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Gepostet on 31 Mai 2012 in Patriarch, Publikationen, Rede und Interviews FT, Vertiefung

Der Patriarch über die Hoffnung in Unserer Liebe Frau für eine Lösung im Nahen Osten

Der Patriarch über die Hoffnung in Unserer Liebe Frau für eine Lösung im Nahen Osten

Crotone, Italien, 21. Mai 2012, (Zenit.org) – Nach einer Pressekonferenz am 17. Mai sprach Patriarch Twal mit ZENIT über die Situation im Nahen Osten.

Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, besuchte letzte Woche die süditalienische Stadt Crotone zum Fest der Madonna von Capocolonna, die dort seit vielen Jahren verehrt wird. Nach einer Pressekonferenz am 17. Mai sprach Patriarch Twal mit ZENIT über die Situation im Nahen Osten.

 

ZENIT: Ihre Seligkeit, Sie haben gesagt, dass Jerusalem eine besondere Berufung hat: eine Stadt des Friedens zu sein. Was steht heute gegen die Erfüllung dieser Berufung?

Patriarch Twal: Wie alle menschlichen Berufungen, ist sie aufgrund des menschlichen Willens und seiner Freiheit nicht immer erreichbar. Darüber hinaus möchte ich daran erinnern, dass es in Jerusalem nicht nur die spirituelle Dimension gibt, die uns alle verbindet, sondern auch private Interessen, die Agenden der Politiker und viele andere Faktoren, die, wenn sie zusammenkommen, die volle Verwirklichung des Friedens behindern. Es gibt heute ruhige Zeiten, aber den wahren Frieden, der die volle Bewegungsfreiheit, die volle Zugangsfreiheit zu den Heiligen Stätten, die volle Freiheit für die Christen des Nahen Ostens zu leben, gewährt, hat es bis jetzt noch nicht gegeben.

 

ZENIT: Wie ist die Situation der Christen derzeit im Heiligen Land, auch angesichts der jüngsten Akte von Vandalismus durch einige junge Israelis auf heilige Symbole und Bilder?

Patriarch Twal: Es sind diese traurigen und beklagenswerten Ereignisse, unter denen die Christen von Jerusalem schon immer zu leiden hatten. Die christliche Kirche in Jerusalem ist zu fast 100% arabisch und die Christen sind ein integraler Bestandteil der arabischen und palästinensischen Bevölkerung: sie leiden und freuen sich mit der lokalen Bevölkerung und streben nach dem  gleichen Ziel, nämlich dem Frieden. Einen Frieden, wie ich vorher sagte, der sich in Gerechtigkeit, in Ausdrucksfreiheit, in Freiheit der Bewegung und der Arbeit übersetzt, in die Freiheit also, die sie noch nie „gekostet“ haben.

Dann haben wir christliche Bevölkerungsgruppen, die von außerhalb kommen – vor kurzem zum Beispiel zahlreiche Filipinos -, die nach Jerusalem zum Arbeiten gekommen sind und sich sich in einer schwachen Position befinden, da sie von einem Moment zum nächsten ausgewiesen werden können. Aus diesem Grund versucht die Kirche für sie einen guten pastoralen Dienst und eine Rechtsberatung sicherzustellen, um ihnen zu helfen, ihre christliche Identität zu leben und diese nicht zu vergessen.

 

ZENIT: Sie haben gesagt, dass Sie „mehr besorgt“ über das Phänomen der Auswanderung der christlichen Bevölkerung als über das der Zuwanderung sind. Hält also die „Flucht“ der Christen aus diesem Land an?

Patriarch Twal: Leider ja. Die Auswanderung der Christen aus dem Heiligen Land kann als ein „menschliches Ausbluten“ beschrieben werden. Wir leiden stark darunter, da wir schon wenige sind und damit der Wegzug auch nur einer einzigen Person bereits ins Gewicht fällt.

Auch viele Juden – ganze Familien – verlassen das Land, sowie auch viele Muslime, die mit der gegenwärtigen Situation nicht zufrieden sind. Aber da hier viele von ihnen wohnen, ist der Wegzug einer Person, einer oder zehn Familien nicht weiter besorgniserregend. Für uns Christen hingegen bedeutet dieses Niveau der Auswanderung ein echtes Risiko.

 

ZENIT: Wo ist die Ursache zu suche?

Patriarch Twal: In der Besatzung, in der politischen Lage, in den schwierigen Lebensbedingungen, im Mangel an Arbeit und an Vertrauen. Es ist fast selbstverständlich, dass diese Option der Auswanderung sich stellt, da die einzige wirkliche und radikale Abhilfe – Frieden – immer noch sehr weit entfernt ist.

 

ZENIT: Wenn die christliche Bevölkerung nicht auswandert, wie verhält sie sich?

