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Gepostet on 20 Sep 2012 in Kultur, Politik und Gesellschaft

Eine Vortrag ϋber die Lage der Christen im Heiligen Land

Eine Vortrag ϋber die Lage der Christen im Heiligen Land

Duderstadt (Deutschland) – Am 4. September 2012 hielt Pfarrer Firas Aridah der Pfarrei St. Joseph in Jifna, einen Vortrag zur Lage der christlichen Gemeinde im Heiligen Land. Wir veröffentlichen hier den Text seiner Rede.

Ich möchte mich bei Ihnen herzlich dafϋr bedanken, dass ich Ihnen heute morgen in dieser lebhaften Versammlung hier in Duderstadt  etwas ϋber die Lage unserer Christen im Heiligen Land erzählen darf.

Meine Name ist Firas Aridah und ich komme aus Jordanien. Ich bin ein römisch-katholischer Priester aus dem Lateinischen Patriarchat von Jerusalem, welches fϋr die Christen in Israel, Jordanien, die palästinensischen Gebiete und Zypern zuständig ist.

Es ist ein Land, das den Christen, Juden und Muslimen gleichermaßen heilig ist; alle drei Glaubensgemeinschaften existieren dort seit Jahrhunderten. Geschichtlich war es die Heimat vieler Nationen, im heutigen Kontext ist es die Heimat von Israelis und Palästinensern. Ein Land, zwei Völker, drei Religionen, von denen jede für sich tief verwurzelt in der Überzeugung von Jerusalem lebt und voller Leidenschaft für diese Heilige Stadt ist, und die alle drei daran erinnert werden müssen, dass kein alleiniges Recht auf sie akzeptiert werden kann.

Als ich zu meinem Dienst nach Jerusalem kam, hatte ich vor, meine ganze Energie in meine „alltäglichen“ Aufgaben als Gemeindepfarrer zu stecken – und mich um die Gläubigen und die Pfarrei zu kümmern und vorrangig besonders die Jugendlichen zu begeistern, so wie Sie es hier auch tun. Es war genau da, inmitten meiner tagtäglichen Aufgaben, wo ich ungewollt in diesen andauernden Konflikt mit hineingezogen wurde. Es war nie meine Absicht gewesen, mich in die Politik einzumischen – und ich bin immer noch entschlossen, die Politik den Politikern zu überlassen – mein Focus gilt dem Volk. Und in meinem Dienst an den Menschen musste ich mich mit der Besatzung befassen.  Mit der Besatzung kam die Konfiszierung von Grundstücken und die Demolierung von Häusern. Mit der Konfiszierung von Grundstücken und Demolierung von Häusern kam der Bau von Trennungsmauern im Westjordanland im Namen der Sicherheit, durch die wir noch 8 Prozent von unserem Land verloren, nicht die Grenzen von 1967. Mit dem Bau von Trennungsmauern kam die Zerstörung von Olivenhainen und das Stehlen unseres eigenen Wassers. Diese „alltäglichen“ Aufgaben als Gemeindepfarrer waren besonders schmerzlich in Palästina.

Olivenhaine sind für viele Palästinenser die Haupteinnahmequelle für den Lebensunterhalt. Sie dienen dazu Produkte wie Olivenöl, Seife und Holzkunstwerke herzustellen. Diese Bäume und diese Lebensgrundlage sind tausende von Jahren alt und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Diese Olivenhaine sind eine Lebensader mit grosser Bedeutung und hohem Wert in unserer Kultur. In Folge der bis zu 8 Meter hohen Mauer, die jetzt fast das gesamte Westjordanland umzäunt und neue Grenzen erzwungen hat, können die Menschen  ihre Grundstücke nicht mehr erreichen. Familien wurden getrennt; viele haben ihre Arbeit verloren oder sind um fortschrittliche medizinische Versorgung in Krankenhäusern, die seither für sie nicht mehr erreichbar sind, gebracht worden. Als Priester und Seelsorger treibt mich mein Gewissen und meine Berufung dazu, „eine Stimme für diejenigen zu sein, die keine Stimme haben, und die Schwachen und Unterdrückten zu verteidigen.“ (Patr. Sabbah. Seek Peace and Pursue it. 1998) Wie kann ich nichts dazu sagen, wenn diese Tragödie das Volk betrifft, welchem ich diene? Wie kann ich stumm bleiben, wenn die christliche Gemeinde, der ich diene, aufgrund dieser Besatzung auswandert?

