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Gepostet on 14 Aug 2012 in Politik und Gesellschaft, Regionalnachrichten

Reflexionen und Beobachtungen der Lage in Syrien, von Patriarch Gregor III. Laham

Reflexionen und Beobachtungen der Lage in Syrien, von Patriarch Gregor III. Laham

SYRIE – Der griechisch-melkitische Patriarch von Antiochien, Alexandrien und Jerusalem, mit seinem Hauptsitz in Damascus, hat in den vergangenen Tagen ein 24-Punkte-Dokument verfasst, welches „Betrachtungen und Reflexionen“ der syrischen Lage beinhaltet.

Hier folgt eine Zusammenfassung des Textes, entnommen der Webseite Terrasanta.net: Dieses Dokument soll vor allem als Orientierungshilfe dienen, um noch einmal klar und deutlich die Position der örtlichen katholischen Kirche im Lichte der dramatischen Ereignisse im Land darzustellen.

Der Patriarch beklagt eine Verleumdungskampagne „gegenüber den Hirten der syrischen Kirchen und ihrer Positionen“. Eine für Laham unerklärliche Kampagne, die die Bischöfe beschuldigt,  „Abmachungen, Intrigen und Ausbeutung mit dem Regime auszuhandeln, ihm unterwürfig zu sein und eine Taktik der Verzögerung zu betreiben“. (Nr. 9)

Wie es das Oberhaupt des syrisch-katholischen Episkopates schon mehrmals während dieser Krise getan hat, betont er immer wieder, dass seine Freiheit und die seiner Mitbrüder gewährleistet sei und dass „der Staat und seine Führer den Priestern niemals irgendwelche Vorschriften gemacht hätten oder sie gar zu bestimmten Aussagen oder Positionen gezwungen hätten“. (Nr. 10)

Zu seiner Selbstverteidigung fügt er hinzu: „Es wäre subversiv, die Glaubwürdigkeit, die Transparenz und die Loyalität unserer Pastoren anzuzweifeln, oder gar die Objektivität und Aufrichtigkeit ihrer Berichterstattung und Informationsquellen in Frage zu stellen. Die Hirten verlassen sich nicht auf die Medien, sondern stehen in engstem Kontakt zu ihren Priestern, Mönchen und Nonnen, ihren Gläubigen und vielen anderen Bürgern.“ (Nr. 13)

Die offiziellen Dokumente der letzten Monate, die die Positionen der Kirchen wiedergeben, sind für alle zugänglich, bekräftigt Laham und verweist auf die Stellungnahmen der katholischen Amtskirche und die der drei Patriarchen, deren jeweiliger Apostolischer Stuhl in Syrien liegt: das griechisch-orthodoxe Patriarchat, das Syrische und das Griechisch-Katholische. (Vgl. Nr. 11)

Nur in diesen Dokumenten bzw. offiziellen Stellungnahmen, so der Patriarch, spiegelt sich „die offizielle Stimme der syrischen Kirche“ wieder. „Wir lassen es nicht zu, dass irgendjemand in unserem Namen oder im Namen der syrischen Christen spricht, unsere Darstellungen verzerrt oder irgendwelche Beschuldigungen aufstellt.“ (Nr. 12)

Was ist nun, zusammenfassend, die Position der Kirche? Der griechisch-melkitische Patriarch resümiert  in den ersten Paragraphen seiner Betrachtungen: Zunächst die Überzeugung, dass „die größte Gefahr in Syrien heute die Anarchie, die fehlende Sicherheit und der massive Gebrauch aller Parteien an Waffen ist. Gewalt ist leider die vorherrschende Sprache. Eine Gefahr zeichnet sich ab, die alle Bürger bedroht, unabgesehen von ihrer Rasse, ihrer Religion oder ihrer politischen Überzeugung.“ (Nr. 1)

Christen sind eine „schwache Verbindung“, bemerkt Laham. „Sie sind am ehesten der Ausbeutung, der Erpressung, der Verschleppung, der Folter und sogar der (physischen) Verdrängung ausgesetzt. Aber Frauen sind auch Friedensstifter; unbewaffnet rufen sie auf zum Dialog und zur Versöhnung, zum Frieden und zu Einheit unter allen Söhnen und Töchtern dieses einen Landes“ (Nr. 2). Dennoch lehnen es die syrischen Bischöfe ab, dies einen islamisch-christlichen Konflikt zu nennen: „Es sind nicht die Christen an sich die Zielscheibe, aber sie sind zum größten Teil die Opfer dieses Chaos und der katastrophalen Sicherheitslage.“ (Nr. 3)

