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Gepostet on 1 Mai 2013 in Publikationen, Vertiefung

Was erwartet Bischof Antoniazzi in Tunesien?

Was erwartet Bischof Antoniazzi in Tunesien?

cartageTUNIS – Am 14. April wurde S.E. Erzbischof Ilario Antoniazzi offiziell in Tunis eingeführt. Ursprünglich aus Venedig, lebt er seit seiner Jugend im Heiligen Land. Für die kleine katholische Gemeinde in dem Land, wo die Revolutionen begonnen und innerhalb weniger Monate ganz Nordafrika entflammt haben, beginnt eine neue Epoche. Die politischen und sozialen Unruhen, die zum Aufbau einer Demokratie führen sollen, kommen nicht zur Ruhe. Wie sieht die aktuelle Realität der Christen in diesem Teil des Maghreb aus, wo sich die Salafisten auf besorgniserrende Weise manifestieren? Oasis führte ein Interview mit dem neuen Erzbischof.

Von Galiläa nach Tunis: Am Sonntag, den 14. April 2013, wird er in die tunesische Hauptstadt einziehen – ein wahrer Brückenschlag, zu dem der neue Erzbischof von Tunis, Ilario Antoniazzi, berufen wurde. Schon als junger Mann kam er aus Venedig, seiner italienischen Heimat, ins Heilige Land, absolvierte das Seminar im Lateinischen Patriarchat und wurde 1972 zum Priester geweiht. Nun verlässt er seine Pfarrei von Rameh in Israel (mit etwa 3.500 Christen, davon 500 des lateinischen Ritus) und sein Amt als Direktor der lat. Patriarchatsschulen  in Israel, um die katholische Gemeinde eines Landes zu leiten, das sich hart darum bemüht, eine echte Demokratie aufzubauen und seine Wirtschaft aus deren dramatischer Krise herauszuführen.

Aber Bischof Antoniazzi, der sich solch ein Zielland niemals hätte vorstellen können, geht mit gesundem Realismus und voller Hoffnung. „Dort erwartet mich ein wichtiger,hoffentlich aber kein gefährlicher  Einsatz. Dies ist ein ganz neuer Kontext, aber ich gehe in der Erwartung, Gottes Plan für mich und für Tunesien besser zu verstehen. Ich habe mir von dem Generalvikar der Erzdiözese die Lage bis ins kleinste Detail  erklären lassen und habe dabei verstanden, dass wir alle auf die Hoffnung setzen müssen: die Hoffnung der Christen in diesem Land muss ermutigt werden. Tunesien lebt eine sehr fragile Umstellung in seiner Geschichte, und viele fragen sich, wie das enden wird. Aber nur Gott, der Herr der Geschichte, und nicht der Mensch, kennt darauf die Antwort.“

Wie beurteilen Sie, von Galiläa aus, den arabischen Frühling?

„Ich habe vor allem die Revolutionen im Nahen Osten verfolgt, besonders in Syrien, unserem Nachbarn, und im Libanon. Tunesien schien mir sehr weit weg. Aber ich bin dabei, das nachzuholen, ich lese und studiere nun die Situation. Tunesien steht im Mittelpunkt meiner Lektüren und meiner Gedanken.“

Wie haben Sie in der Vergangenheit Ihre Nähe zu den Muslimen erlebt?

In Galiläa stellt das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen kein besonderes Probem dar, weil wir alle vor dem Gesetz Israels gleich sind, und wir Christen und Muslime noch dazu in der Minderheit. Aber ich habe auch zwanzig Jahre in Jordanien gelebt, wo wir Christen im Vergleich zu den Muslimen eine Minderheit waren. Dennoch war es eine sehr schöne Zeit. Es hat nie irgendwelche Probleme gegeben. Wir hatten viele muslimische Freunde: an religiösen Festtagen gratulierten wir uns gegenseitig oder feierten gemeinsam. Ich habe das muslimische Volk lieben und kennen gelernt und finde es interessant und freundlich. Wenn es mal Auseinandersetzungen gab, haben wir sie gemeinsam gelöst, es gab immer einen Ausweg.

Können Sie sich vielleicht an die eine oder andere Begebenheit erinnern?

Ich veranschauliche es an folgendem Beispiel: Wenn der Bischof aus Amman mich besuchen kam, mußte er auf dem Weg zu mir mehrere muslimische Dörfer durchqueren. Er fühlte sich moralisch verpflichtet, unterwegs die muslimischen Sippenführer zu begrüßen und mit ihnen einen Kaffee zu trinken. Wenn er aus Zeitgründen mal nicht anhielt, waren sie sehr enttäuscht. Es war für sie fast eine Beleidigung, wenn der katholische Bischof vorbeifuhr ohne sie zu begrüßen. Es war wie in einer Familie. So sah die Beziehung in Jordanien zwischen Christen und Muslimen aus. Trotz unserer religiösen Unterschiede waren wir fast wie Brüder.

Das ist wirklich eine gute Voraussetzung für Ihren Wechsel in ein sehr muslimisch geprägtes Land… Wie denken Sie Ihre neue Mission einzuleiten?

