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Gepostet on 23 Okt 2012 in Politik und Gesellschaft, Regionalnachrichten

Die Olivenernte, eine Erfahrung von Freude und Schmerz

Die Olivenernte, eine Erfahrung von Freude und Schmerz

JERUSALEM – Die Saison ist eröffnet! Am Samstag, den 13. Oktober, versammelte sich eine Gruppe 30 junger Leute verschiedener Nationalitäten im Garten von Gethsemane, um unter der Führung von P. Diego, OFM, die Oliven der hundertjährigen Olivenbäume zu pflücken. Der Beginn der Olivenernte letzten Dienstag bedeutet für viele in Palästina eine besondere Zeit der Freude, lässt aber leider auch die Spannungen vielerorts wieder aufflammen.

Hohe Leitern lehnen an den Ästen der Olivenbäume, breite Netze liegen ausgespannt auf dem Boden, Eimer stehen bereit, Kämme und Arme werden den hohen Ästen und ihren Oliven entgegengestreckt.

Für einige Tage wird der Garten von Gethsemane zum Schauplatz einer authentischen Olivenernte, die die neugierigen Blicke passierender Pilger und Touristen auf sich zieht. Tausende von Oliven werden einzeln von Hand an dem heiligen Ort gepflückt, wo sich Jesus Christus selbst zum Beten zurückgezogen hatte.

„Ich stelle mir gerne vor, wie Jesus auch Oliven gepflückt hat“, erklärt der Franziskanerpriester von Gethsemane, P. Diego, während seiner Einführungsrede zu diesem Tag der Ernte. „Wir ernten die Früchte unseres eigenen Anbaus, die auch Früchte der Schöpfung Gottes sind.“ Und so ernten die Teilnehmer unter der noch heißen Oktobersonne, viele Stunden lang, mit Sorgfalt und Freude Olive für Olive und füllen einen Sack nach dem anderen.

Aus diesen Oliven pressen die Franziskaner reines Olivenöl und aus ihren Kernen machen sie Rosenkränze. Somit gelangt selbst das Herzstück der Oliven aus dem Garten, in welchem Jesus Blutstränen vergossen hat, in die Hände von Christen. Wenn sie die Kerne ihres Rosenkranzes  abstreichen, beten sie mit Maria, der Gottesmutter, das erste der schmerzhaften Geheimnisse, das Leiden Jesu am Ölberg, im Garten von Gethsemane.

Die Oliven des Zorns

Laut der Organisation Oxfam wachsen ungefähr 9,5 Millionen Olivenbäume im Westjordanland. Der Olivenanbau  bietet 100.000 Bauern Arbeit und bringt in guten Erntejahren der palästinensischen Wirtschaft bis zu 100 Millionen Dollar (rund 70 Millionen Euro) ein. Das heißt natürlich die Ernte.

Seit einigen Jahren jedoch kommt es in dieser sonst so freudigen Ernteperiode immer häufiger zu wachsenden Spannungen zwischen den 350.000 israelischen Siedlern des Westjordanlandes und den palästinensischen Bauern. Vor einer Woche verurteilte die palästinensische Regierung in Ramallah eine Reihe von Anschlägen auf Olivenbäume, die von Seiten der Siedler verübt worden waren. Innerhalb weniger Tage waren 70 entwurzelte Olivenbäume in Qaryout, im Norden des Westjordanlandes, aufgefunden worden, und 100 weitere rausgerissene Bäume in Al Moughayer, einem Dorf nordöstlich von Ramallah. In anderen Dörfern waren etliche Olivenbäume verbrannt worden.

Laut eines Berichts der Europäischen Union waren im Jahre 2011 über 10.000 Olivenbäume von extremistischen Siedlern zerstört worden. Der dadurch für die palästinensische Wirtschaft entstandene Schaden wird auf 138 Millionen Dollar (103 Millionen Euro) geschätzt.

Amélie de La Hougue