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Gepostet on 4 Feb 2013 in Kirche, Stimme des Heiligen Vaters

Botschaft des Heiligen Vaters zur Fastenzeit 2013

Botschaft des Heiligen Vaters zur Fastenzeit 2013

careme articleVatikan – Wir publizieren hier die Boschaft des Heiligen Vaters zur Fastenzeit 2013, im Jahr des Glaubens, mit der untrennbaren Beziehung zwischen Glauben und Nächstenliebe.

 

 

 

 

 

 

die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt“

(1 Joh 4,16)

Liebe Brüder und Schwestern!

 

Die Fastenzeit gibt uns im Jahr des Glaubens die kostbare

Gelegenheit, über die Beziehung zwischen Glaube und Nächstenliebe

nachzudenken: zwischen dem Glauben an Gott, den Gott Jesu Christi, und

der Liebe, der Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes, die uns auf einem

Weg der Hingabe an Gott und an unsere Mitmenschen leitet.

 

1. Der Glaube als Antwort auf die Liebe Gottes.

Schon in meiner ersten Enzyklika hatte ich einige Anhaltspunkte

dargelegt, um auf die enge Verbindung zwischen diesen beiden theologalen

Tugenden – zwischen dem Glauben und der Liebe – hinzuweisen. Ausgehend

von der grundlegenden Aussage des Apostels Johannes: „Wir haben die Liebe

erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt“ (1 Joh 4,16), erinnerte ich

daran, daß „am Anfang des Christseins nicht ein ethischer Entschluß oder

eine große Idee steht, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer

Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine

entscheidende Richtung gibt. […] Die Liebe ist nun dadurch, daß Gott uns

zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,10), nicht mehr nur ein »Gebot«, sondern

Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott uns entgegengeht“

(Deus caritas est, 1). Der Glaube ist jene persönliche Zustimmung – die alle

unsere Fähigkeiten einbezieht – zur Offenbarung der bedingungslosen und

„leidenschaftlichen“ Liebe Gottes für uns, die sich voll und ganz in Jesus

Christus zeigt. Der Glaube ist Begegnung mit Gott, der die Liebe ist, welche

nicht nur das Herz einbindet, sondern auch den Verstand: „Die Erkenntnis

des lebendigen Gottes ist Weg zur Liebe, und das Ja unseres Willens zu

seinem Willen einigt Verstand, Wille und Gefühl zum ganzheitlichen Akt der

Liebe. Dies ist freilich ein Vorgang, der fortwährend unterwegs bleibt: Liebe ist

niemals »fertig« und vollendet” (ebd., 17). Hieraus ergibt sich für alle Christen

und insbesondere für die Mitarbeiter karitativer Dienste die Notwendigkeit des

Glaubens, jener „Begegnung mit Gott in Christus […], die in ihnen die Liebe

weckt und ihnen das Herz für den Nächsten öffnet, so daß Nächstenliebe für

sie nicht mehr ein sozusagen von außen auferlegtes Gebot ist, sondern Folge

ihres Glaubens, der in der Liebe wirksam wird“ (ebd., 31a). Der Christ ist ein

Mensch, der von der Liebe Christi ergriffen ist, und deshalb ist er, von dieser

Liebe gedrängt – „caritas Christi urget nos” (2 Kor 5,14) –, auf tiefste und

konkrete Weise für die Nächstenliebe offen (vgl. ebd., 33). Diese Haltung

entspringt vor allem dem Bewußtsein, daß der Herr uns liebt, vergibt und

sogar dient – er, der sich bückt, um die Füße der Jünger zu waschen und sich

selbst am Kreuz hingibt, um die Menschheit in die Liebe Gottes

hineinzuziehen.

„Der Glaube zeigt uns den Gott, der seinen Sohn für uns hingegeben

hat, und gibt uns so die überwältigende Gewißheit, daß es wahr ist: Gott ist

Liebe! […] Der Glaube, das Innewerden der Liebe Gottes, die sich im

durchbohrten Herzen Jesu am Kreuz offenbart hat, erzeugt seinerseits die

Liebe. Sie ist das Licht — letztlich das einzige –, das eine dunkle Welt immer

wieder erhellt und uns den Mut zum Leben und zum Handeln gibt“ (ebd., 39).

