! Auch die Zunge ist ein Feuer. Die Zunge ist der Teil, der den ganzen Menschen verdirbt und das Rad des Lebens in Brand setzt, sie ist selbst aber von der Hölle in Brand gesetzt (…) Mit ihr preisen wir den Herrn und Vater, und mit ihr verfluchen wir die Menschen, die als Abbild Gottes erschaffen sind. (Jakobus 3:5-6.9)

Unsere Hoffnung, den Gewaltzyklus zu beenden, ist zerschlagen worden durch die verantwortungslose Sprache der kollektiven Bestrafung und Rache, die Gewalt verursacht und das Auftauchen jeder Alternative erstickt. Viele in Machtposition und politischer Führung bleiben verschanzt und sind nicht nur nicht gewillt, in irgendeinen realen und bedeutsamen Dialogprozess einzutreten, sondern gießen auch mit Worten Öl ins Feuer und setzen Taten, die den Konflikt nähren.

Die gewalttätige Sprache in den Straßen von Israel, die nach Rache ruft, wird genährt durch Haltungen und Ausdrucksweisen einer Führung, die ständig einen diskriminierenden Diskurs protegiert, die exklusiven Rechte einer Gruppe und die Besetzung mit all ihren desaströsen Folgen fördert. Siedlungen werden gebaut, Land wird konfisziert, Familien werden getrennt, geliebte Menschen werden eingesperrt und sogar hingerichtet. Die Führung der Besetzung scheint zu glauben, dass die Besetzung siegreich ist, wenn sie den Wunsch der Menschen nach Freiheit und Frieden zerschlägt. Sie scheint zu glauben, dass ihre Entschlossenheit letztendlich die Opposition zum Verstummen bringt und Unrecht in Recht verwandelt.

Die gewalttätige Sprache in den Straßen von Palästina, die nach Rache ruft, wird genährt durch Haltungen und Ausdrucksweisen jener, die jede Hoffnung verloren haben auf eine gerechte Lösung des Konflikts durch Verhandlungen. Diejenigen, die eine totalitäre, monolithische Gesellschaft gründen wollen, in der kein Platz ist für Unterschiede und Diversitäten, finden populäre Unterstützung, indem sie die Situation der Hoffnungslosigkeit ausnutzen. Ihnen sagen wir: Gewalt als Antwort auf Gewalt führt nur zu neuer Gewalt.

Ausbruch aus dem Gewaltzyklus

Beim Bittgebet für Frieden in Israel und Palästina, abgehalten im Vatikan am 8. Juni 2014, sagte Papst Franziskus: „Frieden zu stiften braucht Mut, viel mehr als Kriege zu führen.  Es braucht Mut, ja zu sagen zur Begegnung und nein zum Konflikt: ja zum Dialog und nein zur Gewalt; ja zu Verhandlungen und nein zu Feindseligkeiten; ja zum Respektieren von Abkommen und nein zu Akten der Provokation; ja zur Aufrichtigkeit und nein zur Falschheit. All das braucht Mut, es braucht Kraft und Ausdauer.“

Wir müssen erkennen, dass die Entführung und der kaltblütige Mord an drei israelischen Jugendlichen und der brutale Rachemord an dem palästinensischen Jugendlichen Ergebnisse der Ungerechtigkeit und des Hasses sind, die die Besetzung in den Herzen derer fördert, die zu solchen Taten neigen. Diese Toten sind in keiner Weise zu rechtfertigen, und wir trauern mit denen, die die Verschwendung dieser jungen Leben betrauern. Den Tod der drei Israelis zu benutzen, um das palästinensische Volk und seinen berechtigten Wunsch nach Freiheit kollektiv zu bestrafen, ist ein tragischer Missbrauch der Tragödie und führt zu mehr Gewalt und Hass.

Gleichzeitig müssen wir erkennen, dass Widerstand zur Besetzung nicht mit Terrorismus gleichgesetzt werden kann. Widerstand zur Besetzung ist ein legitimes Recht, Terrorismus ist ein Teil des Problems. Und wieder sagen wir allen: Gewalt als Antwort auf Gewalt führt nur zu neuer Gewalt.