Der Patriarch sieht in der „Einmischung ausländischer Kräfte oder westlicher Araber die größte Gefahr. Es ist eine Einmischung, die einspurig, vorprogrammiert und destruktiv in  Waffen, Geld und Medien (Nachrichtendienste) endet“ (Nr. 4). Diese Art von Einmischung, so interpretiert es der religiöse griechisch-melkitische Führer, hilft keinem und schwächt sogar noch die Stimme der Mäßigung der Christen, und noch deutlicher, die der Patriarchen und Bischöfe, und der Vereinigung der katholischen Hierarchie in Syrien“ (Nr. 6). Eine Stimme, die schon des öfteren Reformen, Freiheit, Demokratie, Korruptionsbekämpfung, Entwicklungshilfe, Meinungsfreiheit und eine Kultur des Dialogs gefordert hat. (Vgl. Nr. 6)

„Die Sprache der Deklarationen – so hebt es der achte Punkt des Leitfadens  von Patriarch Laham hervor – war immer eine positive und friedliche, die sich auf Liebe und Dialog berief, und es strikt ablehnte, auf Waffen zurückzugreifen. (…) Kurz, die Stellungnahmen sind weit entfernt von jeglicher Art von Extremismus.“ Keine dieser Stellungnahmen ist eine Anspielung auf eine Verfolgung von Christen, die, wie wir gesehen haben, an sich nicht die Zielscheibe sind. Es gibt da sogar Verweise auf Konzepte wie „Muslime“, „Salafisten“, „Fundamentalisten“, „Oppositionelle“, „Angst“, „Regime“ oder „Partei“.“ (Nr. 7)

Laham kontert: „Wir glauben jedoch, dass Bemerkungen bestimmter Persönlichkeiten, Publikationen und Institutionen geradezu schädlich sind für syrische Christen und sie dadurch Gefahren, Entführungen, Ausbeutung und sogar dem Tod ausgesetzt werden“ (Nr. 14). „Dies sind diesselben Ansichten, die unter dem Deckmantel der zeitlich ungelegenen Fürsorge für Christen die Radikalisierung bestimmter bewaffneter Fraktionen gegen Christen noch verschärfen kann. Sie verschlimmern die Beziehungen zwischen den Bürgern, vor allem zwischen Christen und Muslimen, wie es in Homs, in Qusayr in Yabrud und in Dmeineh Sharquieh usw. … der Fall war.“ (Nr. 15)

Es wäre daher viel besser, im gesamten Syrien den Frieden anzustreben. Laham sagt, er sei davon überzeugt, dass „trotz des übermäßigen Blutvergießens und des Hasses, das aus Gefühlen von Feindschaft und Verbitterung hervorgegangen sei, die Syrier aufgrund ihrer langen Geschichte Experten des friedlichen Zusammenlebens seien, und dass sie die gefährliche Krise, die einmalig in ihrer Geschichte sei, lösen werden. Sie werden einander helfen, einander verzeihen und mit Liebe an einer gemeinsamen Zukunft arbeiten.“ (Nr. 18)

Eine große Hoffnung, die sich an die noch bestehenden Zeichen von Menschlichkeit und Nächstenliebe klammert: „Wir hoffen daher sehr, – so der Patriarch in Nr. 19 – dass die Initiativen der Zivilgesellschaft die durch den Konflikt so gefährdeten Bande der Nächstenliebe wieder stärken werden. Wir beten für den Erfolg der Mussalaha- (Versöhnungs-) Bewegung, welche aktiv von Delegierten aller Kirchen und ihrer Mitbrüder anderer Denominationen mitgetragen wird.“ „Gleichermaßen glauben, hoffen und erwarten wir, dass durch das Wirken der Versöhnung die Mussalaha  in ihrer Mission siegen wird und Einheit und Liebe sich in den Herzen aller verbreiten. (…) Wir unterstützen auch hoffnungsvoll die Bildung eines neuen Organs (innerhalb der seit Juni neu eingesetzten Regierung unter der Führung des neuen Premierministers, Riyad Farid Hijab – Hrsg.), des Ministeriums für Nationale Versöhnung“ (Nr. 20).

Nochmals zurück zum Appell an alle, die Gewalt abzulehnen und dem Teufelskreis des Tötens und Zerstörens, welches vor allem Zivilisten, also Christen und Muslime, trifft, ein Ende zu setzen.                 Die Überlegungen des Patriarchen wiederholen eine Überzeugung, die schon mehrmals während der Bischofssynode für den Nahen Osten im Oktober 2011 angeklungen ist: die islamische Welt braucht die christliche Präsenz in ihrer Nähe. „Und wir werden bleiben“, bekräftigt Laham, „so wie wir seit 1.435 Jahren unserer gemeinsamen Geschichte zusammenleben“ (vgl. Nr. 23).