Patriarch Twal: In der Zivilgesellschaft, ob in der israelischen oder der arabischen, gibt es zahlreiche Gruppen, die sich aus hunderten von Müttern zusammensetzen, die ihre liebsten Verwandten verloren haben. Sie sind Mütter und nicht nur christliche, sondern muslimische, jüdische und palästinensische, aus allen Nationalitäten, die zusammenkommen, weil sie von der Blutrache und der Gewalt müde sind und sich nur Frieden wünschen. Neben ihnen haben wir sehr viele kontemplative Ordensgemeinschaften, deren Mitglieder nicht die Mauern ihrer Klöster verlassen, aber durch beständiges Gebet einen sehr starken und effektiven Beitrag leisten.

 

ZENIT: Auch in diese Richtung gehend, es gibt viele Gruppen und Bewegungen – kirchliche und nicht-kirchliche – die sich dafür einsetzen, die Wurzeln und die Präsenz der Christen im Heilige Land zu stärken. Was denken Sie darüber?

Patriarch Twal: Dass sie hier herzlich willkommen sind! Ich möchte jedoch auf besondere Weise der Bewegung der christlichen Arbeiter danken, die auf direktere Weise in der lokalen Kirche engagiert ist. Nicht alle übrigen Bewegung sind es in gleicher Weise…

Es ist schade, da ich glaube, dass sie alle ein Reichtum des Heiligen Geistes bedeuten, und ihre Integration würde in vielen Situationen helfen.

Ich muss zugeben, dass ich nicht von allen den selben guten Willen sehe, daher möchte ich an sie appellieren, mehr Sensibilität gegenüber der lokalen Kirche, der lokalen Bevölkerung und ihrer Leiden zu zeigen. Jeder soll in sich gehen und darüber nachdenken, ob er mehr tun kann als bisher.

 

ZENIT: Unter den Initiativen und Projekten, die die Italienische Bischofskonferenz und der Heilige Stuhl fördern, welche von diesen sollte unterstützt werden?

Patriarch Twal: Die Institutionen, die Schulen, die Universitäten in erster Linie. Vor kurzem gab es ein Projekt, für das die Italienische Zusammenarbeit durch Minister Frattini und Dr. Elisabetta Belloni einen sehr guten Beitrag geleistet hat, nämlich der Bau von Wohnungen für junge christliche palästinensische Paare. Projekte dieser Art sind notwendig und ich hoffe, dass sie wieder vorgeschlagen werden.

Letztes Jahr haben wir eine Universität dank der Unterstützung des Heiligen Vaters und der Italienischen Bischofskonferenz eröffnet. An dieser Stelle möchte ich besonders den Italienern für ihre Nähe und Sensibilität gegenüber uns Christen im Nahen Osten danken.

 

ZENIT: Sie beziehen sich auf die Katholische Universität in Jordanien, die im letzten Herbst eingeweiht wurde: Ein Wunsch, der ihnen besonders am Herzen lag und ebenfalls vom Heiligen Vater bei seinem Besuch im Jahr 2009 zum Ausdruck gebracht wurde. Heute Morgen sprachen Sie auch von mehr als 105 katholischen Schulen in Palästina. Können Bildung und Erziehung der Schlüssel zu einer besseren Zukunft sein?

Patriarch Twal: Sicherlich! Eine Person, die einen Abschluss hat und gut vorbereitet ist, kann für sich selbst und für andere eine bessere Zukunft garantieren. Die Ausbildung ist ein grundlegendes Element: Es bedeutet, die neuen Generationen vorzubereiten, auch verantwortlichere Führungsfiguren auszubilden, den Geist der jungen Leute auf das Neue und auf die Zusammenarbeit hin zu öffnen.

Auch die Bevölkerung von Jordanien hat dies verstanden, so sehr, dass die Universität, obwohl sie ihre Pforten erst im Oktober letzten Jahres geöffnet hat, bereits 300 Studierende zählt.

 

ZENIT: Mit was ist das Patriarchat von Jerusalem gerade beschäftigt?

Patriarch Twal: Mit allem: Von der Teilnahme an der Synode für die Neu-Evangelisierung im Oktober und dem Treffen der Familien in Mailand, bis hin zum Besuch des Papstes im Libanon und dem Internationalen Eucharistischen Kongresses in Dublin. Alles muss von Jerusalem ausgehen!

 

ZENIT: Eine letzte Frage, die sich im Marienmonat Mai geradezu aufdrängt: Wie wird die Verehrung der Jungfrau im Heiligen Land gelebt?

Patriarch Twal: Wir brauchen Maria. Wir sind in diesem Moment verwundbar und wir suchen nach Hilfe und Schutz. Sicherlich vertrauen wir nicht den Politikern. Mit ihnen gibt es keine Hoffnung. Stattdessen hat die Muttergottes uns nie enttäuscht, weil sie wirklich unsere Mutter ist. In der Tat ist sie für unsere Probleme noch empfindlicher, da sie aus Nazareth ist, und das heisst, sie ist eines unserer „Pfarrkinder“.

Von Salvatore Cernuzio, Zenith