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Gepostet on 14 Sep 2012 in Dialog, Interreligiöser Dialog, Publikationen, Vertiefung

Gaza: Beziehungen zwischen Muslimen und Christen, der christliche Blickwinkel

Gaza: Beziehungen zwischen Muslimen und Christen, der christliche Blickwinkel

Anlässlich der Tagung “Verständigung zwischen Muslimen und Christen in Gaza”, die am 27. August im Gazastreifen stattgefunden hatte, erinnerte der emeritierte Lateinische Patriarch  daran, dass die Bedingungen für ein besseres gegenseitiges Verstehen und ein gutes Zusammenleben in einer mutigen tiefgründigen Gewissenserforschung, voller Freundschaft und Wahrheit, liegen.

Die Rede von Erzbischof Sabbah :

Einleitung

  • Ich möchte zunächst dem Hernn danken, der es möglich macht, dass wir uns alle hier versammelt haben. Ich bitte den Allmächtigen von ganz Palästina, von Gaza (Gaza ist Teil von Palästina) um Seinen Frieden, Seine Gerechtigkeit, um Seelenfrieden für alle, Muslime und Christen.

Ich grüsse Palästina und seine Regierenden, die zum Wohle unseres Landes regieren. Ich bitte Gott, uns Oberhäupter zu schicken, die ihrem Volk dienen wollen, die ihr Land und die Bürger diese Landes lieben und ihnen ein würdiges Leben sichern können, ein Leben in Würde, wie es uns von Gott geschenkt worden ist; Oberhäupter, die die Einheit des Landes garantieren werden, damit es so bald wie möglich seine Freiheit wiedergewinnen kann.

Ich grüsse alle Teilnehmer dieser Konferenz, Christen und Muslime, alle islamistischen Bewegungen, die hier repräsentiert sind: Hamas, Jihad, die Salafisten und das Missionsvolk.

Ich grüsse auch alle Christen aus Gaza, in ihren verschiedenen Kirchen, und sage ihnen: “Seid mutig, habt keine Angst: wir alle aus Gaza und aus ganz Palästina, wir alle denken sehr an euch. Bleibt stark im Glauben, erfüllt mit der Kraft und Liebe Gottes.”

Ich danke der Vereinigung für Nationale Versöhnung, die diese Versammlung organisiert hat, und die uns alle eingeladen hat, damit wir gemeinsam über die Beziehung zwischen Brüdern und Bürgern, zwischen Muslimen und Christen, die alle Brüder und Bürger sind, nachzudenken.

                Der christliche Blickwinkel dieser Beziehungen

  • Die Beziehung zwischen Muslimen und Christen ist die Beziehung zwischen Bürgern und Bürgern: beide stehen die gleiche Prüfung durch und nehmen alle Anstrengungen für das gleiche Ziel auf, um seine Erfüllung zu erreichen: Einheit, Freiheit, Würde, Rückkehr in ihr Heimatland und Unabhängigkeit. Auf diesem Level reden wir von nationaler Einheit. An diesem Punkt stimmen wir alle überein. Jeder Christ und jeder Muslime muss dies verstehen und darf keiner Zwietracht nachgeben, die aufgrund religiöser Differenzen entstehen kann, und schon gar nicht in die Falle derer gehen, die diese Differenzen zu ihrem Vorteil nutzen, um Verhetzung (fitna) zu erreichen, und die Religion zu einem Faktor degradieren, der das Land schwächt und zerteilt.
  • Die Beziehung zwischen Christen und Muslimen ist eine Beziehung zwischen Gläubigen, die an Gott glauben, zwischen den moslemischen Gläubigen, die an Gott glauben, und den Christen, die an Gott glauben. Dieser Glaube an Gott ist die Basis der Beziehung zwischen Bürgern desselben Landes.

