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Gepostet on 15 Okt 2012 in Politik und Gesellschaft

Interview mit Weihbischof William Shomali zur aktuellen Lage im Nahen Osten und im Heiligen Land

Interview mit Weihbischof William Shomali zur aktuellen Lage im Nahen Osten und im Heiligen Land

Anlässlich des Schuljahresbeginns  führten wir ein Gespräch mit Weihbischof William Shomali über die derzeitige Situation im Nahen Osten und im Heiligen Land. Der Patriarchalvikar von Jerusalem erläutert  uns  in diesem Interview, welches wir hier unverkürzt veröffentlichen, seine Sichtweise und Einschätzung unter anderem zur Jahressitzung der UNO, zur Lage in Syrien, zum Papstbesuch im Libanon, zum Jahr des Glaubens. Interview als Video erhältlich.

 Mahmoud Abbas hat sich dafür ausgesprochen, die Generalversammlung der Vereinten Nationen möge eine Resolution treffen, den palästinensischen Staat als einen Nicht-Mitgliedsstaat der UNO zu betrachten. Er hat außerdem um eine „verpflichtende“ Resolution der UNO gebeten, die die Basis eines Friedensvertrages schaffen soll. Was halten Sie davon?

Ein Staat Palästina ist international schon so gut wie anerkannt. Wenn also Mahmoud Abbas jetzt die Forderung stellt, den palästinensischen Staat als einen Nicht-Mitgliedsstaat der UNO anzuerkennen, stuft er im Grunde das Niveau seiner Forderung ab. Er beansprucht weniger als das, was international schon als selbstverständlich gilt. Übrigens bin ich der Meinung, dass Mahmoud Abbas Recht hat, auf verpflichtende Grundlagen für zukünftige Verhandlungen zu bestehen. Wenn es keine sichere Plattform für die Wiederaufnahme der Friedensgespräche gibt, wird man wieder viel Zeit verlieren. Man hat ja schon zahlreiche Verhandlungen ohne Ergebnisse geführt, weil die Prinzipien nicht klar waren.

Israel fordert eine „klare rote Linie“  bezüglich der Frage der Urananreicherung von Seiten Teherans. Wie stehen Sie dazu?

Ich möchte diese Frage an die erste anknüpfen. Mahmoud Abbas verlangt eine „klare grüne Linie“, das heißt eine Linie, die Israel und Palästina deutlich trennt, da wir in diesem Land ein Problem der Grenzen haben. Benyamin Netanyahu besteht auf einer roten Linie für Iran. Ich glaube, dass diese beiden Linien voneinander abhängen. Wenn Israel den Palästinensern das geben würde, was ihnen zusteht, mit anderen Worten zu einer Rückgabe der 22% der besetzen Gebiete bereit wäre, und damit die grüne Demarkationslinie zwischen Israel und Palästina feststeht, würde dies den Frieden im Nahen Osten begünstigen, und Iran hätte keinen Grund mehr für eine Atombombe gegen Israel.

In seiner Willkommensrede an den Papst hat der melkitische Patriarch Gregor Laham III. auf der Notwendigkeit einer Regelung des israelisch-palästinensischen Konflikts bestanden: „Die Anerkennung des palästinensischen Staates (…) würde den Weg für einen wahren arabischen Frühling ebnen“. Ist dies auch Ihre Meinung?

Der arabische Frühling ist nicht ausschließlich an die palästinensische Frage gebunden. Interne Probleme in den arabischen Ländern wie Armut, Arbeitslosigkeit, Korruption der Regierungen etc… sind der Hauptgrund der Unruhen. Es ist sicherlich wahr, dass ein Zugeständnis eines unabhängigen Staates für die Palästinenser die Beziehungen zwischen den arabischen Staaten entlasten würde, was natürlich wünschenswert ist. Es wird mehr Ausgeglichenheit im Nahen Osten geben, wenn endlich Frieden zwischen Israel und Palästina geschlossen wird. Aber dies wird noch lange nicht die demokratischen und ökonomischen Forderungen stilllegen, die die arabischen Völker zur Auflehnung gegen ihre Staatschefs und Machtinhaber drängen.

Der Konflikt in Syrien hat sich dramatisch festgefahren. Was tun, Ihrer Meinung nach? Wie reagiert die Diözese des Lateinischen Patriarchats auf die Flüchtlingsströme und kann sie sie aufnehmen?