Unsere jetzige Lage sieht so aus: Heute gibt es weniger Christen im Heiligen Land als noch im Jahr 1947, damals waren es 8 %, bis 2000 ist die Zahl auf 1,6 % zurückgegangen. Einst waren wir 27.000 Christen in Jerusalem, jetzt sind wir nur noch 9.000 Christen. Unsere Menschen wandern aus, unsere Präsenz wird bedroht, und wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird es zum Auslöschen der christlichen Präsenz kommen. Das liegt teilweise daran, dass mehr als 550.000 Israelis im Westjordanland und in Ost-Jerusalem leben. Viele unserer Dörfer unterliegen militärischer Kontrolle, mit erheblichen Zu-und Wegfahrtsbeschränkungen, die es nicht zulassen, dass man sich frei zwischen den Dörfern bewegen kann, sodass zahlreiche Familien getrennt sind und enge Verwandte sich  nicht treffen können. Unser Land um uns herum wird fortlaufend  konfisziert, um noch weitere israelische Siedlungen zu bauen oder schon bestehende Siedlungen weiter auszubauen. Vor kurzem hat Israel etwa 3.000 Morgen Land von 59 christlichen Familien aus Beit Jala eingenommen, um die grosse Siedlung Gilo und die Trennungsmauer zu erweitern, durch die wir mehr als 9% von unserem Land im Westjordanland verloren haben.

Die jüngste Entwicklung der Ausschreitungen zwischen Siedlern und israelischen Zivilbehörden zeigt, dass die Siedlungen ein Phänomen darstellen, welches weit über Israels Aufnahmefähigkeit hinausgeht. Diese Siedlungen verstoßen gegen ihre eigenen Gesetze und bedrohen ohne Frage den Frieden und die Stabilität der Region. Wie es im Buch der Sprüche heisst: „Wo keine Hoffnung mehr ist, da gehen die Menschen zugrunde.“ Eine ganze Generation von Israelis und Palästinensern ist mit Gewalt, Besatzung, Trennung und Hass aufgewachsen. Es gibt immer weniger Gelegenheiten, miteinander in Kontakt zu kommen. Das gegenseitige Misstrauen und die Angst voreinander nimmt weiter zu, und so fühlt sich unser Volk zutiefst hoffnungslos und verzweifelt.

Inmitten dieser unglücklichen Realität ist es unsere Aufgabe, unsere Stimme zu erheben und alle an die objektive Wahrheit zu erinnern, die Jesus Christus heißt. Mit den Worten unseres Patriarchen Fouad Twal: „Letztendlich werden Israelis und Palästinenser ihre Differenzen gemeinsam auf eine gerechte Weise austragen müssen, mit schmerzlichen Kompromissen auf beiden Seiten.“ Nein, wir Christen aus dem Heiligen Land lassen unsere Hoffnung nicht sterben. Wir leben das Evangelium heute – wir leben die Hoffnung, die das Evangelium verspricht.

Wir gehen unserem Herrn mit Überzeugung und Glauben entgegen, und lassen es nicht zu, dass unser Weg durch diese gewaltigen Hindernisse von Krieg, Gewalt und Besatzung behindert wird. Seid gewiss, liebe Freunde, wir gehen Jesus Christus entgegen und nichts wird uns daran hindern.

Es ist erstaunlich zu sehen, dass unsere kleine christliche Gemeinde in Gaza nicht nur unter der Besatzung und den ökonomischen Sanktionen, die ihr die freie Welt auferlegt hat, leidet – sie leidet auch unter Extremismus und Fanatismus, verursacht durch Mangel an Erziehung. Und trotz alldem ist diese kleine christliche Gemeinde entschlossen zu bleiben, fest entschlossen, dort zu leben, wo das Christentum schon seit 2000 Jahren existiert – nichts soll zwischen uns und unserem Herrn stehen. Wir wollen nicht, dass andere unsere Stimme nutzen. Wir stehen weder hinter einer fundamentalistischen Auslegung der Bibel, die die Übergriffe auf die Palästinenser zu legitimieren sucht, noch stehen wir für extremistischen Islamismus.

Wir haben eine vereinte christliche Botschaft, die wir der Welt mitteilen möchten. Diese Botschaft kann man im Kairos-Palästina-Dokument nachlesen. „Wir sind Denker, wir sind Theologen, wir sind Philosophen, wir sind Lehrer, wir glauben an die Bibel und an Jesus Christus, der den Jüngern von Emmaus alles auslegte, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war“ (Lk. 24, 27) und wir krempeln unsere Ärmel hoch und wollen etwas bewirken, indem wir Licht in eine düstere Situation werfen, weil nichts zwischen uns und unserem Herrn stehen darf.

Die Kirche hat in der Tat Wege gefunden, um den Menschen Hoffnung und eine Chance für eine bessere Zukunft zu geben. Als ein Beispiel: die katholische Kirche ist der größte private Erziehungs- und Bildungsförderer in der Region mit insgesamt rund 70.000 Kindern in mehr als 100 Schulen, die von verschiedenen Institutionen der Kirche geleitet werden.