Zwischen unseren beiden Religionen gibt es Unterschiede; habt keine Angst, dies einzusehen, sie offen und ohne Angst zu respektieren. Aber wir dürfen diese Differenzen nicht dazu nutzen, eine Mauer zu errichten, die uns von allem trennt, worin wir übereinstimmen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass  unsere religiösen Differenzen zu einer Grenze zwischen uns oder zu einem Streit führen, wodurch wir einander das Leben schwer machen. Gott hat es im Geheimnis seines Willens so gewollt, dass jeder von uns einer anderen Religion angehört. Er ist der Führer; Er führt, wen er will, auf dem Weg, den Er will. Zwischen unseren beiden Religionen gibt es Unterschiede, aber im Herzen des Moslems, wie auch im Herzen eines Christen darf nicht der Unterschied herrschen, sondern vor allem Freundschaft und Brüderlichkeit. Die Treue des Muslimen zu seinem Islam und die des Christen zu seinem Christentum besteht darin, dass jeder von uns in seinem Herzen Gott den Schöpfer sieht, und in jedem Menschen eine Kreatur Gottes und Seinen Erben auf Erden.

  • Die Beziehung zwischen Christen und Muslimen ist daher zuerst und vor allem eine Beziehung der nationalen Bürgerschaft, in welcher wir gemeinsam dieselbe Prüfung durchstehen und dem gleichen Ziel verbunden sind. Zweitens ist es eine Beziehung zwischen dem Gläubigen und dem Ungläubigen. Drittens gibt es eine Beziehung zwischen den Personen. Diese Beziehung gründet auf dem Glauben selbst, in der islamischen Religion wie auch der christlichen Religion, und es ist die Basis der Einheit zwischen allen Menschen, – wodurch auch nationale Einheit entsteht.

Jeder Mensch ist eine Kreatur Gottes, die ihre Würde von der Würde Gottes selbst erhält. Dies ist der Grund, warum unter allen Menschen, trotz ihrer Unterschiede von Religion und Nationalität, eine fundamentale Gleichheit herrscht: alle sind Schöpfungen Gottes. Um so mehr, wenn sie alle Mitglieder einer gleichen Gesellschaft, eines Landes sind, obwohl unterschiedlich in ihren religiösen Zugehörigkeiten.

Ich, Muslim oder Christ, ich bin ein Mensch, ich bin eine Kreatur Gottes. Deshalb sage ich, wenn ich als Christ in Palästina spreche: wir sind zuerst und vor allem Menschen: dies ist die primäre Definition eines Christen und eines Muslimen. Deswegen, weder ich Christ, noch ich Muslim, bin eine Nummer oder eine Zahl. Was mich als Christen betrifft,  ist meine Anzahl klein, und mein Anteil in der Gesellschaft gering. Aber ich als Mensch, bin ein ganzes Wesen, jenseits von allen Zahlen und jeglicher Logik von Nummern; meine Würde kann nicht an der kleinen Anzahl und der bescheidenen Proportion gemessen werden. Ich bin keine Nummer   oder eine Proportion. Ich bin ein Mensch, und als solcher bin ich ganz menschlich, und ich repräsentiere die ganze Menschheit als ein Mensch; und ich bin ganz Palästinenser und ich repräsentiere ganz Palästina mit seinen Muslimen und seinen Christen: das ist meine wahre Identität.

Hier sind die drei Beziehungen, die unsere Einheit in der palästinensischen Gesellschaft stützen: die nationale Einheit, der Glaube an einen Gott in zwei unterschiedlichen Religionen und die Tatsache, dass wir alle Schöpfungen Gottes sind, dieselbe Schöpfung und gleichwertige Würde.

  • Lasst uns nun über konkrete Fakten sprechen und darüber, wie die Beziehung zwischen Muslimen und Christen in Palästina und hier in Gaza sich in Tatsachen wiederspiegelt. Bevor ich zu den Fakten komme, möchte ich damit beginnen, Gott, unserem Herrn, für die großartige Freundschaft, die existiert, und für das Interesse der Verantwortlichen in ganz Palästina und hier in Gaza zu danken. Es gibt gute Beziehungen zwischen den Menschen und eine solche Konferenz wie diese bestätigt es und ermutigt Freundschaft und gegenseitigen Respekt.