Das syrische Problem geht über die Grenzen Syriens hinaus. Im Inneren Syriens führen Protagonisten einen Krieg. Sie kommen aus dem Iran, der Türkei, den Golfstaaten wie Qatar und Saudi-Arabien. Es ist ein Konflikt mit viel größeren Dimensionen.

Für mich ist es ein brudermörderischer und absurder Krieg, in dem es keinen Gewinner geben wird und letztendlich alle verlieren werden.

Alles was das Patriarchat leisten kann, ist humanitäre Hilfe. Die jordanische Caritas arbeitet Hand in Hand mit den anderen internationalen christlichen Hilfsorganisationen zusammen, um den syrischen Flüchtlingen zu helfen, die jetzt unter schwierigsten Bedingungen wie der Hitze im Sommer, der herannahenden Kälte im Winter und unzumutbaren hygienischen Zuständen leiden. Sowohl die Caritas wie auch die anderen Organisationen können all diese Bedürfnisse nicht decken. Das Drama dieser halben Million von Flüchtlingen, die zum Neuen Jahr auf 700.000 steigen wird, ist ein sehr ernstes Problem, das unsere Kapazitäten in der Diözese übersteigt. Die beste Lösung wäre natürlich, den Konflikt zu beenden. So würde man viel Leid vermeiden.

Was bedeutet Ihnen als Bischof die Reise des Papstes in den Libanon, was bringt sie den Gläubigen im Heiligen Land ganz konkret? Welche neuen Aufgaben ergeben sich Ihrer Meinung nach aus dieser Reise?

Ich glaube, man darf sich von diesem Papstbesuch nicht unmittelbare Früchte erwarten. Es ist wie mit einem Baum, den man pflanzt: er wird erst in ein paar Jahren Früchte tragen.

Der Besuch des Papstes war ein ganz herausragendes Ereignis. Er war gekommen, um den Christen des Nahen Ostens seine Solidarität zu bezeugen. Er ist trotz aller pessimistischen Vorhersagen aufgrund des syrischen Dramas hierhergekommen. Sein Mut und sein unerschütterlicher Wille die Reise dennoch anzutreten hat uns sehr aufgebaut. Benedikt XVI. hat uns sehr viel zur moralischen Ermutigung gegeben. Jetzt sollten wir das Apostolische Schreiben lesen, das im Grunde die Botschaft und Vorschläge, die 2010 in der Synode für den Nahen Osten verfasst worden waren, nochmals intensiver wiederholt. Von nun an müssen wir mit uns selbst konsequenter sein, als Bischöfe und christliche Völker eine Einheit bilden.

Dieses Apostolische Schreiben wird uns für die kommenden Jahre, ich würde fast sagen, für die nächsten 50 Jahre, von unermesslichem Nutzen sein. Das ermutigende Schreiben will uns auf klare Weise die Richtlinien unseres christlichen Verhaltens im Bezug auf uns, im Bezug zu den anderen christlichen und nicht-christlichen Kirchen, und zu der muslimischen und jüdischen Welt aufweisen. Dieses Schreiben nimmt auch Stellung zum Emigrationsproblem der Christen im Nahen Osten. Wir finden darin also solide Vorschläge und Lösungen für viele Probleme, unter denen die Christen, die im Nahen Osten leben, leiden.

In der vergangenen Zeit haben vermehrt anti-christliche Aktionen wie das Zerreißen des Neuen Testaments oder die Schändung des Latrun-Klosters etc…. die christliche Gemeinde im Heiligen Land bestürzt. Sehen Sie darin ein Wiederaufleben von Spannungen und Drohungen? Wäre ein Gesetz zum Verbot dieser blasphemischen Taten sinnvoll?

Wenn man die Nachrichten liest, hört man überall, in Afrika, in Asien und sogar in Europa, von interreligiösen Spannungen. Man muss dennoch einen Unterschied in der Mentalität zwischen dem Westen und dem Nahen Osten feststellen, wo die Konsequenzen und Reaktionen nicht miteinander vergleichbar sind.

Anti-Blasphemie-Gesetze aufzustellen ist eine gute Idee, aber ich bin dafür, dies auf internationalem Niveau der UNO durchzuführen. Wir brauchen eindeutige Gesetze, die den Respekt vor den Religionen garantieren, und Sanktionen gegen diejenigen, die die religiösen Heiligtümer anderer profanieren oder religiöse Symbole attackieren. Ein Gesetz ohne Sanktion ist kein rechtschaffenes Gesetz.

Ende Oktober beginnt in der Diözese des Lateinischen Patriarchats das Jahr des Glaubens. Wie ist Ihre Einschätzung hinsichtlich der Praktizieren der Gläubigen? Welche besonderen Vorsätze haben Sie sich für dieses Jahr vorgenommen?

