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Gepostet on 18 Feb 2013 in Patriarch, Rede und Interviews FT

Für den Patriarchen versetzt  der Papst der Kirche „einen Vitalitätsschock“

Für den Patriarchen versetzt der Papst der Kirche „einen Vitalitätsschock“

JERUSALEM – Am 11. Februar herrschte auch in Jerusalem Verwunderung nach der Ankündigung des Rücktritts von Papst Benedikt XVI. Mit 85 Jahren habe er nicht mehr die Kraft für das Päpstliche Amt. Seit dem 15. Jahrhundert gab es in der Kirche keinen Rücktritt mehr. Reaktionen des Respekts und der Zuneigung seitens des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal.

Pape et Fouad article1. Wie fühlten Sie sich nach der Ankündigung des Rücktritts des Papstes?

Wie alle anderen war auch ich zuerst fassungslos nach der Nachricht über den Rücktritt des Papstes am11. Februar, dem Jahrestag der ersten Erscheinung der Gottesmutter in Lourdes und dem Internationalen Weltkrankentag.

Zuerst fühlte ich Schmerz und Trauer gegenüber einem Freund, der das Heilige Land und seine kleine Herde so sehr liebt.

Hinter diesem Rücktritt fühle ich aber auch einen Schock der Bewunderung und der Weisheit: Wir müssen in dieser Entscheidung einen Vitalitätsschock, den der Papst dem Leben der im Jahr des Glaubens engagierten Kirche versetzen will, sehen.

Gestern nahm ich in Amman an zwei Konferenzen über die menschliche Dimension der Stadt Jerusalem teil. Das Treffen war von Prinz Hassan organisiert worden. Vor seiner Rede begrüßte Mahdi Abdul Hadi (Gründer von Passia-Palestinian Academic Society for the Study of International Affairs) – Muslim – den Mut des Papstes  “dieser große Mann, der sich dafür entscheidet zurückzutreten und den renommiertesten menschlichen und spirituellen Posten aufzugeben. Dr. Mahdi betonte, dass der  Papst mit dieser Geste vor allem erreiche, die Herzen zu gewinnen und sie dazu zu bringen, ihn noch mehr zu lieben. “In einer Zeit, in der viele Führungskräfte und Staatschefs sich an ihrer Macht festklammern,“ fuhr er fort,“ können wir nur hoffen, dass auch sie den gleichen Mut, die gleiche Menschlichkeit für ihre eigenes Wohl und das Wohl ihrer Länder zeigen”.

2. Was konkret und präzise seines Pontifikats erinnert Sie an das Heilige Land ?

Ich erinnere mich natürlich an seine Pilgerreise hier im Jahr 2009. Dieser Besuch von Benedikt XVI. bei den Heiligen Stätten und bei uns hat uns sehr bewegt und wir konnten seine zärtliche Liebe für die Mutterkirche förmlich spüren. Er war bereits ein großer Papst in unseren Herzen, mit dieser Geste gegenüber unserer Kirche hat er sich als noch größerer Papst erwiesen. Ich muss zugeben: der Papst hat ein edles Herz, wie auch das Heilige Land edel ist.

Benedikt XVI. war sich stets der Komplexität der politischen Lage, die aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt resultiert, bewusst. Er war sich auch der Überempfindlichkeit der beiden Völker bewusst. Und ich erinnere mich gut daran, dass sich jeder, ob Israeli oder Palästinenser, in den 33 Reden während seiner Reise 2009 wiederfinden konnte. Aber der Papst stand weitgehend über den parteipolitische Gruppierungen. Er war vor allem als Pilger, in einem Geist der Demut und des Gebets, um sich an heiligen Stätten zu sammeln, gekommen. Er war als Hirte gekommen, um uns zu trösten, stärken und uns zur Umkehr aufzurufen. Sicherlich ist Benedikt XVI. auch als Handwerker des Friedens gekommen. Er wollte neben allen sein, dem Frieden und der Gerechtigkeit.

3. Was erwarten Sie von seinem Nachfolger in der Frage des israelisch-palästinensischen Konflikts und im Leben der Mutter-Kirche?

Alle Spekulationen oder Bedenken bezüglich dieses Themas liegen mir fern. Alles ist das Werk des Heiligen Geistes. Während wir warten, schließen wir Benedikt XVI. und unsere Kardinäle, während des Konklave bevor der neue Papst ernannt wird, in unsere Gebete ein.

Wer auch immer gewählt wird, die Kirche wird die gleiche vom Heiligen Stuhl gewählte Linie bezüglich des politischen Lebens in Israel und Palästina beibehalten. Die Institution stirbt nicht. Der Heilige Stuhl wird seine Mission in der Welt und auf humanitärem Gebiet fortsetzen.

Unser Heiliges Land, wie auch unser Naher Osten erleben eine sehr ereignisreiche historische Zeit. Wir brauchen einen Papst, der uns nahe ist. Unsere Stärke wird aus unserer Zusammenarbeit insbesondere im interreligiösen Dialog und aus dem Wunsch nach einem gerechten und dauerhaften Frieden für alle kommen.

4. Was ist Ihnen von seiner Begleitung in Erinnerung geblieben?

Die drei Tage im Mai 2009 in Jordanien, als wir zusammen im Papamobil waren, war der schönste Moment meines Kontakts mit dem Papst. Es waren drei Tage voller intensiver, einfacher, ruhiger und freundschaftlicher Gespräche. Es gab weder Protokoll, noch Zeremonienmeister, noch  Journalisten, noch die Öffentlichkeit. Der Papst ist ein wahrer Freund geworden. Wir unterhielten uns auf Italienisch und der Papst lächelte, als Erzbischof Georg Gänswein, der Privatsekretär des Papstes, ihn auf Deutsch daran erinnerte, deutsch sprechen zu können, da “der Patriarch deutsch versteht und sprechen kann” (Lachen).

Interview von Christophe Lafontaine