Letztendlich will uns der Patriarch damit sagen, dass die Positionen der Bischöfe sowohl ihrem  christlichen Bewusstsein entspringen, als auch dem Bewusstsein, Bürger eines säkularen Staates zu sein. Der Prälat erklärt, dass die Vorrechte, die die Christen in Syrien genießen, nichts weiter sind als die universalen Rechte aller syrischen Bürger, egal welcher Denomination. Das besondere Gesetz, das den Christen in einigen Gebieten Anerkennung gewährt, so steht es in dem Text, „beruht auf der Geschichte und auf dem konfessionalen „Millet“-System aus der ottomanischen Zeit. Damals war der Patriarch das Oberhaupt seiner Kirche und somit sein religiöser und säkularer Orientierungspunkt. Das Kirchenrecht hat sich erst während des französischen Protektorats und unter  aufeinanderfolgenden syrischen Regierungen bis zur heitigen hin entwickelt. Die Behauptung, dass das Statut der Christen aus ihrer Mitwirkung im (gegenwärtigen) Regime resultiert, und mit diesem enden wird, ist grundsätzlich falsch.“ (Nr. 22)

Die Argumente von Bischof Laham enden mit Section 24, mit Appellen an eine Reihe von Gesprächsteilnehmern. Araber sind aufgefordert, an einer echten inneren Einheit zu arbeiten, weil „die Spaltung der arabischen Welt schon immer das erste Ziel war, im Innern wie von außen. Diese Spaltung ist der Grund für die Gefahren, die in dieser Region lauern, und die Ursache dafür, dass es im israelisch-palästinensischen Konflikt noch immer zu keiner gerechten umfassenden Lösung gekommen ist. Dieser Konflikt ist die Basis und der Hauptgrund für die  meisten Katastrophen, Krisen und Kriege in der arabischen Welt. Dieser Konflikt ist der hauptsächliche Anlass für den Exodus der Christen – so sieht es der Heilige Vater unser Papst, so sehen es viele Kirchenmänner, päpstliche Nuntien, und so wird es auch von israelischen und jüdischen Politikern bezeugt. (…) Frieden entsteht in der Einheit der arabischen Welt und die Rettung der Christen ist in der Einheit der arabischen Welt nicht gesichert. Von hierher rühren die Umstände für ein friedliches Zusammenleben und für den islamisch-christlichen und den intra-islamischen Dialog. Die größte Gefahr liegt darin, wenn der Islam selbst entlang der Bruchlinien der arabischen Welt gespalten wird. Dies wird sichtbar im sunnitisch-schiitischen Konflikt. Dieses Phänomen ist gefährlicher als die Bedrohung, der die Christen und andere gläubige Minderheiten in der Region ausgesetzt sind.“

Den „Brüdern in Europa“ ruft Gregor III Laham ganz unmißverständlich zu, dass man den Christen des Nahen Ostens nur dann helfen kann, wenn man sich mehr für die Einheit in der arabischen Welt einsetzt, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen versucht und sich um den Frieden in der Region bemüht.

Am Ende, immer noch an die Europäer gewandt, fast ein Schmerzensschrei: „Unser aller Schicksal, das der Christen wie auch der muslimischen Araber, ist dasselbe. Versucht uns nicht von unserer arabischen Gemeinde und Umwelt zu trennen, auch nicht von unserer muslimischen Gemeinde und Umwelt. Helft uns darin, unsere Funktion und unsere Aufgabe in der arabischen Welt zu meistern, damit wir präsent sein können in der arabischen Welt… und für sie in diesem Kontext wie ein Licht, wie das Salz oder wie der Hefeteig. (…) Macht uns in euren Analysen nicht zu Eindringlingen in unserer eigenen islamisch-christlichen Welt, auch nicht zu Stellvertretern oder Dhimmis (Schutzbefohlenen) für euch oder für irgend jemand anderen. Helft uns lieber, arabische Christen in unserer Kirche und in der Kirche des Islam zu sein. Europäische Brüder: Versteckt nicht eure eigenen Interessen hinter eurem Eifer für die Christen!“

† Gregor III. Laham  Griechisch-melkitischer katholischer Patriarch von Antiochien und dem gesamten Orient, von Jerusalem und von Alexandrien