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Gepostet on 9 Jan 2014 in Publikationen, Vertiefung

„In Südafrika habe ich gelernt, gegen Ungerechtigkeit aufzutreten“ (Pfarrer Neuhaus)

„In Südafrika habe ich gelernt, gegen Ungerechtigkeit aufzutreten“ (Pfarrer Neuhaus)

davidneuhaus2Jerusalem – Geboren 1962 in Johannesburg und aufgewachsen in Südafrika, plädiert Pfarrer David Neuhaus, israelischer Jesuit und Vikar des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem für die Hebräisch sprechende Gemeinde und für Migranten, für die Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern.

Ein Interview mit La Croix

Mit jüdischer Herkunft und in einem israelischen Milieu lebend sind Sie stark involviert, was die Palästinenser betrifft. Sind Sie irgendwie geprägt von Ihrer Kindheit in Südafrika?

P. David Neuhaus: Zweifellos war ich vorbereitet. Während meiner Jugend in den 70er Jahren war Nelson Mandela noch im Gefängnis. Man durfte nicht mit ihm sprechen. In meiner Familie nannten wir seinen Namen nur leise. Erst zum Zeitpunkt seiner Entlassung erkannten wir die Größe dieses Mannes. Meine Familie, deutsche Juden, die vor den Nazis flohen und sich in Südafrika niederließen, waren im Kampf gegen die Apartheid engagiert. Meine Mutter weigerte sich, Schwarze anzustellen. Unsere Schule, eine private jüdische Einrichtung, war auch ein Treffpunkt des Widerstands gegen das System. Ich erinnere mich, als wir ein Formular für den Staat ausfüllen mussten – Vorname, Familienname, Rasse, und genau „weiß, schwarz oder gemischt“, sagten uns unsere Lehrer, wir sollten nur „Mensch“ schreiben.

War es die südafrikanische Umgebung, die Ihre Eltern veranlasste, Sie mit 15 Jahren zum weiteren Studium nach Israel zu schicken?

P. N.: Ja. 1976 wurden Hunderte schwarzer Schüler während einer Demonstration getötet. Kurz darauf, 1977, wurde der schwarze Kämpfer Steve Biko hingerichtet. Meine Eltern dachten, es gäbe keine Zukunft mehr in diesem Land.

Wurden Sie jemals für Ihre Überzeugung eingesperrt?

P.N.: Während meines Militärdienstes in Israel weigerte ich mich, Waffen zu tragen gegen Männer und Frauen, die dasselbe Recht in diesem Land zu leben haben wie ich. Als ein Kriegsdienstverweigerer wurde ich für einige Wochen in einem Militärgefängnis inhaftiert. Das war 1988. Mandela war noch im Gefängnis. Aber verglichen mit Menschen wie ihm, die so viele Jahre für ihre Überzeugung hinter Gittern saßen, war der Preis, den ich bezahlte, gering. Das heißt, ich bin überzeugt, dass mein südafrikanisches Erbe meine Haltungen in Israel und mehr noch als meine Haltungen, meine Sensibilität gegen Ungerechtigkeit, meine Pflicht zum Widerstand, geprägt hat.

Einige Begegnungen hatten mich schon bei meiner Ankunft geprägt: zu allererst mein Übertritt zum Christentum, und dann fast gleichzeitig, meine Begegnung mit einer palästinensischen Nonne und einem Palästinenser, der mein bester Freund wurde. Ich sprach Hebräisch, lernte Arabisch, um der Saga dieser Familie folgen zu können und um zu verstehen, dass es hier eine Version der Tatsachen gibt, die ich nie vorher gehört hatte. Und als ich meinen Militärdienst absolvierte, war es für mich unmöglich, Waffen zu tragen gegen meine Freunde.

Gibt es – für Sie – irgendwelche Verbindungen zwischen der Apartheid und dem, was sie in Israel leben?

P.N.: Ich mag diesen Vergleich nicht gerne. Aber ich sehe das als intellektuelle Trägheit. Die Verbindung, die ich herstelle, ist die: In Südafrika schien alles Schwarz zu sein und doch war der Horizont weit geöffnet. In Israel scheint die Situation zur Zeit hoffnungslos, aber ich sage immer, Gott, der Nelson Mandela nach Südafrika geschickt hat, kann die Türen öffnen. Die Apartheid wurde besiegt, und meine große Hoffnung ist, dass wir auch den Kampf zwischen Israelis und Palästinensern beenden werden können.

Wie inspiriert Nelson Mandela Ihre Handlungen?

P.N.: Er verwendete die Sprache der Versöhnung, ohne rachsüchtige Bemerkung, trotz seiner Leiden und der Leiden seines Volkes. Wir müssen jetzt und hier erkennen, an welchem Punkt unsere Sprache gekennzeichnet ist durch die Verachtung der anderen, auf beiden Seiten. Diesen Diskurs zu ändern ist für mich die erste Bedingung für einen echten Dialog, ohne den es oberflächlich bleiben und zu nichts führen wird. Nelson Mandelas Traum war es, Südafrika als einen Platz zu sehen, wo der Mensch nicht nur mit seiner Hautfarbe gesehen wird. Meine Hoffnung ist es, die Menschen dieses Landes davon zu überzeugen, dass sie einen Menschen nicht danach beurteilen, ob er Moslem, Jude, Israeli oder Palästinenser ist. Mandela konnte noch zu Lebzeiten die Verwirklichung seines Traumes sehen. Hoffentlich wir auch….

Die Mauer zwischen Israelis und Palästinensern ist so hoch wie es die zwischen Schwarzen und Weißen war. Ist es unsere Pflicht, sie zu überschreiten?

P.N.: Es ist keine Pflicht, sondern ein Privileg. Als Mann der Kirche habe ich die Möglichkeit, Barrieren zu überschreiten. Die Teilung ist Teil unserer Realität. Aber Christen sollten so handeln, als ob diese Barrieren nicht existierten. Ich bin immer aktiv in der israelischen wie auch in der palästinensischen Gesellschaft – ich lehre die Bibel am Seminar in Beit Jala. Ich überschreite diese Teilung ständig, und daher fühle ich mich völlig integriert. Es ist die Rolle der Kirche, dafür und nicht dagegen zu sein. Aufzustehen gegen Lügen, Ungerechtigkeit, Rassismus, Anti-Semitismus, und eine Sprache des Respekts gegenüber allen zu verwenden.

Celine Hoyeau