Wenn wir unsere Heiligen Bücher lesen, sehen wir, dass der Islam gebietet “Gutes zu tun und Böses zu unterlassen (بالمعروف والنهي عن المنكالأمرر ) gegenüber jedem Menschen. Wir finden im Koran auch viele Verse, die zum Respekt für alle Menschen einladen, und für Christen oder das Volk des Buches ganz besonders. Im Evangelium sagt uns Jesus: Ich gebe euch ein einziges Gebot, dass ihr einander liebt. Aber das Problem liegt nicht in unseren Büchern: es geht darum, wie wir Gläubigen das, was in unseren Heiligen Büchern steht, leben, wie wir sie verstehen, und wie wir uns anmaßen, zwischen einer Person und einer anderen Person aufgrung ihrer Religion zu unterscheiden, und so mit dem, was Gott uns aufgetragen hat, im Widerspruch stehen.

Am Ende dieses Kongresses wollen wir einen Bund (ميثاق ) zum guten Verständnis und Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen unterzeichnen. Doch bevor wir dies tun, müssen wir den Mut zu einer tiefgehenden Gewissensprüfung fassen, in aller Freundschaft und Wahrheit gleichermaßen. Deswegen spreche ich von zwei Arten von Geschehnissen, zunächst einer allgemeinen Tatsache, dann von spezifischen Tatsachen.

  • Der allgemeine Faktor ist die “Anzahl“, wie schon erwähnt. Ich habe erläutert, dass wir Christen und Muslime keine Nummern sind. Es darf nicht passieren, dass wir einander wie Nummern behandeln. Wir müssen eingestehen, dass wir das noch nicht gemeistert haben. Wir müssen noch daran arbeiten.

In Gaza sind es einige tausend Christen. Das gleiche in Palästina. Bei den Muslimen sind es Millionen. Die Gesellschaft ist muslimisch und der Islam ist ihr soziales Gesicht, der Islam deckt ihre Bedürfnisse und ihre gesellschaftlichen Veranstaltungen, die das gesamte Leben umfassen. Hier müssen in der muslimischen Gesellschaft Bemühungen angestellt werden, um sich der christlichen Kommunität besser zuzuwenden. Was für einen Muslim als solchen gilt, kann nicht auf einen Christen angewendet werden.

Gleichheit ist der Maßstab, den der Schöpfer aller Menschen jedem Menschen geschenkt hat, sowohl den Christen als auch den Muslimen. Der muslimische Gläubige akzeptiert, dass die Gesellschaft, in ihrer äußerlichen Ausprägung, im öffentlichen Leben islamisiert ist; der Islam hat seine Gebote und Verbote hinsichtlich des Gebetes und anderer Säulen des Glaubens, wie auch des Kleidens, Essens und Trinkens. All dies gilt für Muslime und darf nicht den Christen aufgezwungen werden. Gott hat alle Menschen frei erschaffen, und die Freiheit, die Gott unsgeschenkt hat, kann niemand wegnehmen.

  • Zweitens, einzelne Tatsachen. Dies sind Dinge, die sich ereignet haben. Darunter zwei Christen (ein Mann und eine Frau), die zum Islam konvertiert sind. Unser Standpunkt dazu ist klar: Jeder ist frei in seinen religiösen Überzeugungen. Aber diese Freiheit gilt sowohl für Christen wie auch für Muslime. Sicher, Christen sehen religiöse Freiheit nach ihrer Auffassung, und Muslime, genauso, verstehen Freiheit gemäß ihrer Überzeugung: eigentlich lehnt die christliche Gesellschaft genauso eine Konvertierung ab, wie ein Muslime es ablehnt, dass ein anderer Muslime zum Christentum wechselt.

