Pages Menu
Categories Menu

Gepostet on 21 Nov 2012 in Lokalnachrichten, Politik und Gesellschaft

GAZA – Die Stimme des Pfarrers erhebt sich weiter

GAZA – Die Stimme des Pfarrers erhebt sich weiter

GAZA-Der Pfarrer von Gaza sendet uns weiterhin, Tag für Tag, seine Berichte über das Lebens seiner Pfarrgemeinde. Diese Zeilen wurden gestern früh (Dienstag, 20. November) geschrieben, konnten uns aber erst am Abend erreichen.

Aus dem Gazastreifen, im Heiligen Land!

Dienstag, 20. November 2012

Den gestrigen Tag (Montag, 19. November) verbrachten wir, so wie schon die vorherigen: das Bombardement geht weiter, Tag und Nacht, auch wenn nicht mit der gleichen Intensität, aber dafür nicht weniger gefährlich und rücksichtslos, während einige lokalen Medien bereits von einer Bodenoffensive der israelischen  Armee sprechen .

Gott sei Dank gibt es noch Wasser, Strom und Telefon. So können wir  in Kontakt bleiben, unsere Hilfe  und Unterstützung anbieten. Dennoch machen sich die Folgen des Drucks, der aus diesem Zustand der Gewalt entsteht, bemerkbar. Angst, Unsicherheit, Ungewissheit über die Zukunft verursachen einen Zustand des Schocks und Stresses, der sich in der Bevölkerung von Gaza ausbreitet und dies gleichermaßen zwischen Christen und Muslimen.

Wer nicht weiß, was die Ladung eine F 16 Rakete  ist, kann sich nicht vorstellen, was man bei solch einem Ereignis fühlt, um so mehr, wenn diese Explosion in der Nähe stattfindet. Der ohrenbetäubende Lärm, das Beben der Erde, der Wände, der Fenster, des Stuhl, auf dem man sitzt,  etc.. Es ist eine dramatische und verheerende Umgebung.

Die Folgen eines bewaffneten Angriffs dürfen nicht nur an den Sachschäden, die er  verursachen kann (Zerstörung eines Hauses, Gebäude, etc.), sondern auch an den psychischen und seelischen Schäden einer Person, gemessen werden.

Es ist die Ursache dafür, dass bei jemandem, der nicht in der Lage ist, mit einem solchen Angriff umzugehen, ein Herzinfarkt ausgelöst wird . So wie bei Saalem Swilem, Abu Bulus, der gestern deshalb gestorben ist. Er hatte bereits an Herzbeschwerden gelitten und konnte in dieser Situation nicht durchhalten. Vater von vier Kindern, ein Orthodoxer Christ, hat uns verlassen, um ins ewige Leben einzugehen. Die Beerdigung wird heute in der griechisch-orthodoxen Kirche stattfinden, mit Gottes Hilfe.

Wie man leider sieht, beginnen wir  bereits unter den Folgen, von denen ich spreche, zu leiden. Das  lokale Radio berichtete von dem Fall eines Neugeborenen muslimischen Mädchens, das wegen des von einer in der Nähe ihres Hauses einschlagenen Bombe verursachten Lärms gestorben ist. Die ist nur ein Beispiel unter vielen anderen.

Nervenzusammenbruch

Einige unserer Gemeindemitglieder haben ernste Probleme mit ihren Kindern, die an Nervenzusammenbrüchen, Panik, Stress und anderen Syptomen leiden, mit denen sie nicht umzugehen wissen. Alle bleiben in ihren Häusern, ohne rauszugehen, ohne jede Möglichkeit an professionelle Hilfe zu gelangen. Wir versuchen, ihnen in irgendeiner Weise zu helfen, aber wir wissen, dass dies nicht genug ist.

Ich erzähle ihnen den Fall von  Um Wadía, eines unserer Gemeindemitglieder, Mutter von vier Kindern, die gestern mit ihrer 6 Jahre alten Tochter auf dem Arm die Treppe hinuntergefallen ist, da in der Nähe ihres Hauses ein  Anschlag auf ein Regierungsgebäude stattgefunden hatten. Sie hat nur kleinere Blessuren davongetragen, während ihre Tochter in akute Panik verfallen ist. Die Fenster des Hauses und die Eingangstüre wurden vollständig zerstört. Sie haben sich Plastikplanen besorgt, weil die Nächte kalt sind. Und trotz alledem beendete sie ihr Gespräch mit mir mit einem “Gelobt sei Gott!”

Im Zusammenhang mit dem vorher erwähnten Fall wurden bei dem selben Bombardement weitere sieben Häuser von  Christen schwer beschädigt. Dazu kommen dann noch die benachbarten Häuser  und die Gäude in der Umgebung ( darunter auch die  Schule der Heiligen Familie, die zu  unserer Pfarrei gehört). Und das ist nicht alles. Nun rechnen wir noch die weiteren 1350 Ziele, die bisher während der Operation „Säule der Verteidigung“ beschossen wurden, dazu. Die Katastrophe erreicht wirklich riesige Dimensionen.

Daher fragen wir uns: Wer kann den wirklich enstandenen Schaden bemessen? Und noch mehr, wer wird die Wunden (aller Arten), die daraus enstanden sind, heilen können? Wie viel Gewalt, wie viel Hass! Sicherlich ist die Nächstenliebe, die die Voraussetzung für Gerechtigkeit ist, die einzig mögliche Lösung dieses Konflikts. Aber wie weit sind wir vom Gebot der Liebe, das uns der Herr gegeben hat, entfernt: “Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben! “(Joh 13,34). Und der Imperativ von Apostel Paulus:”Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung!” (Röm 12,10). Und zusammen mit den Menschen hier stelle ich die Frage: Wie lange noch?

Wir vertrauen auf eure Gebete in Christus und die Heilige Jungfrau.

Pater Jorge Hernandez
Kongregation Verbo Incarnato
Pfarrer von Gaza