Wir betreiben 14 Krankenhäuser und 3 Universitäten in der Region. Wir kümmern uns um die Ärmsten der Ärmsten in Waisenhäusern, Altersheimen, Zentren für Kinder mit sonderpädagogischen Bedürfnissen und Seelsorgeeinrichtungen für Familien und junge Erwachsene.

Wir leiten auch Jugendgruppen, Pfadfindergruppen und bieten sichere Anlaufstellen für Kinder zum Spielen. Wir leisten unseren Beitrag, indem wir erzieherische Möglichkeiten für die Jugend bereitstellen, die unsere Zukunft ist.  Wir glauben, dass nur wenn Christen, Muslime und Juden zusammen spielen, sie auch Freunde werden, und wir dann die Zuversicht auf langanhaltenden Frieden haben.

Leider sind es immer noch wenige, die in diesem Konflikt den Menschen helfen wollen; nur wenige sehen die menschlichen Gesichter der Kinder, Mütter und Väter, und der älteren Menschen, die von dieser Gewalt und Unterdrückung geschändet werden. Wir brauchen Ihre Hilfe, Ihre Unterstützung, wir möchten Sie bitten, mit uns dem leeren Grab entgegenzugehen, damit wir eines Tages gemeinsam die Frohe Botschaft hören können und eines Tages den Lohn ernten dürfen: „Recht so, du guter und treuer Diener! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh hinein in die Freude deines Herrn.“ (Mt. 25, 23)

Jetzt werden Sie sich vielleicht fragen, was können wir hier in Deutschalnd  für Euch im Heiligen Land tun? Lassen Sie es mich Ihnen sagen. Unsere lokalen Regierungen wie auch internationale Interventionen sind zu lange daran gescheitert, das zu tun, was wichtig wäre. Es ist notwendig, dass die Behörden erkennen, dass uns die Zeit davonläuft und dass einseitige Friedensaktionen, die nur eigennützigen Interessen dienen, uns nicht weiterbringen.

Diesen Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis zu verlängern, stärkt die Extremen auf beiden Seiten und schwächt diejenigen, die auf beiden Seiten den Frieden unterstützen. Wenn Sie intervenieren, können Sie die Aussicht auf Frieden sichern, bevor diese durch Extremismus und Gewalt vernichtet wird.

In unseren Schulen lernen und erfahren Kinder Menschlichkeit, das, was Jesus uns gelehrt hat: unsere Feinde zu lieben, denen zu vergeben, die uns Leid angetan haben, Friedenstifter zu sein, und Dialog und Wiederversöhnung zu fördern.

Die Christen in Palästina sind eine kleine Zahl, aber wir leisten einen Beitrag für eine bessere Zukunft für Palästinenser und Israelis. Immer wieder sehen wir die Jugendlichen, die in unseren Schulen und Universitäten ihren Abschluss machen oder von unseren Institutionen profitieren – sie verlassen uns mit einer neuen Einstellung. Trotz der Verzweiflung und Gewalt in der Gesellschaft, glauben sie an die Macht, die Welt zu erneuern, und werden so Vorläufer für Gerechtigkeit, Frieden und Toleranz anstatt Schüler von Tod und Zerstörung.

Ich glaube ganz fest, und mit mir alle, die auch voll Hoffnug sind, dass Palästinenser und Israelis zusammen leben können, aber damit dies Wirklichkeit wird, muss jede Seite die Würde des anderen anerkennen und dazu bereit sein, den anderen bedingungslos um der Menschlichkeit willen zu akzeptieren. Mit großer Leidenschaft und Mut müssen wir einen neuen und aufrichtigen Versuch starten, um den Frieden voranzutreiben und unsere Hand allen Religionen und  Völkern austrecken, die das Streben nach Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit mit uns teilen.

Die Besatzung muss enden, weil sie eine Sünde gegen Gott selbst ist. Gewalt und Terrorismus müssen aufhören.  Es dürfen keine weiteren Siedlungen auf palästinensischem Gebiet gebaut werden. Unsere christliche Präsenz muss unterstützt und gepflegt werden. Sie müssen die Institutionen unterstützen, die humanitären Projekten dienen. Sie können Ihre Stimme und Ihren Einfluß nutzen, die Aussicht auf Frieden zurückzuerwerben. Wenn Sie es nicht tun, wer dann? Geben Sie uns die Chance, eines Tages neben Ihnen zu stehen und sagen zu können: Zwei Nationen unter Gott in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit für alle!

Ich verspreche Ihnen, wenn wir Jesus entgegengehen, werden wir nie verlieren. Ich lade Sie ein, das Heilige Land als Pilger zu besuchen, an unserem Leben teilzuhaben und mit uns zu beten, unsere Projekte zu unterstützen, damit wir eines Tages das Ziel erreichen, an dem uns allen gelegen ist – Frieden.

Möge Gott Sie segnen, und jeden Ihrer Schritte segnen, die Sie unternehmen, um die Würde menschlichen Lebens in dieser Welt zu unterstützen.