An all dem erkennen wir, daß die typische Grundhaltung der Christen eben

diese „im Glauben gründende und von ihm geformte Liebe“ ist (ebd., 7).

 

2. Die Nächstenliebe als Leben aus dem Glauben

Das gesamte christliche Leben ist ein Antworten auf die Liebe Gottes.

Die erste Antwort ist, wie gesagt, der Glaube, der voll Staunen und

Dankbarkeit die einzigartige göttliche Initiative annimmt, die uns vorausgeht

und uns anspornt. Und das „Ja“ des Glaubens kennzeichnet den Beginn einer

großartigen Geschichte der Freundschaft mit dem Herrn, die unser gesamtes

Leben erfüllt und ihm vollen Sinn gibt. Gott genügt es aber nicht, daß wir

seine bedingungslose Liebe annehmen. Er beschränkt sich nicht darauf, uns

zu lieben, sondern will uns zu sich ziehen, uns so tiefgreifend verwandeln,

daß wir mit dem heiligen Paulus sagen können: „Nicht mehr ich lebe, sondern

Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).

Wenn wir der Liebe Gottes Raum geben, so werden wir ihm ähnlich

und seiner Nächstenliebe teilhaftig. Sich seiner Liebe zu öffnen bedeutet

zuzulassen, daß er in uns lebt und uns dazu bringt, mit ihm, in ihm und wie

er zu lieben; erst dann wird unser Glaube „in der Liebe wirksam“ (Gal 5,6)

und wohnt Gott in uns (vgl. 1 Joh 4,12).

Glaube heißt die Wahrheit erkennen und ihr zustimmen (vgl. 1 Tim

2,4); Nächstenliebe bedeutet, den Pfad der Wahrheit zu beschreiten (vgl. Eph

4,15). Durch den Glauben entsteht unsere Freundschaft mit dem Herrn;

durch die Nächstenliebe wird diese Freundschaft gelebt und gepflegt (vgl.

Joh 15,14ff). Der Glaube läßt uns das Gebot unseres Herrn und Meisters

annehmen; die Nächstenliebe schenkt uns die Glückseligkeit, danach zu

handeln (vgl. Joh 13,13-17). Im Glauben werden wir als Kinder Gottes

geboren (vgl. Joh 1,12ff); die Nächstenliebe läßt uns konkret in der

Gotteskindschaft verweilen und die Frucht des Heiligen Geistes bringen (vgl.

Gal 5,22). Der Glaube läßt uns die Gaben erkennen, die uns Gott in seiner

Güte und Großzügigkeit anvertraut; die Nächstenliebe läßt sie Früchte

tragen (vgl. Mt 25,14-30).

 

3. Die unauflösliche Verbindung zwischen Glaube und Nächstenliebe

Im Licht der vorangehenden Ausführungen wird deutlich, daß wir

Glaube und Nächstenliebe niemals voneinander trennen oder gar in

Widerspruch zueinander setzen können. Diese beiden theologalen Tugenden

sind eng miteinander verbunden, und es wäre irreführend, zwischen ihnen

einen Kontrast oder eine „Dialektik“ erkennen zu wollen. Denn einerseits ist

die Haltung jener verengt, die auf den Vorrang und die entscheidende

Bedeutung des Glaubens solchen Nachdruck legen, daß sie die konkreten

Werke der Nächstenliebe unterbewerten, ja gleichsam gering schätzen und

die Nächstenliebe auf einen unbestimmten Humanitarismus reduzieren.

Andererseits ist es aber genauso verengt, eine übertriebene Vorrangstellung

der Nächstenliebe und ihrer Werke zu verfechten in der Überzeugung, die

Werke würden den Glauben ersetzen. Für ein gesundes geistliches Leben ist

es notwendig, sowohl einen Fideismus als auch einen moralisierenden

Aktivismus zu meiden.

