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Gepostet on 11 Jan 2013 in Aktuelles aus der Diözese, Diözese

Seine Exzellenz Bischof Marcuzzo erinnert an das Zweite Vatikanische Konzil (Teil 2/2)

Seine Exzellenz Bischof Marcuzzo erinnert an das Zweite Vatikanische Konzil (Teil 2/2)

Mgr-Marcuzzo-Itw-article-300x246Das Zweite Vatikanische Konzil war am 11. Oktober 1962 von Papst Johannes XXIII. eröffnet und am 8. Dezember 1965 unter dem Pontifikat von Paul VI. geschlossen worden. Nach fünfzig Jahren erinnert Seine Exzellenz Bischof Marcuzzo, Patriarchalvikar für Israel in Nazareth, an dieses Konzil, das die Kirche und besonders das Heilige Land dermaßen geprägt hat (Teil 2/2).

4. Welche konziliaren Grundgedanken sehen Sie heute, fünfzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, noch immer nachwirken?

Ich glaube, dass das Zweite Vatikanische Konzil hauptsächlich zwei große Ziele verwirklicht hat:

– Eine weitreichende Liebe für die ganze Welt und einen positiveren Blick auf die Welt und die anderen Religionen (dank der Persönlichkeit von Papst Johannes XXIII.). Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sieht die Kirche die anderen Religionen in einem neuen Licht: die Gläubigen der anderen Religionen sind keine Verurteilten mehr, sondern dazu berufen, die Wahrheit zu erkennen; sie sind vom Herrn geliebt und haben Anteil an den „Semina Verbi“. Das Konzil hat den Grundstein einer „christlichen Theologie für die Nicht-Christen“ gelegt. Und das war gerade für uns im Heiligen Land von enormer Bedeutung.

– Eine größere Liebe für die Kirche (was wir der Persönlichkeit von Papst Paul VI. verdanken). Der Papst hat uns 1964 inmitten des Konzils die Enzyklika Ecclesiam suam geschenkt. Diese Enzyklika öffnet einen  Dialog im Innern der Kirche, mit den anderen Kirchen, mit den anderen Religionen und schließlich mit der gesamten Welt.

5. Wie kann die Flamme dieses Zweiten Vatikanischen Konzils in den kommenden Jahren konkret aufrecht erhalten werden?

25 Jahre nach dem Konzil haben wir hier im Heiligen Land, angeregt vom Konzilsgeist, die pastorale Diözesansynode einberufen, um uns zu vergegenwärtigen, wie weit wir gekommen sind, wo wir heute stehen und wie wir das Konzil heute in unserer Situation leben. Daraus hervorgegangen ist der für die Kirche heute sehr bedeutende „Allgemeine Pastoralplan“.

Das Glaubensjahr 2012/13 ist auch wie ein kleines Konzil, das wir gegenwärtig erleben. Wie auch die Synode zur Neuevangelisierung. Wir stellen uns die Frage, wie wir unseren Glauben leben sollen, mit wem, mit welchen Mitteln. Das Zweite Vatikanische Konzil bildet eine bedeutende Bezugsgrundlage für dieses Glaubensjahr. Auch mir dient das Konzil immer als Referenzpunkt bei all meinen Vorbereitungen für Predigten, Versammlungen, oder Teilnahmen an Räten: ich beziehe mich heute nach fünfzig Jahren immer noch auf die Grundgedanken des Konzils und es erleuchtet mich jedesmal wieder. Ich würde sagen, man beginnt jetzt erst zu verstehen, wie wichtig das Konzil für uns ist.

6. Was ist heute die wichtigste Aufgabe der Diözese des Lateinischen Patriarchats?

Obwohl viele Ideen des Konzils im Heiligen Land umgesetzt wurden, bleibt dennoch weiterhin viel zu tun. Die Kirche muss sich immer wieder reformieren. Meiner Ansicht nach müssen wir heute hauptsächlich an den „Mitteln der Kommunion“ arbeiten, und zwar auf mehreren Niveaus:

–  Die Kommunion in der Kirche: Gemeinderäte, Laienräte einberufen; die Beziehung zwischen den Ordensgemeinschaften und der Kirche vertiefen, so wie es das Apostolische Schreiben der Synode den Nahen Osten in Erinnerung gerufen hat. Die „Vereinigung der Ordensfrauen“, die schon existiert, reicht nicht aus.

