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Gepostet on 20 Nov 2012 in Patriarch, Rede und Interviews FT

Interview mit Patriarch Fouad Twal: “Wir leben in einer ungewissen Zeit!”

Interview mit Patriarch Fouad Twal: “Wir leben in einer ungewissen Zeit!”

Nach einer Woche Spannungen und Gewalt spricht Seine Seligkeit Fouad Twal, Lateinischer Patriarch von Jerusalem, über die letzten Ereignisse im Nahen Osten und deren Folgen für das Heilige Land.

(Anm. d.Red.: Das folgende Interview wurde vor dem israelischen Angriff auf Gaza , der den militärischen Führer der Hamas am Mittwoch, den 14. November, getötet hat, aufgenommen.)

1. Fürchten Sie, dass sich die Lage zwischen den Kampfhandlungen mit Gaza und den Warnschüssen gegen Syrien verschlimmern könnte?

Ich würde sagen, dass die Lage nie ruhig oder normal oder friedlich gewesen ist. Von Zeit zu Zeit gibt es hier und da Angriffe, die Teil der beunruhigenden Situation sind. Wir leben in einer großen Krise, die oft aus kleineren Krisen besteht. Da wir in diesen abnormalen Zeiten leben, müssen wir hin und wieder Leid, wie derzeit  in Gaza oder in den Golanhöhen durchstehen. Um es genauer zu sagen brauchen wir eine wirkliche Lösung für einen dauerhaften Frieden und Gerechtigkeit für jeden einzelnen und für alle Seiten. Im Augenblick gibt es aber noch keine klare Lösung, und so leben wir in einer unsicheren Zeit.

2. Jordanien hat bis jetzt fast 230,000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Wie geht das Patriarchat mit diesem Problem praktisch um?

Die Flüchtlingsströme sind ein ernstzunehmendes Problem, da hunderttausende von Menschen in Zelten leben. Manche können in Mietwohnungen oder bei Angehörigen wohnen, da es viele gemischte Ehen zwischen Jordaniern und Syrern gibt. Man stelle sich das Drama der Familien mit Kindern  vor, die sich in einem Flüchtlingslager in Mafraq im Norden Jordaniens wiederfinden: tagsüber große Hitze und nachts die Kälte der Wüste.

Es ist eine menschliche Tragödie, der wir nicht gleichgültig zusehen dürfen. Ich habe meinen Vikar nach Mafraq entsendet, um mir ein besseres Bild der dortigen Lage zu machen. Was er dort sah, war unzumutbar. Ich muss gestehen, dass die jordanische Caritas zusammen mit der italienischen, schwedischen und norwegischen Caritas und unseren örtlichen Hilfsorganisationen in Jordanien bemerkenswerte Arbeit leisten. Ich erinnere mich sogar daran, wie man letztes Jahr etwa 50 Volontäre zurückgeschickt hatte, da es nicht genug Arbeit für sie gab.

Jedoch glaube ich nicht, dass Jordaniens Elektrizität, Wasser und andere Lebensgrundlagen ausreichen, um den Bedarf aller Flüchtlinge zu decken. Dem Land fehlt auch die nötige Infrastruktur. Wir sind wirklich auf finanzielle Unterstützung von außen angewiesen, um die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge zu decken.

3. Was erwarten Sie von der Wiederwahl Barack Obamas für den Nahen Osten und den israelisch-palästinensischen Konflikt, in der Kenntnis, dass es nicht seine Absicht ist, Palästina am 29. November bei den Vereinten Nationen zu unterstützen, den Nicht-Mitglieds-Status zu erwerben?

Ich kann Obama nur bitten, sich an seine erste Rede in Kairo zu erinnern. Wir wären ihm dankbar, wenn er das leistet, was er versprochen hat. (Anm. d. Red.: der US Präsident hatte im Juni 2009 seine Unterstützung für einen palästinensischen Staat zugesichert und einen israelischen Siedlungstopp  verlangt. Obama hatte seinen Wunsch nach einem Nahen Osten ohne Nuklearwaffen und nach Verhandlungen mit Iran bezüglich seines Nuklearprogramms geäußert).