Das christliche Leben besteht darin, den Berg der Begegnung mit Gott

immer wieder hinaufzusteigen, um dann, bereichert durch die Liebe und die

Kraft, die sie uns schenkt, wieder hinabzusteigen und unseren Brüdern und

Schwestern mit der gleichen Liebe Gottes zu dienen. In der Heiligen Schrift

sehen wir, daß der Eifer der Apostel für die Verkündigung des Evangeliums,

die den Glauben weckt, eng mit der liebenden Sorge für den Dienst an den

Armen verbunden ist (vgl. Apg 6,1-4). In der Kirche müssen Kontemplation

und Aktion, die in gewisser Hinsicht durch die Gestalten der Schwestern

Maria und Marta im Evangelium versinnbildlicht werden, miteinander

bestehen und sich gegenseitig ergänzen (vgl. Lk 10,38-42). Die Beziehung zu

Gott hat immer Vorrang, und das wahre Teilen gemäß dem Evangelium muß

im Glauben verwurzelt sein (vgl. Katechese bei der Generalaudienz am 25.

April 2012). Manchmal neigt man in der Tat dazu, den Begriff

„Nächstenliebe“ auf die Solidarität oder die einfache humanitäre

Hilfeleistung zu beschränken. Es gilt jedoch zu bedenken, daß das höchste

Werk der Nächstenliebe gerade die Evangelisierung, also der „Dienst am

Wort“ ist. Es gibt kein heilsameres und somit wohltätigeres Werk am

Nächsten, als das Brot des Wortes Gottes mit ihm zu brechen, ihn an der

Frohen Botschaft des Evangeliums teilhaben zu lassen, ihn in die Beziehung

zu Gott einzuführen: Die Evangelisierung ist die höchste und umfassendste

Förderung des Menschen. Wie der Diener Gottes Papst Paul VI. in der

Enzyklika Populorum progressio schreibt, ist die Verkündigung Christi der

erste und hauptsächliche Entwicklungsfaktor (vgl. Nr. 16). Es ist die

ursprüngliche, die gelebte und verkündete Wahrheit der Liebe Gottes zu

uns, die unser Leben für die Aufnahme dieser Liebe öffnet und die volle

Entfaltung der Menschheit und jedes einzelnen ermöglicht (vgl. Enzyklika

Caritas in veritate, Nr. 8).

Im wesentlichen geht alles von der Liebe aus, und alles strebt zur

Liebe hin. Die bedingungslose Liebe Gottes hat sich uns durch die

Verkündigung des Evangeliums kundgetan. Wenn wir das Evangelium

glaubend annehmen, so erhalten wir jene erste und unerläßliche

Verbindung zum Göttlichen, die bewirken kann, daß wir uns „in die Liebe

verlieben“, um dann in dieser Liebe zu leben und zu wachsen und sie mit

Freude an unsere Mitmenschen weiterzugeben.

Was das Verhältnis zwischen Glaube und Werken der Nächstenliebe

betrifft, so finden wir im Brief des heiligen Paulus an die Epheser eine

Aussage, die ihre wechselseitige Beziehung vielleicht am besten

zusammenfaßt: „Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht

aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt –, nicht aufgrund eurer Werke,

damit keiner sich rühmen kann. Seine Geschöpfe sind wir, in Christus

Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott

für uns im voraus bereitet hat“ (2,8-10). Hier wird deutlich, daß alle

heilbringende Initiative von Gott ausgeht, von seiner Gnade, von seiner im

Glauben angenommenen Vergebung. Diese Initiative schränkt jedoch in

keiner Weise unsere Freiheit und unsere Verantwortung ein, sondern macht

sie erst authentisch und richtet sie auf die Werke der Nächstenliebe aus.