–  Die Kommunion zwischen den katholischen Kirchen: da gibt es schon die CELRA (die arabische Bischofskonferenz) und die AOCTS (die Vereinigung der katholischen Ordinarien vom Heiligen Land), aber auch da muss man weiterarbeiten.

–  Die Kommunion mit den anderen Kirchen: ich hatte mir wirklich vorgestellt, dass die Einheit wesentlich leichter zu verwirklichen sei, gerade auf ökumenischer Ebene. Hier hat man viel getan, aber in den letzten Jahren auch Zeiten der Unterbrechung und des Stillstands erfahren. Jetzt geht es wieder langsam voran. Doch auch hier muss man den Rythmus des anderen respektieren und mit dem Heiligen Geist voranschreiten, ohne ihn dabei überholen zu wollen. Es gibt bereits Ergebnisse, aber man muss sie auch umsetzen.

Wir können uns aber über einen besonderen Erfolg des Konzils freuen, und zwar die Vereinheitlichung des Datums des Osterfests innerhalb der verschiedenen Kirchen. Die Katholiken haben sich entschieden, Ostern  nach dem Julianischen Kalender der Orthodoxen zu feiern. Diese Entscheidung wurde in Jordanien schon vor 25 Jahren umgesetzt und 2015 werden auch wir hier im Heiligen Land unser Osterfest dem der Orthodoxen anpassen. Man könnte sicher erwarten, dass die orthodoxe Kirche im Gegenzug ihr Weihnachtsfest mit uns Katholiken gemeinsam feiern, doch das ist bis heute noch nicht der Fall. Dennoch dürfen wir uns nicht davor fürchten, als Erste auf die anderen zuzugehen und Initiativen zu ergreifen, sonst kommen wir garnicht voran.

7. In welcher Hinsicht sind das Jahr des Glaubens und die Synode zur Neuevangelisierung ein Erbe des Zweiten Vatikanische Konzils?

Das Jahr des Glaubens übernimmt den Glaubenskern des Konzils, indem es die gleichen Grundfragen stellt: was ist die Kirche? Wer ist Jesus Christus für den Menschen von heute?

Hier, im Heiligen Land, ist im Gegensatz zu anderen Regionen Gott sei Dank der Glaube noch sehr verbreitet. Denn der Glaube an diesem Ort ist sicherlich etwas Besonderes und Schönes. Aber es kann leicht passieren, dass er auf einseitige Faktoren reduziert wird:

–  Dass der Glaube bloß als soziale Verpflichtung gelebt wird, nur als ein Erbe. Die Weitergabe des Glaubens innerhalb der Familie ist natürlich sehr wichtig, aber das allein macht noch nicht den wahren Glauben aus. Er muss immer eine persönliche Antwort auf den Ruf Gottes sein und nicht nur eine Tradition.

–  Dass der Glaube wie ein aufrührerischer Akt gelebt wird. Der Glaube ist aber zunächst und vor allem  eine Annahme Gottes, der mich ruft, und meine Antwort auf diesen Ruf (shema Israel).

–  Dass der Glaube als Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe gelebt wird. Teilweise ist das wichtig, aber diese Zugehörigkeit darf nicht als Motif gelten, sich zu verschließen oder von den anderen abzugrenzen; die Gruppe muss sich den Menschen, die einen anderen Glauben haben, öffnen. In Nazareth hoffe ich, dass wir daran arbeiten, uns Gott zu öffnen, damit wir unseren Glauben konsequenter und überzeugender leben, damit wir lernen zu geben, um zu erhalten, und zu verlieren, um zu gewinnen.

–  Hier im Heiligen Land ist unser Glaube besonders von Gleichgültigkeit bedroht. Hier sind wir nicht von Säkularisierung oder Laizismus bedroht, wie es in vielen westlichen Ländern der Fall ist, aber umso mehr von der Gleichgültigkeit. Die Gefahr besteht darin, dass der Glaube nur äußerlich gelebt wird, aber kaum Tiefe hat. Und wir somit auch nicht die Zeichen der Zeit beachten.

Daher bieten das Jahr des Glaubens und die Synode zur Neuevangelisierung ein wichtiges Programm. Wir werden uns den Pastoralbrief der Vereinigung der Ordinarien vom Heiligen Land vornehmen, um die Zeichen der Zeit besser zu verstehen. Besonders was den Frieden und die Gerechtigkeit angeht. Man muss diese Zeichen aufgreifen, sie meditieren, um sich dann entschieden einzusetzen.

Das Interview führte Amélie de La Hougue