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Gepostet on 8 Aug 2012 in Lokalnachrichten, Politik und Gesellschaft

Rundbrief über Gerechtigkeit und Freiheit in Jordanien von Pater Firas Aridah

Rundbrief über Gerechtigkeit und Freiheit in Jordanien von Pater Firas Aridah

Um den fortschreitenden Wandel in der arabischen Welt zu rechtfertigen, haben Worte wie Reform und Korruption monatelang die Schlagzeilen in der Presse gemacht.

Ich möchte mich heute jedoch von diesen Begriffen distanzieren, um etwas anzusprechen, was bis jetzt noch nicht gesagt worden ist – etwas, was für einen jordanischen Christen ausgesprochen werden muss, um wegzukommen von diesen Schlagzeilen, und zu beginnen, zwischen den Zeilen zu lesen.

Wie wäre es mit den Worten Freiheit  und Gerechtigkeit ? Wenn ich als jordanischer Priester in Palästina über Begriffe wie Freiheit und Gerechtigkeit nachdenke, werde ich mir bewusst, wie oft ich über Ungerechtigkeit und Unfreiheit in den besetzten Gebieten und in Gaza geschrieben, gesprochen und meine Stimme dagegen erhoben habe, und wie wenig ich über Freiheit und Gerechtigkeit im Kontext von Jordanien und seinem Monarchen, dem König Abdullah II bin Al Hussein gesprochen habe. Ich dachte mir, es könnte durchaus von Bedeutung sein, dies anzusprechen angesichts des derzeitigen Trends im Nahen Osten, durch demokratische Wahlen die Moslembrüder in die Regierungen zu wählen, wie in Tunesien und Ägypten, wo diese seither eine deutliche Mehrheit in der Volksabstimmung erhalten haben.

Der arabische  Frühling ist wie ein Aufschrei der arabischen Welt nach all den notwendigen Tugenden einer freien und unabhängigen Gesellschaft, in welcher die Regierung nicht weiter von einer Elite, sondern von gewöhnlichen Bürgern aus dem Volk repräsentiert werden soll. Zu den politischen Unruhen in Tunesien und Ägypten, in Lybien und im Yemen, wo die elitären Führer vertrieben worden sind, kommen jetzt zunehmend auch Bürgerunruhen in der gesamten Region hinzu: davon betroffen sind Bahrain und Syrien, erhebliche Protestbewegungen finden seit dem Jahr 2010 in Algerien, im Irak, in Jordanien, in Kuwait und in Marokko statt. In all diesen Gebieten haben internationale Medien hinsichtlich der Zukunft der dort lebenden christlichen Bevölkerungsgruppen eifrig spekuliert: Es ist  vor allem die Presse, die die Meinung verbreitet, die einheimischen Christen seien gegen diese Revolutionen. In einer Meldung heißt es: Christliche Bevölkerungsgruppen “würden eher einen brutalen Diktator (wie Assad) bevorzugen, der ihnen ihre religiösen Minderheitsrechte zugesteht, als eine unsichere Zukunft, die ein Abgang Assads mit sich bringen würde(1).” Diese Behauptung, man wolle den Status Quo beibehalten, verletzt damit eine der größten und ältesten christlichen Bevölkerungsgruppen in der Region – der im Irak. Offiziell hat die Kirche ausdrücklich darauf hingewiesen, daß sie einen Wechsel in denjenigen Ländern unterstützt, in denen Regime an der Macht sind, die das Wohl ihres Volkes aus den Augen verloren haben. Patriarch Fouad Twal beschrieb es so: “Die arabische Revolution war ein Wiedererwachen des Bewusstseins für Demokratie, Frieden und Soziale Gerechtigkeit. Muslime und Christen gingen Seite an Seite auf die Strassen. Der Arabische Frühling hat echte Begeisterung und hohe Erwartungen hervorgerufen.” Diese Demonstrationen haben Erfolge erzielt – Erfolge, die dem Westen jedoch nicht recht waren aufgrund derer, die da gewählt worden sind , und dennoch Erfolge, da sie Begriffe wie Gerechtigkeit und Freiheit wieder ins Bewusstsein gerückt haben.