Die gegenwärtige Situation in Gaza ist eine Illustration des endlosen Gewaltzyklus bei gleichzeitigem Fehlen einer Vision für eine alternative Zukunft. Durchbrechen des Gewaltzyklus ist die Pflicht aller, Unterdrücker und Unterdrückte, Opfer und Täter. Damit sich alle diesem Ziel widmen, müssen alle im Nächsten den Bruder oder die Schwester erkennen, der geliebt und geschätzt wird und nicht den Feind, der gehasst und getötet werden muss.

Notwendigkeit einer radikalen Veränderung

Wir brauchen eine radikale Veränderung. Israelis und Palästinenser müssen gemeinsam die negative Einstellung des gegenseitigen Misstrauens und Hasses abschütteln. Wir sind aufgerufen, die jüngere Generation in einem neuen Geist zu erziehen, der die bestehenden Mentalitäten der Unterdrückung und Diskriminierung ablehnt. Wir müssen jede Führung abschütteln, die vom Gewaltzyklus lebt. Wir müssen Führer finden und unterstützen, die sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen, die erkennen, dass Gott hier drei Religionen eingesetzt hat: Judaismus, Christentum und Islam, und zwei Völker: Palästinenser und Israelis. Wir müssen Führer finden, die scharfsichtig und mutig genug sind, die Dringlichkeit der gegenwärtigen Situation zu erkennen und die schwierigen und notwendigen Entscheidungen zu treffen, Führer, die wenn nötig, bereit sind, ihre politische Karriere einem gerechten und dauerhaften Frieden zu opfern. Solche Führer haben den Ruf, Heiler zu sein, Friedenstifter, Gerechtigkeitssuchende und Visionäre für Alternativen zum Gewaltzyklus.

Wir erinnern uns an den Besuch von Papst Franziskus in unserer Region und an seinen unablässigen Ruf nach Gerechtigkeit und Frieden. Bei seinem Treffen mit der Palästinenserführung sagte er: „Indem ich meine Nähe zu denen, die leiden, ausdrücke, die am meisten unter diesem Konflikt leiden, möchte ich mit tiefempfundener Überzeugung feststellen, dass die Zeit gekommen ist, diese Situation, die zunehmend unakzeptabel ist, zu beenden. Zum Nutzen aller besteht eine Notwendigkeit, die Bemühungen und Initiativen zu intensivieren, die Bedingungen für einen stabilen Frieden schaffen, der auf Gerechtigkeit, auf der Anerkennung der Rechte aller Individuen und auf gegenseitiger Sicherheit beruht. Die Zeit ist gekommen für jeden, den Mut zu finden, großzügig und kreativ im Dienst des Gemeinwohls zu sein (25. Mai 2014). Genauso sagte er beim Treffen mit der israelischen Führung: „Hier erneuere ich meine Bitte, dass alle Parteien Initiativen und Handlungen vermeiden, die ihrer festgelegten Entscheidung nach einem echten Abkommen widersprechen, und dass sie unentwegt arbeiten für den Frieden, mit Entschlossenheit und Ausdauer. Es ist genauso notwendig, alles nachdrücklich zurückzuweisen, was einer Pflege des Friedens und der respektvollen Beziehungen zwischen Juden, Christen und Moslems entgegensteht.“ (26. Mai 2014)

Aufgabe der Religionsführer

Unsere Aufgabe als Religionsführer ist es, eine prophetische Sprache zu sprechen, die Alternativen zu dem Zyklus von Gewalt und Hass aufdeckt. Diese Sprache weigert sich, irgendeinem von Gottes Kindern den Status eines Feindes zu geben; es ist eine Sprache, die die Möglichkeit eröffnet, jeden als Bruder oder Schwester zu sehen. Papst Franziskus rief bei seinem Aufruf zum Frieden: „Wir haben eine Aufforderung gehört, und wir müssen antworten. Es ist die Aufforderung, die Spirale des Hasses und der Gewalt zu durchbrechen, und wir durchbrechen sie mit nur einem Wort: „Bruder“. Aber um dieses Wort aussprechen zu können, müssen wir unsere Augen zu Himmel heben und einander anerkennen als Kinder eines Vaters.“

Die Religionsführer sind eingeladen, Sprache verantwortungsvoll zu verwenden, sodass sie ein Werkzeug wird, mit dem die Welt von der Wildnis und Dunkelheit in einen blühenden Garten des Lebens verwandelt wird.

Selig sind die, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden.

Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden.

Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.

Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden

(Matthäus 5:6-9)

Jerusalem, 8.Juli 2014