Es besteht die Gefahr, den Glauben ausschließlich für eine Gesamtheit religiöser Wahrheiten zu halten, an die man glauben muss. Der Glaube ist nicht einfach nur ein Bund von Dogmen.

Der Glaube ist ein besonderes Licht, das einem von Gott geschenkt wird und dank dessen man viel tiefer, viel weiter, viel höher sehen kann. Der Glaube ist ein Licht, aber auch eine Kraft, die es uns erlaubt, nach dem zu leben, was wir sehen und glauben.

Unsere Gemeinden im Nahen Osten laufen oft Gefahr, den Glauben als eine Art der Identifikation zu sehen: man ist entweder Christ oder Muslim oder Jude. Die Religion wird zu einer sozialen Etikette.

Wir wollen aus dieser Definition des Glaubens herauskommen, um ihn wieder als Beziehung zu Gott zu sehen und zu leben. Eine Beziehung des Vertrauens, basierend auf der Tatsache, dass Gott allmächtig ist, dass Er mich liebt und dass er mir helfen kann. Genau diese Beziehung hatte Jesus zu den Kranken, die Er heilte. Sie haben Ihn darum gebeten, und Er war imstande, sie zu retten, da Er sie liebte.

Das ist der Glaube, den wir meinen: ein Glaube, der uns durch Freundschaft an Gott bindet.

Vom Jahr des Glaubens zu sprechen bedeutet auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil zu sprechen: welches Erbe sollen wir heute besonders pflegen und gerade hier im Heiligen Land hervorheben?

Wir leben nun ein halbes Jahrhundert nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Das Zweite Vatikanische Konzil war wichtig, aber seitdem sind viele Synoden einberufen worden, um das Erbe dieses Konzils zu vertiefen. Man darf die nachfolgenden Synoden nicht vernachlässigen, da sie sich mit wichtigen Themen beschäftigen, wie zum Beispiel dem Sakrament der Eucharistie oder dem Wort Gottes.

Man muss das Zweite Vatikanum in Betracht ziehen, da es eine Grundlage für eine neue Kirche geschaffen hat, die sich auf das 21. Jahrhundert vorbereitet. Aber man muss sich auch mit den Synoden und post-synodalen Schreiben befassen, wahre Schätze, die wir von unseren letzten Päpsten empfangen haben.

Wie beurteilen Sie die Dynamik der Neuevangelisierung und welche Erwartungen stellen Sie an die nächste Synode?

Die Neuevangelisierung wurde besonders für die westlichen Länder ins Leben gerufen, wo der traditionelle Glaube dramatisch sinkt. Man bezeichnet diese Länder aufgrund ihres Glaubensrückgangs nach- bzw. post-christlich; es ist die Folge einer Zeit,die geprägt war von Anti-Christentum und Anti-Geistlichkeit und die sich heute in Atheismus, Entchristianisierung und religiöse Indifferenz wandelt.

Die Synode möchte besonders in Europa und Nordamerika das christliche Bewusstsein der Menschen wieder erwecken, die es in diesen Ländern verloren haben.

Gleichzeitig dient die Synode auch den Ländern im Nahen Osten, wo der Glaube – wie schon erwähnt – oft bloß eine gesellschaftliche Etiquette oder Tatsache ist. Wir spüren hier das dringende Bedürfnis, den Glauben unserer Christen zu vertiefen, wie es sich die Synode selbst zur Aufgabe gemacht hat.

Ich möchte ein Beispiel anführen: selbst diejenigen, die sonntags in unseren Pfarreien zur Messe gehen, haben oft Schwierigkeiten, große Schwierigkeiten sogar, zu verzeihen, und empfangen die Heilige Kommunion, als ob nichts gewesen wäre.

Eine Neuevangelisierung dreht sich nicht nur um den Glauben selbst, sondern auch darum, wie man seinen Glauben als einen tiefen, bereichernden Glauben leben kann: einen Glauben leben, der verzeihen kann und nicht nur auf den Gang zur Sonntagsmesse, auf Fasten und Enthaltsamkeit beschränkt bleibt… einen Glauben leben, der von mir verlangt, Dienste freiwillig zu tun, zu spenden und zu verzeihen. Wir brauchen diese Synode für unsere Christen.

Ich sehe eine innige Beziehung zwischen dem Jahr des Glaubens und der Synode, die wir in den nächsten Tagen erwarten.

Das Gespräch führte Christophe Lafontaine