In Jordanien haben wir jedoch ein etwas anderes Szenario. Hier ist, anders als in Syrien, Ägypten und Yemen, mit der Einführung der Monarchie auch eine Regierung gewählt worden. Und es war Jordanien und sein König selbst, die die Freiheit, unter anderem die Religionsfreiheit und die Gerechtigkeit, immer unterstützt haben. Und das inmitten einer politischen Situation, die ganz anders hätte ausgehen können, hätte man sie der Opposition überlassen. Das wurde sehr deutlich während der letzten Pilgerreise des Papstes Benedikt XVI. 2009 ins Heilige Land, als auf einmal die Opposition laut wurde: “Wer diesen transgressiven Lügner empfängt, ihn würdigt und verehrt, und seine Angriffe auf unseren Propheten und unsere Religion ignoriert, kann nicht mehr als Mitglied der moslemischen Gemeinde Mohammeds gesehen werden.”(2) Dies bekräftigte  Abu-Mohammed al-Maqdisi vor Ankunft des Papstes in Jordanien. Um sich von solchen Aussagen deutlich zu distanzieren, hiess Seine Majestät den Papst herzlich willkomen und betonte, Seine Heiligkeit sei der Gast aller Jordanier, nicht nur der Christlichen Gemeinde. Und auch der Papst nannte bei seiner Reise den König ein Oberhaupt, “das für ein besseres Verständnis der Tugenden des Islam eintritt.”(3)

Nun müssen wir uns im gegenwärtigen Kontext die Lage hier genauer anschauen. Während die meisten entwickelten Länder weiterhin in der weltweiten Finanzkrise stecken, fühlen die Jordanier deutlich den Druck. Inflation und Arbeitslosigkeit wachsen stets an und die Menschen haben es sehr schwer, irgendwie durchzukommen. Dennoch war es erstaunlicherweise nicht die wirtschaftliche Instabilität, die die Menschen 2011 und 2012 auf die Strassen getrieben hat, sondern Schlagwörter wie Korruption und der Ruf nach politischen Reformen.  Als Reaktion auf diese Rufe versprach Seine Majestät nicht nur Reformen und Repräsentanz, sondern auch mehr an Gerechtigkeit und Freiheit. Nicht zu vergessen die staatlichen Subventionen und mehr Unterstützung in der schwierigen Wirtschaftslage. Er stand den Regierungsangestellten bei (die den grösstenTeil der Arbeiterklasse ausmachen) und sogar denen im privaten Sektor (Unternehmern, kleinen Unternehmen und multinationalen Konzernen). Inmitten der Wirtschaftskrise konnte Jordanien in seine Bürger wie auch in seine Gäste investieren.

Letztendlich hat der verstorbene König Hussein seinem Sohn Abdullah weitaus mehr als ein Königreich vermacht, er hat ihm eine besondere Fähigkeit als Erbe hinterlassen – nämlich die Begabung, den Kontakt zur  kostbarsten Ressource des Landes herzustellen  – zu seinem Volk selbst. Dieses Vermächtnis hat den König nicht nur dazu bewegt, Reformen zu versprechen, durchzusetzen und Korruption zu bekämpfen, er hat ihnen auch das Versprechen gegeben, mit ihnen auf die Strasse zu gehen, wenn es darum geht, Verantwortliche in der Regierung auf das Wohl des Volkes aufmerksam zu machen. So etwas würden die Moslembrüder niemals versprechen oder tun, damit im Land Stabilität und Wachstum herrschen.

Als Christen sollten wir nicht die Tatsache in den Mittelpunkt stellen, dass wir eine Minderheit sind, oder dass wir wie viele andere auch eine schwere Wirtschaftskrise durchzustehen haben, oder den Status Quo wahren – wir sollten vielmehr fähig sein, als Jordanier den Traum zu verfolgen, in unserer Region in Freiheit und Gerechtigkeit zu leben. Wir dürfen nicht in die gleiche Falle treten, die vielen anderen zum Verhängnis wurde, Schlagwörtern folgen oder uns in Agendas zu verstricken. Agendas sind nicht unser Ziel. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, die sich für Randgruppen einsetzt, für die Armen und die Ungebildeten. Es gibt einen Weg, wie wir dies erreichen können, es ist ein Weg, der für unsere Werte und unsere Kultur steht, der nicht dem Materialismus oder Extremismus nachgegeben hat. Es ist der Weg unseres Königs, der Weg der Gerechtigkeit und der Freiheit, der in Jordanien HASCHEMITISCH buchstabiert wird.

(1)    Nahost-Christen besorgt über Arabischen Frühling? http://gulfnews.com/news/region/general/middle-east-christians-worried-about-arab-spring-1.956435. Von Sara Shurafa.

(2)    Papst, in Jordanien, bekundet Respekt für Islam: http://www.msnbc.msn.com/id/30636465/ns/world_news-world_faith/t/pope-jordan-expresses-respect-islam/.

(3)    http://edition.cnn.com/2009/WORLD/meast/05/09/jordan.pope.visit/index.html