Pages Menu
Categories Menu

Gepostet on 20 Dez 2012 in Diözese

Wie Gaza sich auf Weihnachten vorbereitete

Wie Gaza sich auf Weihnachten vorbereitete

GAZA – Es ist schon Tradition, dass Patriarch Fouad Twal sich am dritten Adventssonntag nach Gaza in die Pfarrei der Hl. Familie begibt. Drei Tage lang besuchte das Journalistenteam vom Lateinischen Patriarchat die Gemeindemitglieder dieser Pfarrei und sprach mit ihnen über ihre Erwartungen an diesen Besuch. Reportage.

Dieses Jahr erhält Weihnachten für die Katholiken der Pfarrei von der Heiligen Familie in Gaza eine besondere Dimension. Drei Wochen nach Ende der israelischen Verteidigungsoperation erscheint die Waffenruhe vielen in der Pfarrei wie ein Wunder.

Patriarch Fouad Twal, der seit dem Waffenstillstand zum ersten Mal wieder nach Gaza kam, nannte Weihnachten in seiner Predigt ein Geschenk des Himmels, und rief die Menschen dazu auf, alles zu tun, damit der Frieden bestehen bleibe. Er appellierte daran, einen starken Glauben zu leben und auf diesem heiligen Gebiet weiterzuleben, wo auch die Hl. Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten vorbeigekommen war. Er erinnerte seine Gläubigen daran, dass Jesus auch Ungerechtigkeit erfahren und unter ihr gelitten hat.

Der Gemeindepfarrer Jorge Hernandez vom Orden  “Verbo Incarnato” erklärt, dass die Gemeindemitglieder diesen Besuch sehr schätzen und ihnen auf diese Weise auch “ein bißchen Jerusalem” herübergebracht wird, was sie in ihrem Glauben sehr berührt. Um allen Menschen zu danken, die sie während dieses Krieges durch ihre Gebete und Spenden unterstützt haben, feierte die Gemeinde eine offizielle Messe der Danksagung. „So wissen alle, dass auch wir für sie beten,“ bekräftigt der Pfarrer.

Nach der Messe fand wie jedes Jahr in einem schön dekorierten Saal ein Treffen des Patriarchen mit den Familien statt, um Weihnachtsgrüße auszutauschen. Begleitet wurde der Patriarch von Weihbischof Marcuzzo von Nazareth und von Pfarrer Humam Khzouz, dem Generaladministrator des Patriarchats, der die Reise der Delegation in den Gazastreifen gut koordiniert hatte. Mit dabei war auch der Kanzler, Pfarrer Georges Ayoub.

Die kleine katholische Pfarrei der Hl. Familie zählt genau 185 Gläubige. Von den 1,6 Mio. Einwohnern in Gaza, die auf 360 k leben, sind nur 1.550 Christen, die mehrheitlich griechisch-orthodox sind. Nach dem Krieg im Jahr 2008 waren es noch 3000. Dieses Jahr hat die Hälfte das Land verlassen.

Das Drama spielt sich im Innern eines jeden Menschen ab


Weihnachten findet also nach den Bomben statt. So ist das Leben in Gaza. Acht Tage massiver Zerstörung haben ihre Spuren auf den Gebäuden und Schulen hinterlassen. Entlang der Straßen trifft man auf weitere Ruinen, wie z.B. das Fußballstadium, das schwer getroffen wurde.

Man kann die Gewalt inmitten der Trümmer noch spüren, und in den Gesichtern spiegelt sich die Ermüdung wieder. Und dennoch ist es erstaunlich, wie sehr sich die Menschen in Gaza an ihr Leben klammern. Davon zeugen die lachenden Kinder vor unseren Kameras, die glücklichen erleichterten Mütter, die wiedereröffneten Geschäfte, der laute Straßenverkehr. Gaza sprüht eigentlich nur so von Leben. Männer, Frauen, Kinder, die der alltäglichen Gewalt und der Wasser-, Strom- und Nahrungsmittelknappheit ausgesetzt sind, leiden unter extrem hoher Arbeitslosigkeit (60% der Bevölkerung) und keinerlei Abwechslung im Alltag. Aber die Menschen in Gaza erleben auch ihre Feste. Pro Jahr gibt es 1-2 Hochzeiten und 3-4 Taufen.