Letztere sind nicht etwa die Früchte vorwiegend menschlicher Bemühungen,

derer man sich rühmen kann; sie entstehen vielmehr aus dem Glauben

selbst, sie entspringen der Gnade, die Gott in Fülle schenkt. Ein Glaube

ohne Werke ist wie ein Baum, der keine Früchte trägt: Diese beiden

Tugenden bedingen sich gegenseitig. Die Fastenzeit fordert uns mit den

traditionellen Weisungen für ein christliches Leben genau dazu auf, unseren

Glauben dadurch zu stärken, daß wir aufmerksamer und beständiger auf

das Wort Gottes hören und an den Sakramenten teilnehmen, und

gleichzeitig in der Nächstenliebe, in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu

wachsen, auch durch die konkrete Übung des Fastens, der Buße und des

Almosengebens.

 

4. Vorrang des Glaubens, Primat der Liebe

Wie alle Gaben Gottes, so verweisen auch Glaube und Liebe auf das

Wirken des einen Heiligen Geistes (vgl. 1 Kor 13), jenes Geistes, der in uns

„Abba, Vater!“ ruft (Gal 4,6), der uns sagen läßt: „Jesus ist der Herr!“ (1 Kor

12,3) und „Marána tha“ (1 Kor 16,22; Offb 22,20).

Der Glaube – Gabe und Antwort – offenbart uns die Wahrheit

Christi als menschgewordene und gekreuzigte Liebe, uneingeschränkte und

vollkommene Erfüllung des väterlichen Willens und unendliche göttliche

Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten; der Glaube verankert in Herz und

Geist die unerschütterliche Überzeugung, daß eben diese Liebe die einzige

Wirklichkeit ist, die über das Böse und den Tod siegt. Der Glaube fordert

uns auf, mit der Tugend der Hoffnung nach vorne zu blicken in der

zuversichtlichen Erwartung, daß der Sieg der Liebe Christi zu seiner

Vollendung gelangt. Die Nächstenliebe wiederum läßt uns in die in Christus

sichtbar gewordene Liebe Gottes eintreten sowie persönlich und existenziell

die volle und uneingeschränkte Selbsthingabe Christi an den Vater und an

die Mitmenschen annehmen. Indem er die Liebe in uns ausgießt, läßt uns

der Heilige Geist an der besonderen Hingabe Christi teilhaben: an seiner

Hingabe als Sohn gegenüber Gott dem Vater und als Bruder gegenüber allen

Menschen (vgl. Röm 5,5).

Die Beziehung zwischen diesen beiden Tugenden ist ähnlich jener

zwischen zwei grundlegenden Sakramenten der Kirche: der Taufe und der Eucharistie. Die Taufe (sacramentum fidei) geht der Eucharistie

(sacramentum caritatis) voraus, ist aber auf sie ausgerichtet, da sie die Fülle

des christlichen Weges darstellt. Auf analoge Weise geht der Glaube der

Liebe voraus, erweist sich aber erst als echt, wenn er von ihr gekrönt wird.

Alles geht von der demütigen Annahme des Glaubens aus (das Wissen, von

Gott geliebt zu sein), muß aber zur Wahrheit der Nächstenliebe gelangen (die

Fähigkeit, Gott und den Nächsten zu lieben), die für alle Ewigkeit besteht als

Vollendung aller Tugenden (vgl. 1 Kor 13,13).

Liebe Brüder und Schwestern, während der Fastenzeit bereiten wir

uns darauf vor, das Ereignis des Kreuzes und der Auferstehung zu feiern,

durch das die Liebe Gottes die Welt erlöst und die Geschichte erleuchtet hat.

Möge diese kostbare Zeit euch allen Gelegenheit sein, den Glauben in Jesus

Christus neu zu beleben, um in seinen Kreislauf der Liebe einzutreten – der

Liebe zum Vater und zu jedem Menschen, dem wir in unserem Leben

begegnen. Dafür wende ich mich im Gebet an Gott und erbitte zugleich für

jeden von euch und für alle Gemeinschaften den Segen des Herrn!

 

Aus dem Vatikan, am 15. Oktober 2012