Ich hoffe sehr, dass er nach seiner Wiederwahl den Mut haben wird, den Ernst der Lage zu erkennen, und die notwendigen Schritte zu machen. Ich schließe mich bezüglich des israelisch-palästinensischen Konflikts dem Wunsch des Heiligen Vaters und hundert anderer Länder nach zwei unabhängigen Staaten an, die sich Seite an Seite in einem dauerhaften Frieden respektieren.

Zweitens, wir können gegenüber dem, was sich in Syrien und Ägypten abspielt, nicht gleichgϋltig bleiben. Die Gewalt in Syrien grenzt an unser Land. Die Jordanier, Regierungen und Bürger dürfen nicht unbedacht urteilen. Wir wissen nicht, wie die Krise ausgehen wird. Schon die Tatsache, dass extreme Salafisten in Jordanien gegen das Regime kämpfen, ist meiner Meinung nach der Gipfel einer blinden Politik, die keinen Ausweg mehr weiß. Selbst die Protagonisten können nicht mehr erkennen, wo diese Revolutionen hinführen werden. Ich habe gehöhrt, dass nur gerade 8 bis 10% Syrer gegen das Regime kämpfen! Alle anderen sind Söldner, die von Außen kommen. Man befϋrchtet, Jordanien könnte auch destabilisiert werden. (Anm. d. Red.: trotz der Parlamentsauflösung und der Ausrufung neuer Parlamentswahlen am 23. Januar führen die Moslembrüder ihre Proteste fort).

Die Situation in Ägypten ist schlimmer als die unsere. Ich werde zum Amtsantritt des neuen Patriarchen der koptischen Kirche, Tawadros II., nach Ägypten reisen. Er hat keine leichte Aufgabe vor sich, denn er  muss einer gegenüber dem fortschreitenden Islam in Ägypten besorgten Gemeinde Mut zusprechen. Ich möchte dem Patriarchen durch meine Präsenz meine Unterstützung bekunden. Wir Patriarchen hier im Osten müssen uns gegenseitig helfen.

Es ist tatsächlich schwierig, die aktuelle Lage richtig einzuschätzen und Hoffnung zu schenken. Die Dinge verändern sich rapide. Was heute gesagt wurde, kann morgen schon anders sein. Aber wir verzweifeln nicht daran. Die Kirche, der wir angehören, ist die Kirche der Auferstehung und des Golgotha. Wir haben jetzt November und sollten beginnen, unseren Gläubigen und Pilgern eine friedliche weihnachtliche Atmosphäre zu schaffen, um die Botschaft des Friedens, der Ruhe und der Serenität zu teilen. Es bringt nichts, Alarm zu schlagen. Je schwieriger die Lage, umso tiefer müssen wir uns in unserem Glauben verwurzeln.

4. Die Bankkonten des griechisch-orthodoxen Patriarchats, das für einen Teil der Grabeskirche verantwortlich ist, sind durch ein israelisches Wasserwerk gesperrt worden. Die Grabeskirche könnte aus Protest eines Tages ihre Türen schließen. Was können Sie uns dazu sagen, nachdem Sie Patriarch Kirill, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, getroffen haben?

Ich habe mich über das Treffen mit Patriarch Kirill sehr gefreut. Ich hoffe, dass sich eines Tages auch ein Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche hier in Jerusalem niederlassen wird. Diese Kirche ist größer, stärker, reicher als einige andere Kirchen, die hier Bischöfe haben. Es ist auch sein Wunsch und ich teile diesen Wunsch mit ihm.