Neben dieser Tatsache kommt es auf Straßenebene immer häufiger zu Konflikten: vor einer Woche gab es einen Anschlag auf ein christliches Viertel. Es gibt eine Art von Unruhe. Unsere Konferenzen dürfen nicht zu Verliesen werden, die uns davon abhalten, das was draußen auf unseren Straßen passiert, zu sehen, oder die Gefühle der Gläubigen zu verstehen. Daher ist es wichtig, dass in den Moscheen klar und deutlich gepredigt wird und in den Schulen ein vernünftiger Religionsunterricht stattfindet, der den jungen Menschen beibringt und sie einlädt, sich ihrer Würde, ihrer Brüderlichkeit und Einheit bewusst zu werden: es ist notwendig, dass wir alle erkennen, dass „wir in der Religion Brüder sind und als Geschöpfe Gottes einander ähnlich“ ( ما أخ في الدين وإما نظير في الخلق). Wir sind alle Menschen, Gläubige und Bürger.

Hier in Gaza sind viele aufgrund von vielseitigem Druck von außen emigriert. Christen in Gaza leben in Angst. Es sind Dinge passiert, die jeder kennt. Wir sagen, es seien Unglücksfälle und hoffen, dass es nicht wieder passiert. Die Hamas-Behörde hat getan, was sie konnte; wir würdigen dies und danken ihr. Es muss jedoch mehr für die Bewusstseinsbildung getan werden, sodass jeder Einwohner von Gaza und Palästina versteht, dass es Christen gibt, die Mitbrüder sind, die man respektieren soll und denen man Solidarität schenken muss. Diese Christen sind keine Zahlen oder kleine unbedeutende Prozente: sie sind schwache und schutzlose Menschen.  Wir brauchen eine neue Erziehung, damit solche Fälle sich nicht wiederholen.

  • Darüber hinaus möchte ich noch eines hinzufügen: Das Weiterleben der christlichen Palästinenser in Palästina und in Gaza ist eine Bedingung, die in der Natur Palästinas liegt: dies ist das Heilige Land, wo die Christenheit ihren Ursprung hat. Man kann es nicht zulassen, dass das Land eine seiner wichtigsten Religionen, die hier entstanden sind, verliert. Dies ist eine Aufgabe, die jedem Christen und Muslimen obliegt. Das Überleben der Christen ist sicherlich ein christliches Problem, aber es ist eben auch ein palästinensisches und ein arabisches Problem: daher trägt jede palästinensische Autoritätsbehörde die Verantwortung – und es ist eine ihrer obersten Aufgaben – alles in ihrer Macht stehende zu tun, um das Leben der palästinensischen Christen zu sichern. Hier in Gaza ist es die Pflicht der Hamas, die christliche Präsenz zu verteidigen und ihren Fortbestand zu sichern. In diesem Sinne sage ich zu allen islamischen Kräften und Bewegungen in Gaza: bleibt eurem Islam treu, aber verpflichtet euch, die Christen zu schützen, und sie nicht zu Muslimen zu machen.

Allen islamischen Kräften in Gaza, der Hamas, dem Jihad, den Salafisten und dem Volk der Mission, allen, wie auch immer ihr denkt, wenn ihr mit Christen in Gaza oder anderswo konfrontiert werdet, möchte ich sagen, für uns seid ihr wie Brüder, und wenn jemand das Gegenteil behauptet, werden wir es nochmals wiederholen und immer wieder sagen, dass wir         für euch Brüder sind: seid Muslime und Palästinenser. Und seht in jedem Christen in Palästina einen Glaubenden und eine Kreatur Gottes, dem Schöpfer aller Dinge, der Christen und der Muslime wie auch aller anderen Menschen; wir sind alle seine Geschöpfe und Gott hat uns die gleiche Würde verliehen. Gott lenkt wen Er will, wie auch immer Er will.

Ich bitte Gott, uns alle zu inspirieren, dass jeder von uns ein Mensch, ein Gläubiger, Muslim oder Christ, ein Palästinenser bleibt, der sich für Einheit und Gleichheit aller Menschen, und für die Einheit und Freiheit  unseres Landes einsetzt.

+ Michel Sabbah

Patriarch Emeritus of Jerusalem

In Gaza 27.08.2012