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Gepostet on 26 Jan 2013 in Patriarch, Rede und Interviews FT

Interview mit dem Lateinischen Patriarchen zu den Wahlen in Israel und in Jordanien

Interview mit dem Lateinischen Patriarchen zu den Wahlen in Israel und in Jordanien

SB-Fouad-Twal-20-décembre-2012

Benjamin Netanyahu, der aus den Wahlen vom 22. Januar in Israel geschwächt hervorgegangen war, musste Yaïr Lapid von der Zentrumspartei gestern die Hand reichen; Sozialpolitik soll nun zu seiner neuen Priorität werden, und das palästinensische Problem an Gewicht verlieren. Die Jordanier hingegen wählten am Mittwoch, dem 23. Januar, Parlamentsabgeordnete mit erweiterten Regierungsbefugnissen. Das neugewählte Parlament wird den Premierminister wählen und die täglichen Aufgaben verwalten, die zuvor ausschließlich König Abdallah II. vorbehalten waren. Die Außen- und Sicherheitspolitik bleiben weiterhin Sache des Königs. Die ersten Wahlergebnisse werden heute erwartet. Wir führten hierzu ein Interview mit dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Fouad Twal.

1) Was halten Sie von dem Ergebnis der Parlamentswahlen in Israel?

Ich möchte zunächst eines festhalten. Wir respektieren voll und ganz die Freiheit des israelischen Volkes, die Politiker zu wählen, denen sie ihre Politik anvertrauen wollen. Wir hoffen, dass die angekündigte Allianz zwischen der (rechten) Likoud-Beïtenou Partei des israelischen Premierministers Benjamin Netanyahu und der neuen Zentrumspartei Yesh Atid von Yaïr Lapid ein weiterer konkreter Schritt auf dem Weg zu Verständigung und einer effizienten Friedenslösung ist. Wir hoffen, dass es sich hier um einen echten Fortschritt handelt.

2) Was würden Sie den Gewählten Politikern gerne als Botschaft mitgeben?

Ich wünsche den Politikern, dass sie zwei Realitäten nicht außer Acht lassen, und möchte sie daran erinnern, dass es einen Staat gibt, der Palästina heißt, und ein palästinensisches Volk. Am Anfang dieses neuen Jahres wiederhole ich meinen Gebete und meinen großen Wunsch nach mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit und tieferem gegenseitigen Vertrauen.

3) Stellen die Wahlen in Jordanien eine Bewährungsprobe für das Regime dar?

Das jordanische Regime hatte schon vor und auch während des „Arabischen Frühlings“ Reformen eingeleitet. Es konnte die Demonstrationen einlenken und somit verhindern, dass diese außer Kontrolle geraten. Es stimmt, dass die Muslimbrüder die Wahlen boykottiert haben, um das Regime zu stürzen. Trotz dieses Boykotts der islamistischen Opposition sind sich mehr als die Hälfte der jordanischen Wähler ihrer Rechte und Pflichten bewusst und an die Wahlurnen gegangen. Man schätzt in diesen Parlamentswahlen eine Wahlbeteiligung von 56,5% der 2,3 Mio. Wahlberechtigten. Diesen Bürgern geht es um ihr Land. Ich hoffe, dass die Muslimbrüder ihre Politik überdenken und ihre Verantwortung übernehmen. Ich muss zugeben, dass wir die Geduld des Königs schätzen, der wirklich dem Volk zuhört und auf dessen Unzufriedenheit reagiert.

4) Wie geht Jordanien inmitten dieser regionalen, sozialen und ökonomischen Umwälzungen mit den syrischen Flüchtlingsströmen in seinem eigenen Land um?

Tausende von Syrern kommen in dieses Land, und Jordanien muss mit dem Mangel an Strom, Wasser und Treibstoff fertig werden. Zudem wird alles teurer. Das Land nimmt immer weitere Flüchtlinge auf, die sich nun vom Norden auf den Weg in den Süden des Landes machen. Einige sind gute Facharbeiter und können somit ihren Beitrag leisten, aber viele andere sind verletzt, müde oder krank. Ich möchte mich bei der jordanischen Armee bedanken, die den Flüchtlingen ihre Infrastruktur zur Verfügung stellt, um all diese armen Menschen aufzunehmen. Die Lage in Syrien macht uns große Sorgen und in meinem Solidaritätsschreiben, das ich heute Morgen verfasst habe, bitte ich die internationale Gemeinschaft, nochmals echte Friedensverhandlungen zu führen. Ich weiß, dass mein Brief keine Wunder bewirken kann, aber ich möchte den Syrern, den religiösen Gemeinschaften, den Priestern und all denen, die sich für den Frieden einsetzen, unseren spirituellen Beistand und unsere Unterstützung durch das Gebet versichern. Wir sind ihnen in ihrem Leid sehr nah und fühlen aus ganzem Herzen mit ihnen allen.

Das Interview führte Christophe Lafontaine