Der Besuch des Patriarchen Kirill hat mit dem Wasserproblem nichts zu tun. Dies ist ein Problem der griechisch-orthodoxen Kirche. Außerdem wissen wir, dass die Beziehungen zwischen den beiden orthodoxen Gemeinden eher angespannt sind.                                                                                                     Ich glaube nicht, dass die Motivation Israels einzig und allein das Geld ist. Für die Kirche galt seit der osmanischen Zeit eine Vereinbarung, durch die sie von der Zahlung jeglicher Wasserrechnungen freigestellt war. Diese Vereinbarung blieb auch unter dem britischen Mandat bestehen, dann unter dem jordanischen Regime, und dauerte sogar einige Jahrzehnte nach der Entstehung Israels fort.                                                           Ich bin überzeugt, dass das israelische Tourismusministerium diese Auseinandersetzung lösen wird. Was die Schließung der Grabeskirche angeht, glaube ich nicht, dass so etwas geschehen wird. Die obersten Hüter der Grabeskirche sind die griechisch-orthodoxe Kirche, die römisch-katholische Kirche, der Franziskanerorden und die armenisch apostolische Kirche. Keine Entscheidung darf einseitig getroffen werden.

5. Die Synode zur Neuevangelisierung ist beendet. Was sind die Herausforderungen, um dem Nahen Osten inmitten des arabischen Frühlings und des aufsteigenden religiösen Extremismus das Evangelium zu überbringen?

Meiner Ansicht nach gibt es keine Neuevangelisierung. Für mich als Christ ist und bleibt es immer die eine Evangelisierung. Und zwar die der ersten christlichen Gemeinschaft in Jerusalem. Wir müssen uns diese erste kleine Gemeinde als gutes Beispiel nehmen. „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“ (Apg. 2,42).  Ich habe nur einen Aufruf: kehrt zur Quelle zurϋck, kehrt nach Jerusalem zurϋck. Man muss den Weg nach Jerusalem gehen und sich von Jerusalem aus wieder auf den Weg machen.

Neu ist der Kontext, in welchem wir heute leben.  Man kann wahrhaftig ein Erwachen jüdischen und muslimischen Extremismus feststellen.

In dem schwierigen Kontext des arabischen Frϋhlings sollten wir durch unser leben und handeln unseren Glauben bezeugen. Hinzu kommt die weltweite politische, wirtschaftliche und moralische Krise, die auch auf die arabische Welt ihre Auswirkungen hat. In diesem nicht gerade vorteilhaften neuen Kontext muss man wachsam werden, seine Verantwortung auf sich nehmen und seine christliche Identität lieben, um bereit zu sein, fϋr Christus Opfer zu bringen.

6. Trotz dieser Situation verzeichnet das Patriarchat einen bedeutenden Zuwachs  an Berufungen zum Priesteramt. Wie erklären Sie sich dieses Zeichen der Hoffnung für das Heilige Land?

Unser schwieriger Alltag ist ohne Zweifel ein Grund, warum man leichter in der spirituellen Welt Zuflucht sucht und es daher einen Zuwachs an Berufungen gibt. Es ist eine psychologische Reaktion. Überall, wo es komfortabler, ruhiger zugeht, gibt es weniger Berufungen. Derzeit gibt es im Kleinen Seminar 50 Seminaristen und im Großen Seminar 30. Letztes Jahr wurden drei Priester geweiht, und vielleicht werden es mit der Gnade Gottes dieses Jahr 2.

Ich erhalte immer wieder Anträge, Missionare nach Nordafrika oder in die Golfstaaten zu schicken. Ich wϋrde diesen Ländern wirklich gerne auf besondere Weise helfen. Man bittet mich sogar, Priester an die kirchliche Akademie des diplomatischen Dienstes oder nach Europa zu schicken. Bald werden Sie dazu mehr erfahren. Zunächst muss ich mich mit meinen Weihbischöfen zusammensetzen, um zu sehen, in welchem Maße wir in der Lage sind, eine Anzahl von Priestern ins Ausland zu schicken.

Das Interview fϋhrte Christophe Lafontaine