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Gepostet on 23 Okt 2012 in Lokalnachrichten, Politik und Gesellschaft

Jerusalems neue Straßennamen

Jerusalems neue Straßennamen

JERUSALEM – Bis zum Jahresende sollen alle Straßen in Jerusalem einen Namen besitzen, und im kommenden Jahr 2013 jedes Haus auch eine Hausnummer. Aber in der Heiligen Stadt bedeuten  Straßennamen mehr als nur Namen von Straßen, und so verlangt eine Namensgebung dieser Art eine besondere Sensibilität.

Mehr als tausend namenlose Straßen in Jerusalem, der Stadt mit dem wohl bekanntesten Namen überhaupt, sollen nicht länger anonym bleiben.

Der Finanzausschuss der Stadtverwaltung von Jerusalem hat unter der Führung seines Bürgermeisters Nir Barkat für die Ausführung  seines Projekts, alle Straßen in Ost-Jerusalem mit Namen zu versehen und alle Häuser zu nummerieren, ein Budget von rund 1 Million Shekel, d.h. etwa 200.000 Euro, bereit gestellt. Die Entscheidung, alle Straßen und Gassen der Stadt Jerusalem bis Ende 2012 zu benennen, fiel während einer Versammlung des Obersten Gerichts Israels am 9. November letzten Jahres. Die Hausnummerierung soll hingegen erst im Laufe nächsten Jahres beendet werden.

Dieses Projekt wurde anhand von Luftaufnahmen und Satellitenbildern möglich. Die Arbeiten begannen zunächst in den Stadtvierteln Chouafat und Beit Hanina, und werden in Tsur Baher und Jabal Moukaber fortgesetzt.

Was verbirgt sich hinter den Straßennamen

Auf den ersten Blick scheint ein längst überfälliges Problem endlich gelöst zu sein. Seit Jahrzenten können die Einwohner Ost-Jerusalems, trotz Steuerabgaben, aber aufgrund fehlender Strassennamensforschung, ihre Post nicht ins Haus geliefert bekommen. Stattdessen müssen sie diese in Lebensmittelläden ihres Wohnviertels oder  den wenigen Postämtern ihres Stadtteils abholen. (Hier sei zu bemerken, dass es in Ost-Jerusalem nur 9 Zweigstellen der Post gibt, in West-Jerusalem hingegen 42!) Unnötig zu präzisieren, dass die Auslieferung von Briefen und Paketen ohne Adressenangabe unmöglich bzw. ganz und gar irrational erscheint. Endlich daher die gute Nachricht, dass der Alltag im Ostteil der Stadt für die Anwohner, darunter die Briefträger, Lieferanten, etc, aber auch wichtige Notdienste wie die Feuerwehr oder Ärzte, erleichtert wird.

Auf den zweiten Blick wirft dieses Projekt der Ziffern und Namen die unausweichliche Frage nach der Erinnerung auf, wird also zu einer politischen Angelegenheit. Die Wahl der Straßennamen, ein Privileg der Stadtverwaltung, ist das Aushängeschild einer Stadt (und ihrer politischen, religiösen, kulturellen,… Geschichte), d.h. ihre Identität wird in zahlreichen Straßenschildern wiedergespiegelt.

Für die dreimal heilige Stadt ist dies ein Problem, zumal die Stellung von Jerusalem seit 1967 ein schwieriger Verhandlungspunkt bleibt. Diese herausragende Stadt kann nicht so leicht wie andere Städte anhand von Straßennamen ein Bild ihrer selbst abgeben, da innerhalb ihrer Mauern und in den Herzen ihrer Einwohner ihr Erbe subjektiven und kontroversen Gefühlen unterworfen ist.

Die Frage, die sich stellt, ist von großer Bedeutung: ein Straßenname repräsentiert ein geistiges Erbe. Wie kann man der Gefahr entgehen, die Identität eines Stadtviertels auszulöschen, indem man dessen Straßen mit fremden Namen benennt? Für Weihbischof William Shomali ist es eindeutig: „Einer Straße einen Namen zu geben bedeutet, Position zu beziehen: es ist ein Verweis auf Autorität.“ Angesichts der Problematik der Namensauswahl aufgrund der dreifachen (jüdischen, christlichen und muslimischen) Geschichte Jerusalems wünscht sich der Weihbischof, bei der Namensgebung „das Erbe Jerusalems zu berücksichtigen“. Den Straßen Namen von Persönlichkeiten (unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit) zuzuweisen, die der Stadt einen besonderen Dienst erwiesen haben, stellt für William Shomali kein Hindernis dar.

Theoretisch werden die Bewohner und lokalen Verbände des (arabischen) Stadtteils Ost-Jerusalem in die Namensberatungen mit einbezogen. Jedoch bat die Stadtverwaltung ihre Einwohner, sich von provokanten Vorschlägen zu distanzieren, wie etwa von Namen von Attentätern. Alle Namensvorschläge mussten zunächst von einer ersten Kommission bewilligt, und danach von einem Richter des Obersten Gerichtshofs bestätigt werden. Unter den Bewerbern erklingen Namen bedeutender Schriftsteller und Philosophen wie der des Libanesen Khalil Gibran oder des Ägypters Taha Hussein. Eine Strasse in Ost-Jerusalem wurde mit dem Namen einer ägyptischen Berühmtheit, der ehemaligen Sängerin Oum Kalthoum, geehrt.

Christophe Lafontaine