Zunächst möchte ich die Menschen direkt kennenlernen, Pfarreien und Gemeinden besuchen. Ich würde gerne jedem Christen persönlich sagen können, wie wichtig seine Präsenz als Zeuge des Friedens und der Hoffnung trotz der Schwierigkeiten in Afrika und in Tunesien ist. Ich möchte ihr Leid und ihre Freuden und ihr konkretes Leben mit ihnen teilen.

Die christliche Gemeinde in Tunesien besteht aus mindestens achtzig verschiedenen Nationalitäten. Sehen Sie darin ein Problem oder die Gefahr einer Zersplitterung?

Sicher, diese Situation bringt Schwierigkeiten mit sich, weil jedes Herkunftsland seine Besonderheiten hat. Aber ich würde gerne die Bereicherung hervorheben, die eine solche Vielfalt bietet. Wir haben unseren gemeinsamen Glauben! Wir setzen uns hier wie zu einem Puzzle aus vielen Nationalitäten zusammen und darin liegt der Plan Gottes: eine Kommunion aus Menschen vielfältiger Herkunft.  Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, um die lokale Kirche zu bereichern.

Sie werden Ihre Mission in einem Land ausüben, in welchem die islamische Partei die Wahlen gewonnen hat. Wie können sich die Christen in einem solchen Umfeld verhalten und das Evangelium verkünden, ohne das Risiko einzugehen, der Missionierung angeklagt zu werden?

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir müssen hier auf unsere Glaubensväter schauen, die durch ihre Nächstenliebe den Glauben an Christus bezeugt haben, und so den christlichen Glauben verbreitet haben. Die Menschen um sie herum fragten sich: „Woher kommt ihre Fähigkeit, so selbstlos zu lieben und sich für die Mitmenschen hinzugeben? Wie können sie so leben?“ Man kann also das Evangelium verkünden, indem man Nächstenliebe praktiziert. Denken wir an Mutter Theresa von Kalkutta: sie war allein, aber mit ihrer Demut, ihrer Liebe, erreichte sie so viele Herzen. Wir können auch etwas geben, im Alltag, wir dürfen nicht passiv oder ohne Anforderungen bleiben. Die wichtigste „Predigt“ für den Muslim ist nicht das, was wir in der Kirche machen, sondern wie wir uns verhalten. Wenn dich jemand um Hilfe bittet, unnötig zu fragen, welche Religion er hat. Die Liebe unterscheidet nicht, macht keine Probleme, sie bringt dich deinem Nächsten näher, und den Rest macht Gott.

Sie werden offiziell in eine Kathedrale eingeführt, die während der Kolonialzeit von den Franzosen erbaut worden war. Es ist das einzige religiöse Gebäude in der Haupstraße von Tunis, Avenue Bourguiba, im Herzen der Stadt. Man sieht auch keine Moschee in diesem Viertel, schreibt ein muslimischer Journalist. Was halten Sie von dieser Bemerkung?

In der Vergangenheit war es normal, solche Kirchen zu bauen. Man zeigte in der damaligen Epoche kein besonderes Feingefühl gegenüber den anderen. Das war der französische Stolz. Heute ist man der Schlichtheit des Evangeliums näher. Sehen wir uns das Verhalten von Papst Franziskus an.  Ich hoffe, wir werden lernen, die Vergangenheit von der Gegenwart zu unterscheiden.

Ihr Haus in Tunis liegt an der Hautstraße, wo tagtäglich so viele junge Muslime vorbeigehen. Wie stehen Sie diesen jungen Menschen gegenüber?

Mit viel Sympathie und Liebe, weil ich glaube, dass wir alle Kinder Gottes sind und daher Brüder. Wir dürfen uns nicht anschauen ohne uns gegenseitig zu lieben. Ganz unabhängig von ihren Ansichten. Ich könnte es so ausdrücken: „Ich als Christ liebe dich, meinen muslimischen Bruder. Ich hoffe, dass du mir auch Liebe entgegenbringen wirst, doch unabhängig davon werde ich dich lieben. Ich möchte nichts anderes als Liebe bezeugen.“

Wie bewerten Sie ein mögliches Engagement seitens der Christen in der Politik des Landes?

Die Kirche ist meiner Ansicht nach nicht dazu berufen, sich direkt in die Politik einzumischen, aber die Christen sollen ihre Position klar definieren. Die Kirche muss daran erinnern, wo sich die Werte der menschlichen Person  befinden, ohne direkt in die Konstitution oder die Gesetzesentscheidungen einzugreifen. Wenn sich diese gegen die Christen wenden, werden sie sich schließlich auch gegen die Muslime wenden. Die Kirche muss klug handeln, ohne jemals auf die Grundwerte der Menschenwürde von Mann und Frau, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, zu verzichten.

Noch eine letzte Frage zu Ihrer Ernennung: Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie von Ihrer neuen Mission erfahren haben?

Ich war zunächst sehr überrascht: „Mein Gott – dachte ich mir – wie weit geht doch Deine Vorstellungskraft! An mich zu denken, wo ich im Norden Galiläas nahe der libanesischen  Grenze lebe, und mich ans andere Ende des Mittelmeers zu schicken.“ Aber wenn Er so viel Vorstellungsvermögen besaß, um mich zu dieser Aufgabe zu berufen, wird er mir auch helfen, mein Episkopat dort zu leben. Ich spüre in mir eine Erschütterung, aber gleichermaßen ein unermessliches Vertrauen.

Das Interview führte Maria Laura Conte (Oasis)