Nach dem Waffenstillstand haben die drei katholischen Schulen im Gazastreifen ihren Unterricht für die 1500 Schülerinnen und Schüler schnellstmöglich wieder aufgenommen. Die beiden kath. Schulen der Heiligen Familie waren unversehrt geblieben. Die Rosenkranzschwestern mussten jedoch erst die zerstörten Fenster ihrer Schule reparieren, bevor sie den Unterricht in der winterlichen Kälte fortsetzen konnten. Die Direktorin Schwester Davida beschrieb die psychischen Schäden, unter denen viele Kinder nach diesen Tagen der Bombardierungen und Angst nun leiden. „Sie können sich nicht lange im Unterricht konzentrieren und wir mussten zwei Psychologen der Caritas zur Hilfe holen, die den Kindern dabei halfen, wieder angstfrei zu spielen und zu singen. Ihnen ein Gefühl der Sicherheit wiederzugeben ist ein langer Prozess.“

Doch die Kinder bleiben traumatisiert. Pfarrer Jorge Hernandez und die Direktorin der Grundschule beobachten bei den Kindern Auffälligkeiten. „Wenn sie die Schulglocke oder ein Flugzeug hören, bekommen sie Angst. Manche Kinder bleiben in Gruppen an der Wand stehen. Sie verhalten sich weiterhin wie im Krieg. Sie haben auch Angst vor der Stille.“

„Wenn ein Kind heute eingeschult wird, hat es schon zwei Kriege durchgemacht. Und es ist erst vier oder fünf Jahre alt,“ bemerkt der Pfarrer.

„Normal“ aufwachsen

Die Pfarrei bietet diesen Kindern, die im Krieg aufwachsen, ein pastorales Leben des Gebets und spielerischer Aktivitäten, um ihnen dabei zu helfen, in diesem überbevölkerten kleinen verschlossenen Landstrich „normal“ aufzuwachsen. Die Ordensgemeinschaften in Gaza setzen sich mehr denn je für ihre Gemeindemitglieder, aber auch für ihre orthodoxen Mitbrüder und Mitschwestern und die Muslime ein. Die Pfarrgemeinde wird von drei Schwestern des Instituts “Verbo Incarnato” unterstützt, dem auch der Pfarrer und der neue Vikar, Abouna Mario, angehören, der erst seit drei Wochen hinzugekommen ist. Mit ihnen arbeiten auch die Rosenkranzschwestern und die Missionarsschwestern von Mutter Theresa, die sich besonders den behinderten Kindern widmen.

Das „Oratorio festivo“ will den Kindern, Eltern und Familien ein möglichst normales Leben bieten, wo sie gemeinsam schöne Momente erleben und sich treffen, bilden, gemeinsam beten und spielen können. Somit wird die Pfarrei ein Ort der Ruhe, der die ständigen Probleme der Elektrizität, der Sicherheit, der Gesundheit, vergessen lässt. Doch der Patriarch betont immer wieder, dass „die Menschen in Gaza zwar ihr Leben wieder aufnehmen, aber weiterhin eingesperrt bleiben. Sie haben daher kein normales Leben. Sie leben in einem Gefängnis mit offenem Dach.“ Am Samstag vor dem Besuch des Patriarchen wird in der Pfarrei alles vorbereitet. Am nächsten Tag begrüßt der Patriarch hier die Gemeindemitglieder und überbringt ihnen persönlich seine Weihnachtswünsche.

Und dann endlich Weihnachten

Die Mutter, die uns am Freitag Abend zum Essen einlud, gesteht: „Man kehrt zum Alltag zurück. Es war eine schwere Zeit, doch man möchte den Kindern ein schönes Weihnachtsfest schenken. Man muss wieder leben.“ Der Weihnachtsbaum, die Krippe, die anstehende Geburt eines fünften Kindes, all das lässt spüren, dass Leben da ist. Und in der Pfarrei vergisst man in dieser Weihnachtszeit auch die Kranken und Alten nicht. In den zehn Tagen vor Weihnachten besuchte der Pfarrer von Gaza gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Jugendlicher und Ordensschwestern insgesamt 40 alte Menschen. Wir waren bei vier dieser Besuche mit dabei. Es wurden Weihnachtslieder gesungen und kleine Geschenke ausgeteilt. Der Pfarrer spendete auch die Krankensalbung. Er erklärte uns, wie beliebt diese Krankenbesuche besonders bei den jungen Menschen sind und dass immer viele Jugendliche zur Kommunionsausteilung mitkommen.

Am 18. Dezember findet das traditionelle Weihnachtskonzert im Rahmen des Barockfestivals, welches vom französischen Generalkonsulat in Jerusalem organisiert wird, in der lateinischen Kirche von Gaza statt. Am 24. Dezember können diejenigen, die von den israelischen Behörden eine Erlaubnis bekommen haben, nach Bethlehem fahren. Die anderen werden gemeinsam mit Weihbischof Shomali und vielen anderen Gästen Heilig Abend in der Pfarrei verbringen. Sein Gebet und seine Weihnachtsbotschaft lauten: „Möge der Retter dem Volk von Gaza und seinen politischen Verantwortlichen seinen Frieden schenken. Wir bitten ihn auch um die Kraft weiter durchzuhalten.“

Christophe Lafontaine

Fotos des Patriarchats von Jerusalem